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DILJA/051: Keine Siegergeschichte - Folter der Briten nach Kriegsende (SB)


Keine Siegergeschichte - Folter der Briten nach Kriegsende


In Geheimgefängnissen des britischen Militärs wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Menschen, die für Kommunisten gehalten wurden, schwer gefoltert. Dies berichtete der Guardian am 3. April 2006 unter Berufung auf offizielle Dokumente und Fotos, die rund 60 Jahre lang unter Verschluß gehalten worden waren. Das Geheimhaltungsinteresse der britischen Regierung an diesem aufgrund des Informationsfreiheitsgesetzes ("Freedom of Information Act") freigegebenen Archivmaterials ist jedoch keineswegs erloschen. Schon Ende vergangenen Jahres hatte die Zeitung unter Verwendung des vom Außenministerium freigegebenen Materials über ein geheimes Verhörzentrum in London berichtet, in dem vor und nach 1945 Menschen gefoltert worden waren. Das Verteidigungsministerium ist hingegen nach wie vor bemüht, die wenn auch späten Enthüllungen über dieses Geheimprogramm des britischen Militärs auch nach so vielen Jahrzehnten zu verhindern oder zumindest einzugrenzen durch die Behauptung, das Verschlußmaterial sei mit Asbest kontaminiert.

Fotos von halbverhungerten, schwermißhandelten, durch Kälte und Schlafentzug gequälten Menschen könnten zu schockierend sein, so die die eigenen Vertuschungsabsichten kaum kaschierende Argumentation der Regierung. Ein Kabinettsmitglied vertrat die Auffassung, daß so wenig Menschen wie möglich überhaupt wissen sollten, daß die britischen Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg Gefangene in einer Weise behandelten, die unweigerlich an die Konzentrationslager der Nazis erinnere. Das Verteidigungsministerium hat zunächst versucht, den Guardian an der Veröffentlichung des brisanten Materials zu hindern. Vor Gericht konnte sich die Zeitung allerdings Ende März durchsetzen, und so erlangten die britische wie auch die internationale Öffentlichkeit einen gewissen Aufschluß über die damaligen Vorgänge in Britannien, aber auch in der britisch besetzten Zone des ehemaligen Nazi-Deutschlands.

Die politische Brisanz des nun wenn auch nach wie vor nicht vollständig veröffentlichten Materials liegt in seinen Inhalten, aber auch in den Quellen. Da die Enthüllungen im wesentlichen auf einem damaligen Polizeibericht beruhen, können sie schwerlich als von wem auch immer lancierte "Feindpropaganda" abqualifiziert werden. Die Fotos von ausgemergelten Gefangenen, die ebensogut aus einem deutschen KZ hätten stammen können, waren im Februar 1947 von einem Offizier der Royal Navy aufgenommen worden, um, wie es hieß, durch die Dokumentation der Folterungen diese zu beenden. Das bereits im Jahre 1940 errichtete geheime Internierungslager in der britischen Hauptstadt namens "London Cage" wurde gleichwohl erst 1948 geschlossen. Die Fotos vom Februar 1947 hatten seinerzeit so viel Staub aufgewirbelt, daß polizeiliche Ermittlungen eingeleitet wurden.

Ein Beamter von Scotland Yard, Inspektor Tom Hayward, führte eine Untersuchung durch, deren Ergebnisse die systematische Folter der britischen Behörden dokumentieren. Der Hayward-Bericht unterlag wie auch die von den schwer gezeichneten Gefangenen gemachten Fotos bis zum Dezember vergangenen Jahres der Geheimhaltung. Dem Bericht zufolge waren zwischen 1945 und 1947 372 Männer und 44 Frauen in einem in Bad Nenndorf in der Nähe von Hannover von den Briten eingerichteten Sondergefängnis inhaftiert, verhört und gefoltert worden. Nach Kriegsende hatten die Briten die Folterverhöre zum Teil nach Deutschland verlagert, weil sie hier als Besatzungsmacht ungestörter agieren konnten. So hatte das Rote Kreuz nach Kriegsende Zugang zu den Gefangenen in dem seit 1940 in London bestehenden Verhörzentrum ("London Cage") verlangt, was die britischen Behörden mit der Begründung abgelehnt hatten, es würde sich um Zivilisten und gewöhnliche Kriminelle und nicht um Kriegsgefangene handeln.

In Bad Nenndorf wurden die Gefangenen aufs übelste gefoltert. Die britischen Soldaten bedienten sich sogar der Folterwerkzeuge der Gestapo. Die Häftlinge wurden mit Eiswasser übergossen, geschlagen und mit Finger- und Schienbeinschrauben, Schlaf- und Nahrungsentzug gequält und entkräftet. Eine unbekannte Zahl der Gefolterten wurde dabei auch getötet. Wie viele der 416 Menschen, die im Hayward-Bericht aufgeführt wurden, die Folterungen und Haftbedingungen bei den Briten überhaupt überlebt haben, geht aus den bislang veröffentlichten Dokumenten nicht hervor, und so kann beim gegenwärtigen (Un-) Kenntnisstand nicht einmal ausgeschlossen werden, daß sehr viele ums Leben gekommen sein könnten.

Den offiziellen Dokumenten zufolge wurden in Bad Nenndorf SS-Mitglieder und andere mutmaßliche Nazis, aber auch deutsche Industrielle der Hitler-Ära "vernommen". Doch keineswegs wurden ausschließlich deutsche Kriegsgefangene in das geheime Verhörprogramm des britischen Militärdienstes in die in England und später auch in Deutschland errichteten CSDIC-Gefängnisse (Combined Services Detailed Interrogation Centre) aufgenommmen. Aus den Unterlagen geht hervor, daß das (Verhör-)Interesse der britischen Dienste an dem ehemaligen Kriegsgegner, sprich den politischen, militärischen oder auch wirtschaftlichen Repräsentanten Hitler-Deutschlands, schnell erloschen war und bald abgelöst wurde durch geheimste Verhöre, die sich gegen die Sowjetunion richteten und deren militärische und geheimdienstliche Aktivitäten, Organisationen und Strukturen zum Gegenstand hatten. Inspektor Haywards Untersuchung brachte zu Tage, daß deutsche Zivilisten, die verdächtigt wurden, Kommunisten zu sein und/oder die Sowjetunion zu unterstützen, aufs schwerste gefoltert worden waren.

Der Bericht, den der Scotland-Yard-Inspektor seinerzeit erstellte und dem die nun veröffentlichten, wenn auch nach wie vor unvollständigen Enthüllungen zu verdanken sind, führte im übrigen zu kaum nennenswerten Konsequenzen. Vier britische Offiziere wurden wegen der Mißhandlung der Gefangenen vor ein Kriegsgericht gestellt. Drei von ihnen blieben unbehelligt. Ein einziger, der damals 49jährige Gefängnisarzt von Bad Nenndorf, wurde belangt - er wurde aus der Armee entlassen. Der verantwortliche Offizier, Colonel Robin Stephens, konnte seine Karriere beim MI5 ohne Probleme fortsetzen. Ganz offensichtlich fanden die Folterungen mutmaßlicher Kommunisten zwar im Verborgenen, jedoch nicht ohne Billigung der britischen Regierung statt. Auch der Kriegsgerichtsprozeß gegen die vier Offiziere wurde im Geheimen durchgeführt - angeblich, damit die Sowjets nicht erführen, daß sich "russische Spione" in britischer Haft befanden.

Der Scotland-Yard-Beamte schilderte in seinem Bericht die beklemmenden Schicksale Betroffener. Mindestens zwei Männer, die der britische Geheimdienst für Kommunisten gehalten hatte, sind in Bad Nenndorf sogar verhungert, mindestens ein weiterer wurde zu Tode geprügelt. Sehr viele trugen schwerste Verletzungen, Erfrierungen und Krankheiten davon. Eines der Opfer war der damals 23jährige Student Gerhard Menzel. Er war in Hamburg im Juni 1946 von britischen Geheimdienstoffizieren verhaftet worden. Er war ihnen verdächtig geworden, weil er aus Omsk in Sibirien, wo er in Kriegsgefangenschaft gewesen war, in die britische Verwaltungszone gekommen war.

Er verbrachte zunächst acht Monate in dem geheimen Verhörzentrum in Bad Nenndorf, bevor er im Februar 1947 in ein Internierungslager in Britannien gebracht wurde. Dort beschrieb der Lagerarzt den katastrophalen körperlichen Zustand des jungen Mannes, der nur noch "Haut und Knochen" gewesen sei. Menzel habe nicht mehr gehen, stehen und sprechen können, so der Lagerarzt, sei völlig verwirrt gewesen und habe unter Gedächtnisverlust gelitten. Anfangs hätte nicht einmal seine Körpertemperatur gemessen werden können. Sie habe unter dem niedrigsten mit einem Thermometer meßbaren Wert von 35 Grad Celsius gelegen, und erst nach einer ersten Nahrungszufuhr und Erwärmung durch Lampenlicht sei seine Temperatur auf meßbare 36,3 Grad gestiegen.

Ein weiteres Folteropfer, der damals 20jährige Angestellte Heinz Biedermann, war im Oktober 1946 - also eineinhalb Jahre nach dem offiziellen Kriegsende - in der britischen Zone festgenommen worden. Der Grund: Sein Vater lebte in Stendal in der sowjetischen Zone und wurde bei den Behörden als Kommunist geführt. Sein Sohn wurde in dem geheimen Verhörzentrum der Briten in Bad Nenndorf monatelang durch die Mangel genommen und war am Ende dem Tode nahe. Der 20jährige wog bei seiner Festnahme über 70 Kilo. Vier Monate später, nach der Folterhaft in Bad Nenndorf, hatte er über 20 Kilogramm Körpergewicht verloren.

Er berichtete später, daß er lange Zeit in Einzelhaft gehalten und mit der Exekution bedroht worden war. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt mußte er ohne ausreichende Kleidung in einer unbeheizten Zelle leben und schlafen. Ein Offizier in Bad Nenndorf erklärte Inspektor Hayward, Biedermann sei nach den vier Monaten in Bad Nenndorf für eine "angemessene Zeit" in ein Internierungslager verbracht worden um zu verhindern, daß er den Sowjets Informationen über das Verhörzentrum in Bad Nenndorf sowie die dort angewandten "Befragungsmethoden" geben könne.

Dieses Detail ist keineswegs so randläufig, wie es zunächst erscheinen mag. Zunächst einmal liegt auf der Hand, daß die westlichen Alliierten und somit auch die Briten in den ersten Nachkriegsjahren nicht daran interessiert sein konnten, daß ruchbar wurde, wie sie Gefangene mit Gestapo-Methoden und in Deutschland sogar mit direkt aus Gestapo-Gefängnissen geholten Folterwerkzeugen malträtiert hatten. Dies hätte ihrem Ansehen zweifellos geschadet, präsentierten sich doch die westlichen Siegermächte nicht nur als diejenigen, die aus den verheerenden Kriegsjahren eindeutig als militärische Sieger hervorgegangen waren. Sie beanspruchten mit großer Selbstverständlichkeit, weltweit als die Repräsentanten des "Guten", als Vorstreiter und Garanten von Freiheit und Demokratie wahrgenommen und akzeptiert zu werden und gründeten eben hierauf ihre Führungsansprüche in der ganzen Welt, auch wenn zu jener Zeit große Regionen noch nicht unter ihrer Kontrolle standen.

Vor diesem Hintergrund mag nachzuvollziehen, wenn auch nicht zu akzeptieren sein, warum die Briten ihre in den ersten Nachkriegsjahren an Zivilisten, die sie für Kommunisten hielten, verübten Folterverhöre totschweigen wollten und diese Haltung bis heute nicht revidiert haben. Aus den nun veröffentlichten Dokumenten geht jedoch ausdrücklich hervor, daß der damalige Begründungszusammenhang ein ganz anderer war. Demnach ging es darum zu verhindern, daß die damalige Sowjetunion - immerhin ein verbündeter Alliierter in der Anti-Hitler-Koalition - Kenntnis über diese Vorgänge erhielt. Warum das britische Militär ausgerechnet ihr eine solche Sonderrolle zugeordnet hatte und nicht ganz allgemein um den Ruf Britanniens besorgt war, ist eine Frage, zu deren Beantwortung die bislang unter Verschluß gehaltenen Dokumente einige Anhaltspunkte liefern.

Dem Guardian-Bericht zufolge wurden in den seit 1940 betriebenen britischen Folterzentren wie erwähnt nicht nur mutmaßliche SS- Angehörige und Nazis "vernommen", sondern, und zwar nach Kriegsende in steigendem Maße, auch Menschen, die für sowjetische Agenten oder Kommunisten, die zur Unterstützung der Sowjetunion bereit sein könnten, gehalten wurden. Die Folterverhöre, die zwischen 1945 und 1947 an über vierhundert Menschen durchgeführt worden waren, dienten im wesentlichen dem Zweck, an Informationen über die Rote Armee sowie den sowjetischen Geheimdienst zu erlangen. Warum? Diese Frage mag banal klingen, rührt jedoch an eines der größten Tabus in der Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg, die, so selbstverständlich sie auch hierzulande erscheinen mag, die Sichtweise der westlichen Siegermächte widerspiegelt.

Florian Rötzer umschiffte diese Frage in seinem in dem Onlinemagazin telepolis am 3. April 2006 erschienenen Beitrag ("Britische Folterlager nach dem Zweiten Weltkrieg") mit dem lapidaren Satz: "Nach dem Sieg war der frühere Alliierte schnell zum nächsten Feind geworden und hatte der Kalte Krieg begonnen." Dies entspricht inhaltlich zwar voll und ganz der vorherrschenden Geschichtsschreibung, ist gleichwohl eine in sich brüchige und keineswegs stichhaltige oder plausible Argumentation. In ihr wird noch nicht einmal der Versuch unternommen zu erklären, wodurch der angebliche plötzliche Wandel, der aus einem ehemaligen Alliierten quasi über Nacht den Hauptgegner im später sogenannten Kalten Krieg werden ließ, denn eigentlich ausgelöst worden sein soll.

Ebenso unreflektiert kolportiert Rötzer den Begriff des Kalten Krieges und dessen Implikationen, obwohl dieser in den unmittelbaren Nachkriegsjahren noch gar nicht verwendet worden war. Zwischen 1945 und 1948, also den Jahren, in denen der britische Militärdienst Folterverhörlager unterhielt, um militärische und nachrichtendienstliche Informationen über die Sowjetunion zu erhalten, konnte zudem noch niemand wissen, ob die sich anbahnenden Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten USA und UdSSR sowie den von ihnen repräsentierten Blöcken ohne einen direkten militärischen Schlagabtausch zwischen ihnen würden geführt werden können. Aus nachträglicher Sicht mag die Tatsache, daß dieser Krieg "kalt" blieb oder, wie man vielmehr sagen müßte, in Regionen der Peripherie ausgelagert werden konnte (Stichwort: Korea- und Vietnamkrieg), zu der Annahme verleiten, dies sei schon in den unmittelbaren Nachkriegsjahren "klar" gewesen.

Das genaue Gegenteil scheint, zumindest in der damaligen britischen Regierung, der Fall gewesen zu sein. Den nun veröffentlichten Dokumenten über die geheimen Folterstätten der Briten ist nämlich auch zu entnehmen, daß die damaligen Verantwortlichen in jener Zeit der Ansicht waren, der "Dritte Weltkrieg" stünde schon innerhalb weniger Monate bevor. Dies ließ Ian Cobain in seinem am 3. April im Guardian erschienenen Artikel ("The postwar photographs that British authorities tried to keep hidden") nicht unerwähnt, veranlaßte den Autor jedoch nicht dazu, den sich infolgedessen eigentlich aufdrängenden Fragen nachzugehen oder sie auch nur zu formulieren.

Nazi-Deutschland existierte nicht mehr, somit fiel das von den Siegermächten besetzte Deutschland als potentieller Gegner in dem nach Ansicht der Briten bevorstehenden Dritten Weltkrieg aus. Da die Folterungen dem Zweck dienten, kriegsrelevante Informationen über die Sowjetunion zu erlangen, liegt auf der Hand, daß die Briten unmittelbar nach dem Zweiten den Dritten Weltkrieg nicht mehr mit, sondern nun gegen die Sowjetunion zu führen gedachten. Wer dies für eine ungeheuerliche bis abstruse Idee hält, mag vermuten, die Briten könnten geglaubt haben, die Rote Armee würde die ehemaligen Alliierten angreifen wollen, weshalb diese genötigt seien, sich militärisch auf einen Verteidigungskrieg vorzubereiten.

Ob die Geschichte des Zweiten Weltkrieges bzw. die sogenannte Nachkriegsgeschichte "neu" geschrieben werden müßte aufgrund dieser und möglicher weiterer Enthüllungen, ist eine im Grunde irrelevante Frage, denn stets stellt die Geschichtsschreibung und insbesondere die sogenannte Kriegsberichterstattung ein den jeweiligen Siegern zur Verfügung stehendes Mittel dar, die eigenen Interessen und Absichten auch auf dem Schlachtfeld der Meinungen, historischen Ansichten und Nachbetrachtungen durchzusetzen. Sollten gleichwohl Spuren, Fingerzeige und Anhaltspunkte auftauchen, die mit den Konstrukten, Modellvorstellungen und ideologischen Grundparametern der vorherrschenden Geschichtsschreibung nicht in Einklang zu bringen sind, wird mit ihnen von den Sachwaltern dieser Wissenschaft und ihren Helfershelfern im sogenannten Informations- und Meinungsbildungsbetrieb auf bewährte Weise verfahren - sprich, sie werden in der Versenkung verschwinden wie schon viele vor ihnen.

Der Frage, ob nicht möglicherweise die westlichen Alliierten und namentlich Britannien unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einen weiteren Krieg gegen die Sowjetunion beabsichtigt und vorbereitet haben könnten, wird im Mittelpunkt eines Beitrages stehen, der in Kürze in dieser kleinen Reihe zur Geschichtschreibung des Zweiten Weltkrieges erscheinen wird.

Erstveröffentlichung am 27. April 2006

20. Januar 2007