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DILJA/083: Südafrika - Statthalterstaat des Imperiums - Teil 22 und Schluß (SB)


Statthalter westlicher Hegemonialmächte auf dem schwarzen Kontinent - Südafrika vor, während und nach der Apartheid


Teil 22 und Schluß: Mission vollendet - Die Unterwerfung unter die Kultur der Usurpatoren findet in den Feierlichkeiten zu Mandelas 90. Geburtstag und der Fußball-WM 2010 ihre Fortsetzung

Was haben Stevie Wonder, Elton John, Amy Winehouse, Eminem und Nelson Mandela gemeinsam? Sie alle sind Pop-Ikonen des Westens und treten gemeinsam in einem anläßlich des 90. Geburtstages Mandelas am 27. Juni 2008 in London veranstalteten Benefizkonzert zugunsten der Anti-Aids-Kampagne des ehemaligen Präsidenten Südafrikas auf. Mandela repräsentiert den Prototyp einer afrikanischen Führungspersönlichkeit, wie die westlichen Staaten ihn sich nicht besser wünschen könnten. Mit jeder Faser seines von den politischen Nachfahren der einstigen Usurpatoren des südlichen Afrikas versklavten Körpers mimt er den aus westlicher Sicht idealtypischen Statthalterregenten, da sich in seiner Person der unerschütterliche Glaube an den gegen das Apartheidregime gerichteten Befreiungskampf mit der Agenda eines Realpolitikers kombinieren läßt, der die fortgesetzte Unterwerfung seines Landes unter die Maßgaben der einstigen Kolonialmächte wie kein anderer schönzureden versteht.

Seit 1994 gilt die Apartheid, sprich die Herrschaft der Weißen über die Schwarzen, in Südafrika als beendet und aufgelöst, ohne daß dieser politische Wechsel im Kern zu einer Entkolonialisierung geführt hätte, die ihrer Natur nach nur total, das heißt vollständig, hätte sein können. Steve Biko, der im Jahre 1977 vom Regime ermordete Oppositionsführer, hatte dies einst mit dem Bild deutlich zu machen versucht, daß die Weißen nebst ihrer Kultur erst hinausgeworfen werden müßten, um eine Rückbesinnung auf eigene Bräuche und Lebensweisen überhaupt erst zu ermöglichen verbunden mit der Option, die Weißen im zweiten Schritt gegebenenfalls wieder an den nun im "wahrlich afrikanischen Stil" gedeckten Tisch, von dem alle Hinterlassenschaften der Weißen entfernt wurden, einzuladen. Nichts dergleichen fand tatsächlich statt, und so liegt auf dem heutigen Südafrika die schwere Last einer vollkommen unbewältigten Kolonialisierung, die ungleich schwieriger zu überwinden ist als der Apartheidstaat. Viele Menschen in Südafrika halten Mandela und mit ihm dem ANC die Treue ganz einfach deshalb, weil sie sie mit dem Apartheidwiderstand und dessen Erfolgen identifizieren.

Wie sollte es auch zu einem Befreiungskampf gegen den Befreiungskampf kommen können, zumal die Erinnerungen an die grauenhaften Verhältnisse und extreme Repression aus der Zeit der Apartheid noch immer allgegenwärtig sein müssen, was die Bereitschaft der zu über 50 Prozent in Arbeitslosigkeit und großer Armut lebenden Bevölkerung, sich ungeachtet ihrer Nöte mit der ANC-Regierung zu arrangieren, noch befördern dürfte? Die Nutznießer dieses Dilemmas sind unterdessen nicht nur in Südafrikas neuer, nun auch aus Menschen schwarzer Hautfarbe gebildeten Elite zu finden, sondern zu einem keineswegs geringfügigen Anteil auch in den Hauptstädten westlicher Hegemonialmächte, die sich die ehemalige Südafrikanische Union und spätere Republik Südafrika schon früh als ihr politisches, wirtschaftliches und selbstverständlich auch militärisches Standbein für die Kontrolle des gesamten Kontinents sowie der angrenzenden Seewege auserkoren haben.

Daß ein Mensch wie Nelson Mandela heute in der westlichen Welt wie der größte Popstar unter Popstars präsentiert werden kann, ohne daß in seiner Heimat ein Sturm der Entrüstung losbricht, belegt, in welchem Ausmaß die Unterwerfung Südafrikas unter die Kultur der einstigen Usurpatoren bereits vollendet werden konnte. Die Geschichte Südafrikas erweist sich dabei als ein zweischneidiges Schwert, liefert sie doch der heutigen Regierung und ihren westlichen Partnern das ideologische und propagandistische Rüstzeug, um den Statthalterstaat des Imperiums im eigenen Land weitgehend unangreifbar gegen Proteste und Widerstand zu machen. Von außen, sprich von den übrigen Staaten Afrikas droht der Republik Südafrika ohnehin nicht die geringste Gefahr, da der Kapstaat im innerkontinentalen Vergleich eine waffenstarrende Festung darstellt, gegen die anzurennen militärisch gesehen Selbstmord wäre.

Die innenpolitische Lage jedoch ist derzeit nicht widerspruchsfrei und wird es auch in Zukunft nicht sein können, was sich ebenfalls aus "der Geschichte" herleiten und begründen läßt, da das Erbe des kolonialen Raubes und imperialer Inbesitznahmen nicht einmal annäherungsweise abgearbeitet wurde. Der Kunstgriff, die jahrhundertelange Kolonialisierung und die in diesem Gewaltverhältnis begründete Eigentumsordnung auf die schlimmen Jahrzehnte, genannt Apartheid, zu reduzieren, scheint gefruchtet zu haben. Da es im ANC-Staat keine formal niedergeschriebenen Gesetze mehr gibt, die schwarzen Menschen das Eigentumsrecht an Großgrundbesitz oder Produktionsstätten vorenthalten, scheint die Rassentrennung aufgehoben zu sein. In der Folge kamen nun andere, weitaus schlechter greifbare und damit unangreifbare Mechanismen, wie sie allerdings auch in allen anderen kapitalistischen Staaten anzutreffen sind, zum Tragen und gewährleisteten, daß sich die alte Ordnung in einem neuen Gewande restrukturieren konnte. Die Feierlichkeiten um Mandelas 90. Geburtstag veranschaulichen unterdessen den hohen propagandistischen Nutzen, der noch heute aus dem fast drei Jahrzehnte unter schärfsten Bedingungen der Isolationsfolter inhaftierten einstigen ANC-Führer und späteren ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas zu ziehen ist.

Die Geschichte Südafrikas zu kennen und auf dieser Basis die zugespitzt prekäre Lage des heutigen Kapstaates verstehen zu wollen, stellt ein schier aussichtsloses Unterfangen dar schon allein deshalb, weil von "der Geschichte", so als könne es eine neutrale, allgemein verbindliche historische Wahrheit überhaupt geben, nicht die Rede sein kann. Die Geschichte wird stets aus der Sicht der Sieger geschrieben. Die Sieger in dem mitnichten beendeten Entkolonialisierungskampf in der Republik Südafrika sind die ANC-Regierung sowie alle mit ihr kooperierenden in- wie ausländischen Interessengruppen. Sie hat, wie es scheint, innenpolitisch keinen ernstzunehmenden Gegner zu fürchten. Sie wird von den Oppositions- und Basisgruppen kritisiert, jedoch nicht in ihrem Herrschaftsanspruch in Frage gestellt, was sicherlich auch daher rührt, daß der ANC und seine Galionsfigur Nelson Mandela beanspruchen können, in der Tradition des Apartheidwiderstandes zu stehen und diesen zu repräsentieren.

Daß der ANC und Mandela das Erbe der Kolonialzeit angenommen und auf ihre Weise zu wahren sich verpflichteten, mag den angeblich friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie ermöglicht haben. Die Chance für einen echten Neubeginn und einen demokratischen Willensbildungsprozeß zu der Frage, in welcher Staats- und Gesellschaftsform die Menschen Südafrikas künftig leben wollen, wurde damit allerdings vertan. Bedenkt man den sozialen Sprengstoff, der in dem Spannungsverhältnis zwischen einer sehr kleinen, nun auch schwarzhäutigen Elite und einer privilegierten Mittelschicht auf der einen und einem Riesenheer verarmter, randständiger und aus dem neoliberal strukturierten Verwertungsprozeß bereits aussortierter Menschen auf der anderen Seite besteht, wird deutlich, was der vermeintliche Friede von 1994 für viele noch immer bedeutet.

Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen, sprich einer alternativlosen Festlegung auf ein kapitalistisch-demokratisches Gesellschaftsmodell nach westlichem Vorbild sowie der Übernahme ordnungspolitischer Aufgaben im Dienste der einstigen Kolonialmächte und heutigen Welthegemonen, ist an eine nennenswerte Besserung der sozialen Lage der Elendsbevölkerung Südafrikas nicht einmal zu denken. Die ausländerfeindlichen Pogrome in diesem Frühjahr können und müssen als erste Anzeichen und Vorboten sozialer Unruhen verstanden werden, die angesichts der durch kosmetische Maßnahmen, Durchhalteparolen und Perspektivversprechen nicht mehr zu entschärfenden Misere auch für Südafrika prognostizierbar sind. Den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik scheint dies durchaus bewußt zu sein, und so erweist sich die Fußballweltmeisterschaft, die im Jahre 2010 in Südafrika und damit erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden wird, als höchst willkommener Anlaß, wenn nicht gar eigens zu diesem Zweck geschaffener Vorwand für eine im ANC-Staat bis dahin beispiellose Aufrüstung im Innern.

So bekräftigte der stellvertretende Polizeichef Südafrikas, André Pruis, am 27. Mai auf einer Informationsveranstaltung der südafrikanischen Botschaft in Berlin, daß die fremdenfeindlichen Ausschreitungen weitgehend unter Kontrolle gebracht wurden und die Sicherheit im Land während der WM 2010 nicht in Gefahr sei. 41.000 Sicherheitskräfte werden in zwei Jahren, so erklärte Pruis, für die Sicherheit (der WM-Teilnehmer, Besucher und Fußballfans) sorgen, desweiteren werden für umgerechnet über 120 Millionen Euro Hubschrauber, Wasserwerfer und andere Ausrüstung angeschafft. Die zusätzlichen Anstrengungen rund um die WM würden dazu beitragen, Südafrika "insgesamt sicherer" zu machen.

Sicherheit durch Polizei, Wasserwerfer und Tränengas in einem Land, in dem schon heute Armuts- und Hungerrevolten vorhersagbar sind? Ohne die WM wäre die repressive Aufrüstung des Landes unschwer als das zu erkennen, was sie tatsächlich ist. Durch die WM allerdings und das vermeintliche Wohlwollen der internationalen Staatenwelt, die Südafrika ihr Vertrauen bekundet, die Sicherheitsprobleme in den Griff zu bekommen, stellt sich die Lage scheinbar ambivalenter dar. So beeilte sich Joseph S. Blatter, Präsident des Fußballweltverbandes und WM-Veranstalters FIFA, nach den jüngsten Unruhen zu versichern, daß die WM 2010 nach wie vor in Südafrika ausgetragen werden wird. Am 27. Mai soll er am Rande einer Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees erklärt haben: "Wir vertrauen der Regierung, ich vertraue ihr, und die Weltmeisterschaft wird 2010 definitiv in Südafrika stattfinden."

Zwei Tage später erfolgte eine verkappte Drohung, die WM womöglich doch in ein anderes Land (Deutschland?) zu verlegen. Der frühere Manager des Bundesligisten Werder Bremen, Willi Lemke, erklärte in seiner Eigenschaft als Sonderberater des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon für Sport am 29. Mai gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin, daß die furchtbaren Bilder aus Südafrika die Fußball-WM enorm belastet hätten. Lemke warnte zwar davor, Südafrika unter Druck zu setzen, erklärte jedoch zugleich, daß, sollte dies kein "einmaliger Ausbruch" gewesen sein, die FIFA ihre Entscheidung für Südafrika überdenken und zur Not die Reißleine ziehen würde. Peter Danckert (SPD), Vorsitzender des Sportausschusses des deutschen Bundestages, hatte am 28. Mai gegenüber der Saarbrücker Zeitung erklärt, daß er, würde die WM jetzt beginnen, wegen der nicht gelösten Sicherheitsfrage nicht hinfahren würde. Die FIFA müsse, so Danckert, energisch darauf dringen, daß das Gastgeberland "alles" unternimmt, um die Sicherheit zur WM zu garantieren. Als mögliche Alternative zu Südafrika brachte der SPD-Politiker, wie könnte es auch anders sein, Deutschland ins Gespräch; schließlich hätten "wir" 2006 eine "organisatorisch einwandfreie Weltmeisterschaft" abgeliefert.

Und eben dieses reibungslose sportliche Großereignis wird von der deutschen Bundesregierung längst zum Anlaß genommen, um auf die Polizei und das Militär Südafrikas massiv Einfluß zu nehmen. Ohne die WM 2010, die es angeblich beratend vorzubereiten gelte, gäbe es kaum einen plausiblen Vorwand, um die Repressionsorgane des Kapstaates unter die Knute europäischer Staaten zu bringen. Dabei scheint insbesondere Deutschland eine Sonderrolle eingenommen zu haben. Wäre es mit der großmütigen Unterstützung Südafrikas sowie des gesamten afrikanischen Kontinents, der sich angeblich nichts sehnlicher wünscht, als auch endlich einmal eine Fußballweltmeisterschaft auszurichten, nur halb so weit her, wie es scheint, hätte Deutschland wohl kaum mit massivsten Mitteln den Südafrikanern die WM 2006 abspenstig gemacht.

Als am 6. Juli 2000 das FIFA-Exekutivkomitee in Zürich die Entscheidung über die Vergabe der WM 2006 traf, rückte die von "Kaiser" Franz Beckenbauer angeführte und mit 20 Millionen DM von der sogenannten 8er Gruppe deutscher und internationaler Großkonzerne unterstützte Bewerbungskommission mit hochkarätiger Verstärkung in Gestalt von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesinnenminister Otto Schily an, während Nelson Mandela und Thabo Mbeki, Präsident des aussichtsreichsten Konkurrenten Südafrika, durch Abwesenheit glänzten. Bekanntlich fiel die Entscheidung für Deutschland im dritten und entscheidenden Wahldurchgang mit 12:11 Stimmen denkbar knapp aus. Nach dem Rückzug Brasiliens waren Marokko im ersten und England im zweiten Wahlgang ausgeschieden. Im dritten Durchgang wurde eine Pattsituation zwischen Südafrika und Deutschland befürchtet, da wohl beide je 12 Stimmen bekommen hätten. In diesem Fall wäre die Weltmeisterschaft, da FIFA-Chef Blatter, der eindeutig Südafrika favorisierte, bei einem Patt den Ausschlag gegeben hätte, nicht an Deutschland, sondern an Südafrika gegangen.

Allen Anschein nach hatte sich die deutsche Bewerbungskommission und mit ihr sicherlich auch die involvierte Interessengruppe asiatische Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees durch in Aussicht gestellte Geschäftsabschlüsse wohlgesonnen gemacht. Wie die Sunday Times seinerzeit berichtete, sei in diesem Zuge eine Gesamtsumme von sechs Milliarden DM im Spiel gewesen. So hätte Thailand ein Telefonnetz von Siemens sowie eine Herbizidfabrik von BASF bekommen und Saudi-Arabien, nur Stunden vor der Abstimmung in Zürich, Panzerfäuste, während Südkorea ins große Geschäft mit dem DFB-Sponsor DaimlerChrysler einsteigen konnte. Alle drei Länder stimmten für Deutschland. Das hätte jedoch nicht gereicht, wenn nicht ein weiteres Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees gewesen, der Präsident des Ozeanischen Fußballverbandes, der 79jährige Charley J. Dempsey, der sich der Stimme enthalten und damit das Ergebnis 12:11 für Deutschland ermöglicht hatte.

Auf einer Pressekonferenz am 10. Juli 2000 in Auckland gab Dempsey nach heftigen Protesten gegen seine Entscheidung im eigenen Lande seinen Rücktritt bekannt und erklärte, daß er ursprünglich im dritten und entscheidenden Wahlgang, wie zuvor mit seinem Verband besprochen, für Südafrika habe votieren wollen. Erst nach massiven Beeinflussungsversuchen und einem nicht tolerierbaren Druck durch eine europäische Interessengruppe, wie Dempsey sich ausdrückte, habe er sich zur Stimmenthaltung entschieden, ohne zu ahnen, welche Konsequenzen dies zeitigen würde. Erst auf dem Rückflug wollte er bei einem Zwischenstop erfahren haben, daß Deutschland aufgrund seiner Stimmenthaltung die WM bekommen hatte. Die Nacht vor dem Tag der Abstimmung, dem 6. Juli, sei, so Dempsey, ein Alptraum gewesen. David Hill, Vizepräsident der FIFA, bestätigte zunächst Dempseys Angaben und erklärte, Dempsey habe ihn in besagter Nacht zwischen fünf und sieben Uhr morgens dreimal angerufen, um ihn von Telefonanrufen, darunter einem von Nelson Mandela, zu unterrichten, die seine Stimmabgabe beeinflussen wollten.

Doch erst ein Drohanruf habe Dempsey zur Stimmenthaltung veranlaßt. FIFA-Sprecher Keith Cooper bestätigte zunächst, daß der 79jährige Neuseeländer und dessen Familie unter einem enormen Druck gestanden hätten. "Es war die Art von Druck, bei der man um die eigene und die Sicherheit von Menschen fürchtet, die einem nahe stehen", so Cooper, der auf die Frage, ob dies Morddrohungen gewesen wären, hinzugefügt hatte: "Wenn Sie es so interpretieren, möchte ich nicht widersprechen." Später jedoch dementierte die FIFA - nicht eben glaubwürdig - sämtliche "Gerüchte" über Morddrohungen gegen Dempsey. Angesichts all dieser Umgereimtheiten beantragte Südafrika bei der FIFA eine Untersuchung der Umstände dieser Wahl. Die Forderung Südafrikas nach einer Annullierung der Abstimmung wurde am Tag nach Dempseys Presseerklärung auch von Neuseeland erhoben. Die FIFA lehnte beides rundweg ab mit der Begründung, eine Neuwahl sei juristisch ausgeschlossen - dabei sprach die Weigerung Dempseys, den Namen des Drohanrufers zu nennen, dafür, daß dieser immer noch bedroht und/oder erpreßt wurde.

Der Ozeanische Verband entschuldigte sich offiziell bei Südafrika. Hätte er faktisch von seinem Stimmrecht im FIFA-Exekutivkomitee Gebrauch machen können, wovon schwerlich die Rede sein kann, wenn sein Repräsentant angibt, unter Druck gesetzt worden zu sein und sich aus Angst vor Nachteilen für die Ozeanischen Länder der Stimme enthalten zu haben, hätte Südafrika bereits die WM 2006 ausrichten können. "Das war eine schmutzige Politik, alle afrikanischen Nationen sollten nun für immer auf die Teilnahme an einer WM verzichten", lautete seinerzeit die Stellungnahme von Godfrey Japajapa, einem leitenden Funktionär des Klubs Dynamo Harare in Simbabwe. So wie er interpretierten viele Menschen in afrikanischen Ländern die mit mafiösen Methoden an Deutschland verschobene Weltmeisterschaft als Beleg für den fortgesetzten Rassismus des reichen Nordens gegen den armen Süden, der von 16 Fußball-Weltmeisterschaften noch nicht eine einzige ausrichten durfte.

Der Fahrplan des Westens, die Verhältnisse und Entwicklungen in Afrika seinen Interessen und hegemonialen Absichten gemäß in einer für ihn optimalen Weise zu ordnen und eine möglichst reibungslose Ausplünderung der verwertbaren Sourcen zu organisieren, sah ganz offensichtlich die WM-Vergabe an Südafrika nicht für 2006, sondern erst für das Jahr 2010 vor. Die Idee, fürderhin die Teilnahme an internationalen Sportereignissen, mit denen so getan wird, als säßen arm und reich in einem Boot, zu verweigern, konnte sich in den afrikanischen Staaten allerdings nicht durchsetzen. Südafrika ließ sich vertrösten und ist nun überaus motiviert, mit der Ausrichtung der WM 2010 unter Beweis zu stellen, daß der ANC-Staat im Kreise der sogenannten internationalen Gemeinschaft angekommen ist. Die südafrikanische Regierung will das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen, für die Sicherheit zigtausender ausländischer und im Verhältnis zu der Armutsbevölkerung im eigenen Land gutsituierter WM-Besucher mit allen nur erdenklichen polizei(staat)lichen und militärischen Mitteln sorgen zu können.

Mission vollendet

Auf dem afrikanischen Kontinent ist die Übernahme der einst von den Kolonialmächten eingeführten Kultur inzwischen so weit gediehen, daß ein Sport wie Fußball, von dem ausgerechnet England, die Führungsmacht des britischen Empires und größte Seestreitmacht der Kolonialzeit, beansprucht, das Mutterland zu sein, einen Siegeszug ohnegleichen antreten konnte. Afrika gilt heute als nicht minder fußballverrückt als die alte Welt, die im Zuge der Kolonialisierung des Nachbarkontinentes diesem auch ihre Spiel- und Sportbräuche aufoktroyieren konnte. Die - wie freiwillig auch immer - vollzogene Übernahme der damit transportierten Werte und Bedeutungen könnte als der krönende Höhepunkt dieser Vereinnahmung eines ganzen Kontinents bewertet werden, der aus Sicht der einstigen und heutigen Kolonialmächte ihren perfekten Abschluß darin findet, daß die Kolonialisierten ihren Status inzwischen vollkommen negieren.

Ihre eigenen Lebensweisen, Bräuche, gesellschaftlichen Systeme, wirtschaftlichen und sonstigen Beziehungen, wie auch immer sie von wem auch immer bewertet werden mögen, sind längst marginalisiert und in Vergessenheit gedrängt worden zugunsten der Übernahme eines westlichen Lebenstils auf der Basis des Ansinnens, in der kapitalistischen Staatenwelt mitmischen und ein Plätzchen auf den vorderen Rängen erwirtschaften zu wollen. Südafrika, die "westlichste" Bastion am Südzipfel Afrikas, nahm und nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein nicht zuletzt durch den schönen großen Frieden, den Nelson Mandela mit führenden Repräsentanten westlicher Staaten gemacht hat ungeachtet dessen, daß diese das Apartheidregime massiv unterstützt haben. Welch ein Narr, der dann nicht argwöhnen würde, daß der von Mandela, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag in London, einer Metropole westlicher Weltmachtsambitionen, spektakulär feiern läßt, aus der Taufe gehobene ANC-Staat nicht minder als Statthalter des westlichen Imperiums installiert wurde und bis heute in Erscheinung tritt.

25. Juni 2008