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ETHIK/024: Wieviele Blumen darf ich pflücken? Abriß einer bäuerlichen Ethik (UBS)


Unabhängige Bauernstimme, Nr. 340 - Januar 2011
Die Zeitung von Bäuerinnen und Bauern

Wieviele Blumen darf ich pflücken?
Welche Werte bestimmen unser Handeln?
Wo fängt die Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen an?
Abriss einer bäuerlichen Ethik

Von Herbert Ernst, Bauer mit philosophischer Ader


Der Umgang mit Tieren, insbesondere mit Nutztieren, spielte in der abendländischen Philosophie lange keine oder eine sehr untergeordnete Rolle. Einer der wenigen, der Vorsokratiker Pythagoras, mahnte die Schonung der beseelten Geschöpfe an und Empedokles verurteilte das Schlachten von Tieren, wobei bei beiden der Aspekt der Seelenwanderung die Erklärung dafür war. Ein Denken ohne derartige Aspekte, welches die Tiere um ihrer selbst willen achtete, trat eigentlich erst am Vorabend der 48er Revolution zu Tage. So waren es württembergische Pfarrer wie Adam Dann und Albert Knapp, welche im Namen der Tiere dazu mahnten "unser meist kurzes, mühevolles Leben" erträglich zu machen. Die Gründungen der Tierschutzvereine haben hier ihre Wurzeln. Zwar hatte bereits Martin Luther den Tieren eine Seele zugestanden, jedoch ohne die Folge einer moralischen Handlungsweise daraus abzuleiten. Etwa hundert Jahre nach Luther vertrat der Rationalist Rene Descartes die Ansicht, dass Tiere geist- und seelenlose Automaten seien, deren Schmerzensschreie nur mechanische Reaktionen wären.


Menschen, Sklaven, Tiere

Im späteren 19ten Jahrhundert weitete dann die Naturphilosophie mit Carus und Spencer mit Hilfe der Psychologie den Blick auf die Tiere. Alexander von Humboldt schrieb damals: "Grausamkeit gegen Tiere ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes." Während in derselben Zeit in den USA die Sklavenhaltung noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war, trat aus dem humanistisch-christlichen Weltbild Europas die Forderung nach einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Auch in der Dichtung jener Zeit kam diese Einstellung zum Ausdruck, vor allem bei dem Bauern und Dichter Christian Wagner. Von Wulf Kirsten wird er als einer beschrieben, dessen "zentrales Anliegen die Schonung aller Geschöpfe und Pflanzen war". Bei Christian Wagner ging es soweit, dass er eine Kuh, welche er dem Metzger verkauft hatte, wieder zurückholte, obwohl er mit Sicherheit das Geld hätte gut gebrauchen können. Das heißt, die ideelle Sichtweise mündete in eine ethisch-moralische Handlung. Eine der maßgeblichsten Auseinandersetzungen mit dieser Thematik gelang dem 1875 im Elsass geborenen Arzt, Theologen, profunden Bachkenner und Kulturphilosophen Albert Schweizer. Eine oder vielleicht die zentrale Aussage des gewaltigen Stoffes gipfelt in dem Satz von der "Ehrfurcht vor dem Leben". "Du lebst in einem Meer von Leben, das leben will", war der Ausgangspunkt seiner Ethik, worin alles Lebende eingeschlossen ist. "Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich nicht hinausgehen, auch nicht im scheinbar Unbedeutenden. Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit vergeht er sich am Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen", und weiter: "Wo irgendwo das Tier zum Dienst des Menschen gezwungen wird, muss jeder von uns mit dem Leiden beschäftigt sein, die es um dessentwillen zu tragen hat." Für Albert Schweizer steht somit der bewusste Umgang mit der zwangsläufigen Schuld im Zentrum seines Denkens. Ein leichtfertiger Automatismus im Umgang mit allem Lebendigen ist ausgeschlossen. Das Handeln soll bestimmt sein durch ein "tätiges Mitleid". Um zu diesem "tätigen Mitleid" zu kommen, bedarf es aber zunächst des Mitleidens. Dostojewski beschrieb Mitleid und Mitleiden folgendermaßen: "Mit einem Märtyrer leiden wir mit, einen Bettler bemitleiden wir." Schweizer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben wird erst dadurch zur unmittelbarsten und zugleich tiefsten Leistung meines Willens zum Leben; was auch eine Bejahung der Welt bedeutet", das heißt, ein passiver Umgang mit dem Lebendigen widerstrebt diesem Prinzip der Ehrfurcht. Eine Haltung, wie sie beispielsweise im Buddhismus oder Hinduismus praktiziert wird, ist nicht genug. Während in diesen Philosophien die eigene Reinheit und das Reinbleiben von der Verschmutzung der Welt steht, nimmt Albert Schweizer die Kreatur in das Selbst hinein. Damit steht er den chinesischen Denkern wie Lao-Tse näher, in dessen Tao Te King über den höheren Menschen geschrieben steht: "Er ist stets ein guter Helfer der Geschöpfe, darum verlässt er kein Geschöpf".


Die Menge als Problem

In der heutigen Gesellschaft Chinas und deren Umgang mit Tieren haben solche Aussagen allenfalls noch marginales Gewicht. Wenn dort Hunde oder Katzen bei lebendigem Leib enthäutet werden oder in unseren Schlachthäusern das Töten am Fließband erfolgt, können auch pseudoethische Vorschriften wie das Betäuben die grundsätzliche Gedankenlosigkeit nicht verbergen. Industrielle Massentierhaltung und die zwangsläufige Massentierschlachtung wird niemals aus diesem Dilemma herauskommen.


Sterben, töten, morden

2005 habe ich eine Kuh geschlachtet, die zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt war. Eine Deutsch-Angus-Fleckvieh-Kreuzung mit einem Gewicht von 15 Zentnern. Es war eine wache, verschmuste Kuh, die durch ihr Volumen gerade eben noch durch die Stalltür passte. Durch das Gewicht und ihr Alter bekam sie nun zunehmend Knochenprobleme, das Aufstehen fiel ihr immer schwerer. Irgendwann stellte sich deshalb die Frage: "Wie weiter?" Sie im Stall verenden zu lassen (dies war mir einmal bei einer anderen Kuh passiert) und damit die Maschinerie der Gesundheitsbehörde zu mobilisieren kam nicht in Frage. Also beschloss ich, aus ihr Salami werden zu lassen. Da der Salamimetzger selber nicht schlachtete, steuerte ich den Schlachthof in seiner Nähe an, von welchem aus dann das Fleisch zu ihm gebracht werden sollte. Als wir am Schlachthof ankamen, warteten auf der Laderampe in einem Vorraum bereits zwei weitere Kühe. Bis dahin konnte ich meine Kuh begleiten, aber danach begann ihr alleiniger Weg. Der Moment, in dem das Rolltor geschlossen wurde, ich sie nicht mehr streicheln konnte und wir keinen Blickkontakt mehr haben durften, war einer der schlimmsten in meinem bäuerlichen Dasein. Nicht, dass am Ende der Tod steht ist das Fürchterliche, sondern die erzwungene Entfremdung, die Unmöglichkeit von notwendiger Nähe bis zum Ende. Albert Schweizer schreibt: "Alle wertvolle Überzeugung ist irrational und hat enthusiastischen Charakter, weil sie nicht aus dem Erkennen der Welt kommen kann, sondern aus dem denkenden Erleben des Willens zum Leben." Schweizer beschreibt dieses Denken dann als die "einzig unmittelbare und einzig tiefe Weltanschauung". Karl Jaspers sprach einmal davon, dass es "keine Existenz ohne Transzendenz" gebe, Schweizer bezeichnet diesen Bereich, welchen es zu erreichen gilt, konsequenterweise mit dem Wort "ethische Mystik".

Stefan Wichert von Holten, Probst von Lüchow-Dannenberg, sagte einem Schweinehalter, der zunehmend Zweifel an seiner Tätigkeit äußerte, dass er solche Bedenken nicht haben müsse, solange er noch jeden Morgen in den Spiegel schauen könne (Bauernstimme 7/2010). Eine solche Argumentationsweise ist oberflächlich und leichtfertig, denn hat nicht Hitler vor dem Spiegel seine Posen geübt bis zur Perfektion? Ich muss dem Tier in die Augen schauen und nicht mir, denn nur dort kann ich sehen, was ich nicht will.

Ein anderer Aspekt, mit dem wir Bauern jeden Tag zu tun haben, ist der Pflanzenbereich und der des Bodens. Wenn man weiß, dass in einem Liter Wiesenboden millionenfaches Leben ist, dann stellt sich auch hier zwangsläufig die Frage der Verantwortung. Wenn die moderne Landwirtschaft durch den Raubbau, den sie betreibt zur Ver-Wüstung der Böden beiträgt, dann stellt sie sich eben dieser Verantwortung nicht; Die Auswirkungen dieser Verwüstung werden langfristig durch Unfruchtbarkeit spürbar, als logische Folge unseres Tuns, die durch Annahme von Verantwortung zu vermeiden wäre.


Seid gut zu den Viechern

Wenn die Landwirtschaft heute unter dem Zwang steht, Spitzenerträge und Spitzenleistung erbringen zu müssen, dann ist dies nicht nur widernatürlich, sondern dann führen solche Sachzwänge zwangsläufig zur Verrohung. Wenn ein Landwirt eine Kuh verrecken lässt, weil sich der Tierarzt nicht mehr rechnet, oder wenn ein Ziegenmilch- oder Ziegenkäseproduzent die frisch geborenen Ziegen im Tränkeimer ersäuft, weil das Ziegenfleisch wertlos ist im Gegensatz zur Milch, dann sind dies Beispiele im Extrem. Etwaige menschliche Empfindungen müssen hierbei unterdrückt werden. Das Gefährliche einer solchen Entwicklung besteht darin, dass eine Rechtfertigung durch Alibis erfolgt, welche ein Hinterfragen nicht mehr erlauben sollen. Der daraus erfolgende Selbstbetrug verschlimmert die Schuld. Entwicklungen wie die oben beschriebenen können hierbei durch Gesetze und Verordnungen allenfalls etwas gebremst werden. Das Grundproblem ist das Diktat einer wirtschaftlichen Unfreiheit des Bauern, trotz oder gerade durch das Subventionssystem, in dem Böden, Tiere oder Pflanzen zwangsläufig nur noch Produktionsfaktoren sind, wobei christlich-humanistische Sichtweisen nur den Betrieb stören.

"Seid gut zu den Viechern, denn wir leben von ihnen", das war die Prämisse meines Großvaters, nicht das Fleisch, nicht die Milch, primär war es das Tier. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Um in diese Sichtweise hineinzukommen, bedarf es einer grundsätzlichen Systemänderung. Wirtschaftlicher und politischer Druck, permanente Kapitalknappheit, Zeitknappheit und Arbeitsüberlastung bestimmen heute den bäuerlichen Alltag. Dadurch wächst der psychische Druck, welcher sich auch physisch ausdrückt. Erhebungen zu diesen Entwicklungen fehlen jedoch. Psychische Krankheiten, plötzliche Herztode oder Selbstmorde sind ein weites und bisher ignoriertes Feld der jüngeren Landwirtschaft.

Ethisches Handeln ist grundsätzlich nicht möglich, wenn der Handelnde selber faktisch außerhalb steht oder stehen muss. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wird sich diese Entwicklung jedoch weiter verstärken, weil der bäuerliche Familienbetrieb de facto längst mit industriellen Mitteln produzieren muss. Empfindung und Handlung stimmen nur noch punktuell überein und besonders infam und vulgär wird es dann, wenn Politiker vom bäuerlichen Familienbetrieb reden, den es zu erhalten gilt. Wir müssen diese Zu- und Missstände herausarbeiten und immer wieder benennen. Boden, Pflanze, Tier und Bauer sind in ihren Zusammenhängen einmalig und nicht voneinander zu trennen, weshalb eine bäuerliche Ethik ohne die bäuerliche Situation zu verstehen, unvollständig ist.


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Quelle:
Unabhängige Bauernstimme, Nr. 340 - Januar 2011, S. 18-19
Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft - Bauernblatt e.V.
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(verbilligt auf Antrag 26,00 Euro jährlich)


veröffentlicht im Schattenblick zum 9. April 2011