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BERICHT/001: Wissen ist Macht - freie Lizenzen gegen Herrschaft und Kontrolle ... (SB)


Leben in der Rekursion


Vortrag "Free Software, Your Freedom, Your Privacy" von Richard Stallman am 10. Februar 2017 an der TU Berlin

Was die Apps auf dem Smartphone, das Betriebssystem auf dem PC im Büro und die Anbieter sozialer Netzwerke wirklich machen, wissen Milliarden von Nutzern rund um den Erdball nicht. Wer Smartphone, Tablet und PC verwendet, interessiert sich meist gar nicht für die geheimnisvolle Welt der Computerprogramme, die auf seinen Geräten ablaufen - es sei denn, jemand ist Programmiererin oder Programmierer.


Beim Vortrag - Foto: © 2017 by Schattenblick

Richard Stallman
Foto: © 2017 by Schattenblick

Daß es anders sein kann und es gute Gründe gibt, sich mit Computerprogrammen eingehender zu befassen, hat Richard Stallman, seit den 80er Jahren einer der einflußreichsten und charismatischsten Programmierer überhaupt, am 10. Februar 2017 in seinem Vortrag "Free Software, Your Freedom, Your Privacy" in Berlin klargestellt. Dazu eingeladen hatte die Regionalgruppe Berlin/Brandenburg der Gesellschaft für Informatik e.V. Geschätzte 400 meist junge Leute besuchten die Veranstaltung im Architekturgebäude der TU Berlin.

Stallmans Argumentation folgt einer einfachen wie verblüffenden Logik: Wenn du das Computerprogramm nicht kontrollierst, kontrolliert der Computer dich. Der Computer wiederum ist Erfüllungsgehilfe derjenigen, die ihn programmiert haben, sowie der Unternehmen, bei denen die Programmierer in Lohn und Brot stehen. Wer sich von seinen Computern kontrollieren läßt, ist nicht frei. Eine Gesellschaft unfreier Menschen kann keine Demokratie sein. Das heißt, die Individuen kooperieren nicht zum wechselseitigen Nutzen, indem sie zum Beispiel Wissen teilen. Deshalb braucht die Demokratie, was die Informationstechnologie betrifft, freie Software. [1]

Was freie Software und ihre Intentionen sind, hat Stallman bereits in den frühen achtziger Jahren präzisiert, als der bis dahin freie Austausch von Computercodes unter den sich Hacker nennenden Programmierern in den USA durch die Einführung sogenannter proprietärer Software mehr und mehr eingeschränkt wurde. Restriktive Lizenzen verhinderten, daß die Programme mit vertretbarem Aufwand untersucht werden konnten. Änderungen und Weitergabe der proprietären Software waren verboten.

Stallman antwortete darauf mit den "Manifest" genannten Forderungen, Software müsse von jedem analysiert und für jeden Zweck genutzt werden dürfen. Kopien dürfen angefertigt und weitergegeben werden. Änderungen am Code sind zulässig und dürfen ebenfalls weitergegeben werden. Das sind die vier "Freiheiten", die erfüllt sein müssen, bevor eine Software als "frei" bezeichnet werden kann. [2]

GNU ist ein freies Betriebssystem, welches Stallman initiiert und zusammen mit anderen entwickelt hat. Die auf dem System laufende Software sollte mit dem proprietären Betriebssystem Unix kompatibel sein. Das rekursive Akronym GNU steht für "GNU is not Unix". GNU ist nicht mit Linux zu verwechseln. Linux heißt der sogenannte Kernel, den der finnische Student Linus Torvalds zum GNU-Projekt sieben Jahre nach dessen Start beigesteuert und 1992 unter die freie GNU General Public License GPL in der Version 2 gestellt hat. In Anerkennung der Verdienste von Torvalds nennt Stallman das Betriebssystem "GNU/Linux" oder "GNU mit Linux", aber niemals "Linux" allein. Diese Bezeichnung wäre unzutreffend und respektlos gegenüber der Arbeit der GNU-Programmierer, so Stallman.

Die Konsequenzen seines Anliegens reichen weit. Niemand kann in freie Software Überwachungs- und Schadfunktionen einschleusen, die unentdeckt bleiben könnten. Das gilt auch für die Organe des Staats. Wenn diese die Bürger nicht mehr überwachen können, ändert sich die Gesellschaft über den Rahmen der Informationstechnologie hinaus. Dafür kann sich, wer von Überwachung und Fremdbestimmung frei sein will, einsetzen.

Stallman hat seine Idee der freien Software mit der Ankündigung des freien Betriebssystems GNU 1983, der Gründung der Free Software Foundation (FSF) 1985 und der ersten Formulierung der GNU General Public License (GPL) 1989 realisiert. Mit der strengeren Version der GPL führte Stallman das Copyleft anstelle des Copyrights ein. Das Copyleft sorgt dafür, daß freier Code nicht in proprietäre Softwareprojekte eingebunden werden darf.


"Freie" Software heißt nicht "kostenlose" Software

Mit Verweis darauf, daß unbedarfte Nutzer freie Software zu leicht mit Gratissoftware verwechseln könnten, haben Ende der neunziger Jahre Gegner einer ethischen Bindung freier Software die Open Source Initiative gegründet und eigene Lizenzen propagiert, welche Teile der GPL aufgegriffen hatten. Stallman spricht den Vertretern von Open Source ab, eine Bewegung zu sein, weil sie kein ethisches Anliegen haben. [3] Seit Mitte der neunziger Jahre kommuniziert Stallman sein Konzept von freier Software und den damit verbundenen ethischen Fragen auf zahlreichen Vortragsreisen mit der ganzen Welt.

Teilung bzw. Mitteilung von Wissen und freie Zusammenarbeit von Menschen setzt Kommunikation voraus. Erst in der Kooperation können Gesellschaften und Regierungen bewegt werden, Restriktionen zurückzunehmen und freie Kommunikation zu ermöglichen. Das kann laut Stallman für einen jeden damit beginnen, daß er von "GNU plus Linux" und nicht von "Linux" sowie von "freier Software" und nicht von "Open Source" spricht. Stallman weigert sich strikt, auf die damit einsetzende Kommunikation oder Entwicklung zu verzichten, nur weil Kritiker seiner Beharrlichkeit glauben, das Scheitern der Free-Software-Bewegung vorhersagen zu können. Stallman diskutiert nicht einmal über Aussichten, daß die Bereitschaft der Menschen, sich mit der Allmacht von NSA, Google und Microsoft abzufinden, droht die Idee der Freiheit in Vergessenheit geraten zu lassen.

Was wohl jeder Nerd kennt: Kommunikation ist bei weitem komplexer, doppelbödiger und mehr von Widersprüchen geprägt als jede Computer-Programmierung. Der Problematik der Kommunikation begegnete Stallman in seinem Vortrag unter anderem mit der die Publikumserwartungen reflektierenden Persiflage des Heiligen IGNUatius der Kirche des Emacs - das ist eigentlich der gleichnamige, von Stallman und anderen nach 1984 neu programmierte, freie Editor Emacs. Doch bei weitem ist Stallman kein Clown oder Agitator. Seine Biographie belegt seine Glaubwürdigkeit. 1984 gab er seine Stellung beim AI Lab (Abteilung für Künstliche Intelligenz / Artificial Intelligence) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf, damit die von ihm für das GNU-Projekt geschriebene freie Software durch seinen Arbeitgeber nicht in eine proprietäre umgewandelt werden konnte.


Stallman mit langer Robe und Heiligenschein neben Rednerpult - Foto: © 2017 by Schattenblick

Der Heilige IGNUatius auf Mission ...
Foto: © 2017 by Schattenblick

Der 1953 in Manhattan geborene Stallman schloß 1974 sein Physikstudium an der Harvard-Universität mit dem Bachelor of Arts und sehr guter Bewertung (magna cum laude) ab. Bereits gegen Ende seines ersten Studienjahrs 1971 programmierte er für das AI Lab. 1975 wurde der 23jährige Stallman Forschungsassistent des knapp sechs Jahre älteren Prof. Gerry Sussman, der zu den Gründungsdirektoren der Free Software Foundation [4] gehört.

Bereits als 17jähriger hatte Stallman den Code für den von IBM sehr erfolgreich verkauften Mainframe-Computer System/360 geschrieben. Am AI Lab arbeitete er an Rechnern vom Typ PDP-10 des Unternehmens DEC. Heute lehnt es Stallman ab, irgendein Gerät zu nutzen, dessen Betriebssoftware nicht bis in den letzten Winkel hinein transparent ist. Auf seinen persönlich genutzten Computern hat er ein freies BIOS und eine freie Distribution installiert. Smartphones nimmt Stallman nicht in die Hand - es sei denn, sie gehören jemand anderem, wie er im Vortrag schelmisch berichtete. Den Geheimdienstdissidenten Edward Snowden, der die weltweit verübten NSA-Überwachungspraktiken aufdeckte, und den australischen Wikileaks-Gründer Julian Assange feiert er als Helden.

Seinen Vortrag hatte Stallman mit der Bitte eröffnet, die Lokalisierungsfunktion im Smartphone abzuschalten, bevor von ihm Fotos gemacht werden. Außerdem sollten Aufnahmen von ihm und anderen nicht nach Facebook hochgeladen werden, weil das Unternehmen anhand von Gesichtern und "Hinterköpfen" die Identität der Abgelichteten feststellen kann. Audioaufnahmen sollten nur in Formaten ins Internet gestellt werden, die mit nicht-proprietären Playern abspielbar sind. Es gibt offenbar einiges zu tun, um sich und seine Freunde vor proprietärer Software und Ausspähung zu schützen.


Fußnoten:

[1] Stallman verweist zur Erläuterung des Begriffs "freie Software" (engl.: "free software") auf den Begriff der Redefreiheit (engl.: "free speech" oder "freedom of speech"). Eine direkte Übersetzung ins Deutsche lautet demnach nicht "freie Software", sondern "Softwarefreiheit". Mit letzterem Begriff kann allerdings nicht dieses oder jenes Computerprogramm bezeichnet werden. Eine eindeutige, wenn auch wenig allgemeinverständliche Übersetzung von "free software" könnte "GPL-lizenzierte Software" sein. Diese Bezeichnung ließe wiederum die Konnotation zu "Freiheit" missen.

[2] https://www.gnu.org/

[3] Das führt Stallman in dem ebenfalls heute veröffentlichten Interview mit dem Schattenblick näher aus:
INTERVIEW/001: Wissen ist Macht - freie Software, freies Spiel ...    Richard Stallman im Gespräch (SB)

[4] https://www.fsf.org

14. Februar 2017


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