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FRAGEN/012: Liebe - eine Pflicht? eine Tugend? Keins von beidem? (Uni Bielefeld)


BI.research 36.2010
Forschungsmagazin der Universität Bielefeld

Fünf Milliarden Menschen zu lieben, das schaffe ich nicht

Die Fragen stellte Hans-Martin Kruckis


Selbstverständlich gehört zu den großen Themen der Philosophie spätestens seit Platons Dialog "Symposium" auch die Liebe. Der Bielefelder Philosoph Prof. Dr. Rüdiger Bittner hat in einem sehr lesenswerten Aufsatz gefragt: "Liebe - eine Pflicht? eine Tugend? Keins von beidem?" (1) und mit "Keins von beidem" geantwortet. Seine Einsichten lassen die Liebe an vielen Stellen in einem anderen Licht erscheinen, als man im ersten Moment erwarten würde. BI.research fragte nach:

FRAGE: In Ihrem Aufsatz über Liebe behaupten Sie, dass Liebe per se noch nichts Gutes sei. Das wird viele überraschen. Wie oder was ist sie dann?

RÜDIGER BITTNER: Einfach eine Regung neben anderen. Wir ärgern uns über jemanden, wir bewundern jemanden, wir beneiden jemanden,und so lieben wir auch manchmal jemanden. Es ist eine der vielen Sachen, die wir "bringen". Und ob es gut ist, die zu bringen, das, wollte ich sagen, kommt darauf an. Manchmal ist es ein schöneres und freieres Leben, wenn man jemanden liebt, aber manchmal hängt man damit auch irgendwo fest. Zudem, man liebt ja nicht nur Menschen, sondern auch Dinge, und da gilt erst recht: Es kommt darauf an, ob das etwas Gutes ist. Der Held in dem Roman "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess (und in dem gleichnamigen Film von Stanley Kubrick) liebt Beethovens Musik und liebt es, Menschen zu überfallen, zu verprügeln und zu vergewaltigen. Beethovens Musik ist es wert, dass man sie liebt, Gewalt gegen Menschen nicht.

FRAGE: Sie sind gegenüber der christlichen Ausdehnung der Liebe auf die gesamte Menschheit mehr als skeptisch. Das mag in der Tat ein zu schönes Ideal sein, aber brauchen wir solche Ideale nicht als Orientierungen, obwohl sie der kruden Realität widersprechen?

RÜDIGER BITTNER: Fünf Milliarden Menschen (sagen wir, es sind so viele) zu lieben, das schaffe ich nicht, und ich werde niemandem glauben, der von sich behauptet, er schafft es. Sie sagen: Das ist ein Ideal, an dem wir uns orientieren können. Aber wir brauchen keine Ideale, um uns zu orientieren. Die guten oder schlimmen Zustände in dieser Welt, die entweder wirklich bestehen oder abzusehen sind, reichen zur Orientierung aus. Knapp eine Milliarde Menschen (wieder, auf die genaue Zahl kommt es nicht an) hungert, im Wesentlichen dank der Wirtschaftspolitik der reichen Länder, also etwa der EU. Ich brauche kein Ideal allgemeiner Menschenliebe, um zu sagen: Das sollten wir ändern.

FRAGE: Sie lehnen die traditionelle Differenzierung des Begriffs "Liebe" in Begriffe wie "amor", "caritas", "eros" und "agape" ab. Ist es nicht trotzdem sinnvoll, verschiedene Facetten von Liebe zu unterscheiden, zum Beispiel die erotisch-sexuell konnotierte Sphäre von der unsinnlich-karitativen?

RÜDIGER BITTNER: Die Unterscheidungen, die Sie nennen, sind mir verdächtig, weil sie von den alten Zweiteilungen des Menschen in Körper und Seele abstammen und ihnen umgekehrt auch wieder Vorschub leisten. Die Erfahrung dagegen ist doch gerade: Die Lust, die man mit jemandem zusammen hat, ist nicht etwas "bloß Körperliches", sie ist jetzt und mit diesem Menschen das Lieben selbst, was offen lässt, dass zu einer anderen Zeit mit diesem Menschen das Lieben darin bestehen mag, einen Aufsatz zu diskutieren, und mit einem anderen Menschen zu einer anderen Zeit in wieder einer anderen Sache. Es gibt da nicht getrennte "Sphären", sondern jede Liebe findet ihr Spektrum von Dingen, die gemeinsam zu tun eine Freude ist.

FRAGE: In vielen Bereichen, in denen sich die Philosophie traditionell zu Wort meldete, hat sie Konkurrenz von anderen Wissenschaften bekommen. Über die Willensfreiheit gibt es zum Beispiel seit Jahren einen Streit vor allem mit Neurowissenschaftlern, die unter Verweis auf unsere Hirnstrukturen einen freien Willen verneinen. Zum Thema "Liebe" gibt es selbstverständlich auch jede Menge Forschung, verteilt über ein breites Fächerspektrum, nicht zuletzt auch wieder von den Neurowissenschaften. In welchen Bereichen nimmt die Philosophie noch für sich in Anspruch, Bedeutsames über Liebe sagen zu können?

RÜDIGER BITTNER: Ich sehe nicht die Konkurrenz, von der Sie sprechen. Konkurrenz heißt: Die anderen bieten ein ähnliches Produkt an wie wir und können uns damit, etwa wenn es besser ist oder wenn sie mehr Reklame machen, vom Markt verdrängen. Aber die anderen bieten nicht ein ähnliches Produkt an wie wir. Philosophen handeln zum Beispiel, davon, was Liebe in unserem Leben bedeutet, ob sie eine Pflicht oder eine Tugend oder was sie sonst ist, und davon handeln die Neurowissenschaftler tatsächlich nicht. Gewiss kann es geschehen, dass solche Fragen aus der Mode kommen, vielleicht gerade unter dem Einfluss einer naturwissenschaftlich geprägten Kultur. Aber das sehe ich nicht kommen. Die Nachfrage nach dem Produkt, das wir anbieten: Aufklärung über die Grundzüge unseres Lebens in der Welt, scheint mir ungebrochen. Und selbst wenn es da eine Konkurrenz gäbe, was ich leugne: Schließlich ist ja egal, aus welchem Fach einer kommt, wenn man nur von ihm etwas Hilfreiches lernen kann. Wenn die Neurowissenschaftler also ein ähnliches Produkt anbieten wie wir, nur besser, wunderbar! Aber das ist bisher nicht gezeigt.

FRAGE: Philosophie ist selbst Liebe, Liebe zur Weisheit, wie die Übersetzung aus dem Griechischen lautet, und Philosophen sind danach selbst Liebende. Wie wörtlich nehmen die Philosophen heute noch ihre Selbstbezeichnung?

RÜDIGER BITTNER: Verzeihen Sie, dass ich etwas gelehrt antworte: "Liebe zur Weisheit" ist keine gute Übersetzung für "Philosophie". Die "sophia" in "Philosophie" ist nicht Weisheit in dem Sinne, in dem wir etwa von "Altersweisheit" sprechen. Sie ist Wissen, also sich auskennen, Bescheid wissen, Durchblick haben. Philosophen wörtlich genommen sind also Leute, die liebend gern rauskriegen möchten, was Sache ist. So verstehen sich die Fach-Philosophen allerdings nach wie vor. Nur haben sie darin nichts Besonderes: In dem Sinne steckt die ganze Universität, von einem Ende bis zum anderen, voll mit Philosophen. Hoffentlich jedenfalls.


Anmerkung:
(1) In: Die Moralität der Gefühle, herausgegeben von
Sabine A. Döring und Verena Mayer, Berlin 2002, S. 229-237


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Quelle:
BI.research 36.2010, Seite 14-17
Forschungsmagazin der Universität Bielefeld
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BI.research erscheint zweimal jährlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 28. Juli 2010