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BERICHT/109: 1. Weltkrieg im nationalen Gedächtnis Großbritanniens (TU Dresden)


Dresdner UniversitätsJournal Nr. 2 vom 30. Januar 2007

Klatschmohnblüten und elfter November

Der Erste Weltkrieg im nationalen Gedächtnis Großbritanniens


Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen drängt die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges bisweilen das Gedenken an und den Umgang mit dem Ersten Weltkrieg stark in den Hintergrund. Dass dies nicht in allen europäischen Ländern ähnlich ist, erfuhren Studierende der Anglistik/Britische Kulturstudien am 12. Januar im Rahmen eines Gastvortrages von Professor Ralf Schneider von der Universität Bielefeld.

Unter dem Thema "The First World War: Experience and Cultural Memory in Britain" sprach Schneider über die spezifische Art und Weise, wie der Erste Weltkrieg im britischen nationalen Gedächtnis und Gedenken verankert ist.

Der Krieg hatte 1914 auch in Großbritannien mit großer Begeisterung und nationaler Euphorie begonnen. Besonders die traditionellen Werte des - erst mit dem Great War wirklich ausklingenden - neunzehnten Jahrhunderts spielten hierfür eine Rolle. Konzepte von Männlichkeit, Tapferkeit und Aufopferung für die Nation unterstützten die traditionelle Vorstellung vom Krieg als Sport, geführt nach den Regeln des typisch britischen Fair Play.

Schnell schlug die nationale Euphorie aber in Entsetzen über den hoch mechanisierten Krieg um, der bis dahin ungekannte Zahlen von Opfern forderte und zur "Urkatastrophe" (George F. Kennan) des 20. Jahrhunderts wurde. Diese Enttäuschung der anfänglich so hochfliegenden Erwartungen stellt für Schneider einen Grund für die anhaltende Bedeutung des Krieges in der britischen Erinnerung dar. So sei die Naivität und die Kriegsbegeisterung der britischen Bevölkerung besonders durch den Stellungskrieg und seine sinnlosen Menschen- und Materialschlachten ad absurdum geführt worden.

Die wahrgenommene Diskrepanz zwischen der neuentwickelten Kriegstechnologie und dem Stillstand in den Schützengräben setzte sich außerdem tief im britischen Gedächtnis fest. Obwohl der Krieg nicht nur an der Westfront geführt wurde, erinnert Großbritannien besonders die Kämpfe in den Schützengräben. Als Seemacht hatte das Land noch nie einen solchen Krieg geführt. Die Schützengräben wurden so zu einem herausragenden Topos der Erinnerung an den Great War. So ist denn auch das nationale Kriegsdenkmal, der Cenotaph (griechisch: leeres Grab) in London, auf die Assoziation der Gräben mit Gräbern zurückzuführen.

Über die unmittelbaren Kriegserfahrungen hinaus kam es auch in Großbritannien nach dem Krieg zu umfassenden gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, wodurch die Jahre von 1914 bis 1918 noch stärker als Zäsur im britischen kollektiven Gedächtnis verankert wurden. Besonders die Geschlechterordnung wurde flexibler. Nachdem das Thema seit Jahrzehnten in der britischen Gesellschaft kontrovers diskutiert worden war, erhielten 1918 auch Frauen (ab 30) das Wahlrecht.

Als bedeutsam für Großbritannien kann außerdem der Umstand gesehen werden, dass mit dem Great War der Aufstieg der USA zu einer Weltmacht begann, während sich - besonders im historischen Rückblick - das Ende des britischen Empire abzuzeichnen begann.

Schon während den 1920er Jahren verfestigte sich das britische Gedenken an den Great War zu einem kollektiven Mythos der Desillusionierung und des Unterganges einer lost Generation. Auch hier wurde Remarques All Quiet on the Western Front ("Im Westen Nichts Neues") zum Schlüsseltext einer Welle der Kriegsliteratur, die ein breites Publikumsinteresse fand und so die kollektive Vorstellung vom Krieg nachhaltig prägte. Besonders einflussreich wurden dabei die autobiographischen Werke der aus dem Krieg Heimgekehrten. Bis heute sind in Großbritannien allein mehr als 150 Autobiographien zum Thema erschienen. Autoren wie Siegfried Sassoon in Memories of an Infantry Officer (1930) arbeiten darin ihre Erinnerungen auf, wobei in diesen Büchern, wie Schneider zeigte, die Unbeschreiblichkeit des Geschehenen als Topos gegen den Drang zu berichten steht.

Besonders sichtbar wird die anhaltende Bedeutung des Ersten Weltkriegs für das britische Kollektivgedächtnis am 11. November eines jeden Jahres. Während hierzulande der Beginn der 5. Jahreszeit eingeläutet wird, verharrt das Vereinigte Königreich am "Poppy Day" (offiziell: Remembrance Day) in stillem Gedenken - und fast jeder Brite trägt eine rote Papiermohnblüte (engl.: poppy) am Mantel. Warum? Durch ein Gedicht von John McCrae ("In Flanders Fields") sind die Poppies in der englischsprachigen Welt zum Symbol für den Great War geworden. (AMG)


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Quelle:
Dresdner UniversitätsJournal, 18. Jg., Nr. 2 vom 30.01.2007, S. 4
Herausgeber: Der Rektor der Technischen Universität Dresden
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. März 2007