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BERICHT/001: Mit Kung Shou Dao von De Guo nach Zhong Guo (spektrum - Uni Bayreuth)



spektrum 3/07 - Universität Bayreuth

Mit Kung Shou Dao von De Guo nach Zhong Guo
(Mit Leere Hand Weg von Tugend Land nach Mitte Land)

Bericht über die Reise nach Tianjin/China vom 7. bis 14. September 2007

Von PD Dr. Peter Kuhn


Wie fühlt man sich, wenn man von einer Universität ins Land der Mitte eingeladen wird, um dort Karatedo zu unterrichten? Nun - etwa so, als sollte man Eulen nach Athen tragen. Noch dazu kam die Einladung von der Fakultät für traditionelle chinesische Sportarten der Sporthochschule Tianjin! Die dortigen Wushu-Lehrer sind von höchstem Rang und pflegen eine enge Beziehung zum Shaolin-Tempel in Luoyang. Zum Beispiel Li Yingjie. Er wurde vom höchsten Lehrer und Leiter des Shaolin-Tempels ausgebildet und zertifiziert und lehrt nun traditionelle und moderne Wushu-Stile in Tianjin. Umgekehrt sind einige ehemalige Schüler meines Freundes und Gastgebers Prof Dr. Mei Hangqiang Lehrer in Shaolin. Prof. Mei selbst ist der Dekan der Wushu-Fakultät.

Ich habe ihn 2004 persönlich kennen gelernt, als er Bayreuth besuchte. Bereits drei Jahre vorher hatten wir E-Mail-Kontakt, denn er bat mich - vermittelt durch den Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth, Prof Dr. Walter Brehm - um Unterstützung bei seinen Recherchen über die Kampfkünste der Welt zur Fertigstellung seiner Dissertation. Sein Auftritt in Bayreuth zusammen mit seinem jungen Kollegen Li und einigen seiner Schüler war äußerst beeindruckend.

Vorführung Prof. Mei Prof. Mei's Team im Unterricht mit Bayreuther Studenten (Kollege Li Yingjie im roten Seidenanzug) (Quelle privat)

Abb.: Das Wushu-Team der Sporthochschule Tianjin 2004 an der Uni Bayreuth (links: Vorführung; Mitte: Prof. Mei, rechts: sein Team im Unterricht mit Bayreuther Studenten (Kollege Li Yingjie im roten Seidenanzug (Quelle privat)


In 2006 verbrachte Hangqiang dann einen halbjährigen Studienaufenthalt in Bayreuth. In dieser Zeit bildet er mich im Taijiquan weiter aus und zertifiziert mich zum Lehrer. Und er schlug einen Gegenbesuch vor, bei dem ich in Vorträgen über Kampfkunst aus westlicher Perspektive sprechen und Karatedo-Unterricht halten sollte. Gesagt - getan. Und dies nun ist der Reisebericht.


*


Anreise, Samstag, 8. September 2007. Der Anflug auf Beijing beeindruckt zunächst durch die Steppenlandschaft der Mongolei, die dann in eine zerklüftete Berglandschaft und bald in flächige Bebauung übergeht. Kurz vor dem Flughafen überrascht ein weitläufiger Golfplatz. Landung und Flughafen-Checkout verlaufen zügig und Hangqiang erwartet mich freudestrahlend am Ausgang. Einer herzlichen Begrüßung folgt eine ca. zweistündige Fahrt nach Tianjin. Tianjin ist mit acht bis fünfzehn Millionen Einwohnern (die Angaben schwanken je nachdem, welche Randbezirke man mit einbezieht) die dritt- bis viertgrößte Stadt von "Zhong Guo" - so heißt China auf Chinesisch - "Mitte Land". Die Stadt liegt 130 km südöstlich von Beijing in der Bohai-Bucht und hat seine besondere Bedeutung als Eintrittspforte der Konzessionsmächte England, Frankreich und Deutschland im 1900. Deshalb findet man in Tianjin auch noch viele architektonische Relikte europäischen Baustils. Ich werde in einem sehr guten Hotel in unmittelbarer Nähe zur Uni untergebracht. Nach einer willkommenen Pause holt mich Hangqiang mit seiner Tochter sie ist Mitglied der chinesischen Wushu-Nationalmannschaft und Hochschullehrerin an der Tianjin University for Economy and Administration - ab und fährt mich in ein "westliches" Restaurant. Dort wird beim Essen der Wochenplan besprochen. Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag jeweils 90 Minuten Karatedo-Training, am Mittwoch der Vortrag über "Wushu and Karatedo in Germany" und am Donnerstag über "How to teach eastern martial arts in western public schools or: the best fight is the one never fought". Mein Gastgeber hatte mich um diese Themen gebeten.

Als Thema des Karatedo-Trainings hatte ich mir die Kata (= festgelegte Form) Kanku-Dai in Form und Anwendung ausgesucht. Der Grund hierfür liegt nahe: Ich wollte meinen Gastgebern etwas von dem zurückgeben, was ihre Vorfahren der Welt gegeben haben - denn die Wurzeln der Kanku-Dai liegen in Shaolin. In Werner Linds "Lexikon der Kampfkünste" (2001, S. 168f., 288f., 362f.) kann man dazu lesen, dass die Kanku eine japanische Variante der Okinawanischen Kushanku ist, in vielen Schulen des Karate geübt wird und auch im Shotokan ryu (= der am weitesten verbreitete Karatedo-Stil) eine repräsentative Kata darstellt.

Der Name Kushanku kommt von einem gleichnamigen chinesischen Kampfkunstexperten des Shaolin Quanfa. Man vermutet, dass Kushanku als chinesischer Militärattaché im Jahre 1756 im Zuge der chinesisch-japanischen Handelsbeziehungen nach Okinawa kam und sich dort bis 1762 aufhielt. Der damalige Kaiser der Ming-Dynastie wählte "36 Familien" aus dem chinesischen Gebiet Fujian, deren Mitglieder in verschiedenen Berufen und Künsten ausgebildet waren, aus, die sich auf Okinawa in der Nähe der Stadt Naha in einer chinesischen Siedlung (Kumemura) niederließen. Einer von ihnen war eben Kushanku, ein bekannter Kampfkunstexperte seiner Zeit. Man spricht Kushanku die Einführung der zurückgezogenen Hand an der Hüfte (Hikite) und einer Form des Kumite (= Zweikampf) in das Okinawanische Karate zu.

Die Kanku-Dai ist die japanische Hauptform der alten Kushanku. In den japanischen Stilen setzte sich die Itosu no kushanku durch. Sie wurde besonders von den Meistern Funakoshi Gichin und Mabuni Kenwa in Japan gelehrt und verbreitete sich danach in allen dem Shotokan ryu und dem Shito ryu verwandten Stilen, allerdings mit einigen Veränderungen. Die Bezeichnung Kanku wurde von Funakoshi Gichin, dem Begründer des modernen Karatedo, in den 1930er Jahren eingeführt. Man nimmt an, dass diese Form seine Lieblingskata war, denn als er 1921 gebeten wurde, seine Kunst in Japan vorzustellen, demonstrierte er die Kushanku. Im Besonderen lehrt die Kanku das richtige Verhältnis zwischen starkem und leichtem Krafteinsatz und zwischen langsamem und schnellem Rhythmus. Ihr psychologischer Inhalt bezieht sich auf das Gleichgewicht dieser Gegensätze und repräsentiert die Einheit des Universums im natürlichen Rhythmus der Veränderungen. Aufgrund dessen wird sie Kanku (Blick in den Himmel) genannt. Wörtlich bedeutet Kan "beobachten" und Ku "Leere" oder "Himmel". Durch die eröffnende Bewegung der Kata wird mit den Händen ein Dreieck über dem Kopf gebildet. Man lehnt sich leicht zurück und schaut durch das Dreieck in den Himmel.

Schriftzeichen für Kanku-Dai Technik der Kanku-Dai

Abb.: Schriftzeichen für Kanku-Dai (Quelle: http://karate.zeitformat.de; Original in Schlatt, 2007, S. 36) und Technik der Kanku-Dai (Quelle: privat)


Kung Shou Dao (= chin. für Kara Te Do) gibt es in der Sporthochschule Tianjin erst seit einem halben Jahr. Im Vorfeld meines Besuchs hatte sich Li Yingjie in Japan fortgebildet und er führt nun seit Anfang 2007 eine Karatedo-Klasse, die er mir zur Verfügung stellte. Mein Einsatz war also von Seiten der gastgebenden Hochschule als Beitrag zur Entwicklung ihrer Kampfkunstvielfalt gedacht. Umso mehr war es wichtig, eine Form zu wählen, die Karatedo möglichst umfassend abbildet. Weil ich davon ausgehen konnte, dass es sich bei seinen Schülern um durchwegs gute Kampfkünstler handelt, sollte die Kanku-Dai in Kata und Bunkai (= Anwendung) durchaus in vier Trainingseinheiten zu bewältigen sein.

Nebenbei bemerkt: Das "Kung" in Kung Shou Dao heißt "leer" und hat nichts zu tun mit dem "Kung" in Kungfu. Jenes "Kung" heißt so viel wie "durch Übung erlangte Fähigkeit". "Fu" heißt sowohl "Mensch" als auch "Meister"; Kungfu ist also eine durch Übung erlangte menschlich-meisterliche Fähigkeit. Meine erste Demonstration der Kanku-Dai wurde von meinen chinesischen Schülern mit lautem Beifall quittiert. Überhaupt zeigte sich, dass jede gelungene Demonstration - etwa die eines schnellkräftigen, aber kontrollierten Oi Tsuki (= gleichzeitiger Fauststoß) zum Kinn eines ausgewählten Partners - bestaunt und beklatscht wurde. Entweder sind solche, für mich selbstverständliche Ausführungen etwas Besonderes für die Wushu-Studenten oder sie sind einfach so höflich, dass sie alle nicht-trivialen Demonstrationen mit Applaus bedenken. In Gesprächen zeigte sich jedenfalls, dass die von uns Karatedoka gepflegte Kombination von Dynamik und Kontrolle neu und interessant sein musste.

Montag, 10. September 2007. Die erste Trainingseinheit bestand darin, Basics zu bearbeiten und die ersten Sequenzen der Kanku-Dai zu vermitteln. Als Basics wählte ich den Stand, die Bewegung der Beckenachse und die Bedeutung der kinematischen Kette von der im Boden verankerten hinteren Ferse über die Streckbewegung des hinteren Beines und die Drehung der Beckenachse in die Faust. Dies wurde an verschiedenen Block- und Handtechniken abgearbeitet. Die Kanku-Dai entwickelten wir bis zum ersten Kiai (= Kampfschrei-, Ki = Energie, Ai = Harmonie).

Dienstag, 11. September 2007. In der zweiten Trainingseinheit ging es zunächst um das Thema Wendung, das ich mit der klassischen Übung "Gedan Barai (= Fegeblock nach unten) nach links, nach hinten, nach links, nach hinten..." einleitete. Die Komplexität wurde dann gesteigert durch Hinzunahme des Gyaku Tsuki (= Fauststoß mit dem hinteren Arm) und schließlich durch die Kombination Yoko Geri Kekomi (seitlicher Fußstoß) Uraken Uchi (Faustrückenschlag) - Gedan Barai - Gyaku Tsuki. Und dann das Ganze rechts beginnend... Anschließend bearbeitete ich das Thema Fußstöße - zunächst ohne, dann mit Folgetechnik, wobei es erneut auf die Verwurzelung der hinteren Ferse, den Spannungsaufbau im Standbein und die Beschleunigung aus der Körpermitte ankam. Die Kanku-Dai wurde jeweils im Wechsel zum Kihon (= Grundschule) integriert und bis zum Punkt Uchi Uke (= Abwehr von innen) - Ren Tsuki (- Zweifachfauststoß) weiterentwickelt.

Abb.: Korrektur der Beckenachse beim Age Uke (Block nach oben) und Spannungsaufbau zwischen Yoko Geri und Gyaku Tsuki (Quelle: privat)


Mittwoch, 12. September 2007. Meine Schüler hatten ihre anfängliche Scheu bereits gegen Ende der der zweiten Trainingseinheit abgelegt. Besonders in der ersten Einheit war zu spüren, dass sie einen sehr strengen Ordnungsrahmen gewöhnt waren und äußersten Respekt vor ihren Lehrern an den Tag legten. Da dies meinem Führungsstil nicht entspricht, wollte ich ihnen heute eine andere Art der Begrüßung als die übliche Konfrontation zwischen Lehrer hier und Schülerlinie(n) da vorstellen: den Kreis, in dem sich der Lehrer neben seine Schüler stellt und setzt. Diese Form ist nicht weniger traditionell als die andere, sie bringt aber etwas anderes zum Ausdruck, nämlich das Prinzip "Dokan".

Abb.: Dokan (Quelle: www.christian-joh.de) Dokan

Dokan besteht aus den Schriftzeichen für "Weg" und "Kreis" und bedeutet zum einen, dass der Weg, den ein Mensch beschreitet, wenn er sich einer der Do-Künste widmet, einem Kreis gleicht. Der Übende strebt nicht einem letzten Ziel zu, sondern beginnt, wenn er etwas erreicht hat, von neuem mit dem Oben desselben oder etwas anderem. So ist und bleibt der Kampfkünstler immer Anfänger, auch wenn er es in verschiedenen Formen schon zu "Kungfu" - meisterlichen Fähigkeiten - gebracht hat. Das Schriftzeichen "Kan" bedeutet aber auch einen Kreis zusammengehöriger Menschen - eine Gemeinschaft. Dokan ist dann eine Weggemeinschaft von Menschen, die sich derselben Sache verschrieben haben. In einer solchen Gemeinschaft gibt es zwar Menschen, die vorangehen, Lehrer Sensei oder ältere, fortgeschrittene Schüler - Sempai. Diese unterscheiden sich jedoch nur graduell von ihren Schülern, nicht prinzipiell. Und sie sind sich der Tatsache bewusst, dass in jedem ihrer Schüler ein größerer Meister stecken kann, als es der Lehrer jemals war. Deshalb erhebt sich der Lehrer nicht über seine Schüler, sondern reiht sich mit ihnen in den Dokan ein und eben dies wird in der Kreisgrußform zum Ausdruck gebracht.

Mit Staunen und Interesse wurde dies von meinen chinesischen Schülern zur Kenntnis genommen und praktiziert. Noch überraschter aber waren sie von dem anschließenden Spielchen zum Aufwärmen. Ich nenne es "Schinkenpatschen jeder gegen jeden" und es besteht einfach darin, dass jeder versucht, den anderen einen leichten Klaps auf den Allerwertesten zu geben, wobei man sich so innerhalb eines begrenzten Raumes bewegt, dass man möglichst selbst nicht getroffen wird. Die - durch die Sprachbarriere sicherlich erschwerte - erste Interpretation der Spielaufgabe bestand darin, dass meine Schüler im Kreis trabten und dachten, dass ich, von der Mitte des Kreises aus, versuchen möchte, sie zu treffen, sie aber lediglich ausweichen sollten. Kurzum es dauerte einige Minuten, bis alle die Spielidee verstanden und weitere Minuten, bis sie sie ungläubig akzeptiert hatten. Als sie dann aber merkten, wie viel Spaß das Spiel macht, waren sie auch mir gegenüber kaum zu bremsen.

Das technische warm up bestand in Partnerübungen zur Distanz mit Gyaku Tsuki und Oi Tsuki Chudan (= zur Körpermitte). Lange dauerte es, bis sie sich trauten, leichten Kontakt zum Gi (= Anzug) bzw. zum Bauch des Partners aufzunehmen. Anschließend arbeiteten wir Varianten der Abwehr mit Uchi Uke und Shuto Uke (= Handkantenabwehr) durch, wobei die Bedeutung der ersten, den Angriff aufnehmenden Hand im Vordergrund stand. Dann brachten wir die Kanku-Dai zu Ende, wobei die Schwerpunkte diesmal auf "Hara bringen" und "Zanshin zeigen" lagen (Hara = Mitte, Zanshin = gelassener Kampfgeist).

Hara bringen Zanshin zeigen

Abb.: "Hara bringen" und "Zanshin zeigen" (Quelle: privat)


Für die erste Bunkai-Sequenz wählte ich die Form des Happo-Kumite (= Kampf gegen mehrere Gegner) mit einer Zusammenstellung aus den Folgen 1-11 der Kanku-Dai nach Albrecht Pflügers Buch "27 Shotokan Katas". Mit Begeisterung arbeiteten sich die Schüler 30 Minuten lang in diese Aufgabe hinein. Den Abschluss bildete wieder die Kreisgrußzeremonie mit Seiza, Mokuso, Za rei, Kiritsu und Ritsu rei (Fersensitz, Schweigen der Gedanken, Gruß im Fersensitz, Aufstehen, Gruß im Stand).

Am Nachmittag fand dann der erste Vortrag über "Wushu and Karatedo in Germany" statt. Ich referierte vor ca. 150 Studenten anhand der Kriterien Stile, Organisationen, wichtige Lehrer und Schulen sowie Meisterschaften über Ausschnitte der deutschen Kampfkunstlandschaft. Zur Illustration hatte ich viele Fotos und einige Videoaufnahmen von den Deutschen Wushu-Meisterschaften 2005 in Wolfsburg und von der Karate-WM 2000 in München mitgebracht.

im Hörsaal

Abb.: Im Hörsaal (Quelle: privat)


Der Vortrag am Donnerstag, 13. September 2007, war eine ins Englische übertragene Version meines Habilitationsvortrages (Eine Textfassung mit dem Titel "Budo im Sportunterricht Überlegungen zu einer sportpädagogischen Theorie und Praxis des Kämpfens in der Schule" wird Anfang 2008 in der Zeitschrift "sportunterricht" des Hofmann Verlags, Schorndorf, erscheinen). In diesem Vortrag gehe ich einerseits von der Problematik aus, dass ein Unterricht in "Selbstverteidigung" in der Schule grundsätzlich problematisch ist, weil er die Tiefendimension der dahinter liegenden Notwehrsituation nicht darstellen kann. Andererseits haben wir das Imageproblem des Karate, das erschwert, dass Karatedo als pädagogisch wertvoller Teil der schulischen Sporterziehung grundsätzlich akzeptiert wird. Durch einen Rückgriff auf die Geschichte und Philosophie der Kampfkünste Asiens, in dem das Do-Prinzip die zentrale Rolle spielt, versuche ich zu zeigen, wie man Budo im Sportunterricht theoretisch begründen und in für alle Teile gewinnbringende Praxis umsetzen kann. Das Schriftzeichen für "Bu" bedeutet ja nur oberflächlich betrachtet "Kampf".

Budo

Vielmehr setzt es sich aus zwei Elementen zusammen: "aufhalten" bzw. "anhalten" und "Lanze". Budo ist also der Weg, "die Lanze aufzuhalten", und zwar sowohl die des Gegners als auch die eigene (Fauliot). Im übertragenen Sinn bedeutet Budo also den Weg, den Kampf anzuhalten und zu beenden und nicht etwa den Weg zu kämpfen. Aus (potentiellen) Kämpfen Nicht-Kämpfe zu machen, das ist die Kunst des Budoka. Die Quintessenz für den Sportunterricht besteht darin, die Angriffstechniken zu relativieren und unter die Prämisse zu stellen, dass mein Partner lernt, sich zu verteidigen. Binhack nennt dies die "Ambivalenz des Antagonismus". Mit Funakoshi muss gelten: "ni sente nashi - nicht die erste Bewegung"; und der so entwickelte pädagogische Zusammenhang lässt sich bündeln in die Weisheit "Der beste Kampf ist der, der nicht gekämpft wird".


Abb.: Budo (Quelle: www.bc-samurai.de)


Im Anschluss an den Vortrag entstand eine lebhafte, mehr als einstündige Diskussion, in denen die ca. 100 Hörer, unter denen sich auch einige Lehrkräfte befanden, die Haltung und Einstellung der "Langnase" aus De Guo eingehend hinterfragten. Ihr Interesse galt insbesondere meiner Vorstellung von Dao bzw. Do., meiner Auffassung über Form und Bedeutung der Atmung beim Taijiquan und beim Karatedo sowie meiner Meinung über die Frage, wie Budo-Training für Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters gestaltet werden sollte. Darüber hinaus diskutierten wir über die Anwendung des Do-Prinzips auf andere Sportarten, etwa Sportspiele, über die Bedeutung der Kampfkünste in der schulischen Erziehung generell und über die Besonderheit im Wettkampfkarate, die darin besteht, dass man zwar mit voller Dynamik angreifen muss, um einen Punkt zu erzielen, der Punkt aber nur bei vollständiger Kontrolle der Bewegung und Unversehrtheit des Gegners erteilt wird.

Am Freitag, 14. September 2007 fand schließlich die vierte und letzte Trainingseinheit im Kung Shou Dao statt. Ich begann mit der "universalen Kata", der Taikyoku Shodan, die nur aus zwei verschiedenen Techniken besteht Gedan Barai und Oi Tsuki - und deshalb vordergründig als die "einfachste" Kata gilt. Taikyoku ist das japanische Wort für Taiji, was "Firstbalken" und im übertragenen Sinn so viel wie "das Höchste, Letzte" bedeutet. Die Taikyoku wäre damit die höchste, letzte Kata! In diesem Zusammenhang erzählte ich von einem Lehrgang mit Sean Roberts. Sensei Sean Roberts, 5. Dan, ist 8-facher Britischer Karate-Meister, 3-facher Europäischer Karate-Meister und Goldmedaillengewinner mit der Englischen Mannschaft bei den 1990er und 1991 er Shotokan-Karate-Weltmeisterschaften. Außerdem ist er mit Karatedoka des Bayreuther Uni-Dojo befreundet, wo ich ihn zwischen 1997 und 2001 fünf Mal in Lehrgängen erleben durfte, davon einmal zusammen mit seinem Lehrer, Shihan Akio Minakami(*). Ein Satz von Sean Roberts prägte sich mir damals besonders ein: "At any time I feel that I'm able to perform a Kata well, I return to Taikyoku Shodan". Und er tat das, wie er sagte, um sich selbst zu disziplinieren, denn in der Taikyoku Shodan sehe man, ob jemand die Grundlagen des Karate verinnerlicht habe. Als Schwerpunkte, die jeder bei sich selbst beobachten sollte, wählte ich Stand, Wendung, Mitte und Blick sowie Spannung und Lösung.

Anschließend nahmen wir uns 60 Minuten Zeit, um in Partnerform verschiedene Bunkai-Sequenzen zu erarbeiten und Varianten zu erproben.

(*) www.hawaiikaratedo.com/Instructors.htm

Gruppenfoto

Abb.: Die Kung-Shou-Dao-Klasse der Wushu-Fakultät der Sporthochschule Tianjin (Quelle: privat)


Resümee

Wenn ich diese Erfahrung abschließend bewerten soll, fallen mir vordergründig viele Superlative ein. Blicke ich dann dahinter, so erfasst mich Demut vor der großen Ehre, die mir zuteil wurde. Es gilt also zunächst zu fragen, wer mir geholfen hat, so weit zu kommen, dass ich in einem Ursprungsland meiner Kampfkunst die Kunst unterrichten darf. Bekanntermaßen hat der Erfolg viele Väter, und stellvertretend will ich meinen Sensei Detlef Seidel, Gründer und spiritueller Leiter des Dojo der Karate-Abteilung des SC Hummeltal, nennen. An ihn gebe ich die Ehre gern weiter. Ehre gebührt auch meinem chinesischen Weggefährten Cheng Wei (auf dem Foto in der 1. Reihe neben mir kniend, mit dem dunklen T-Shirt). Er - ein 25-jähriger post-graduate student - wurde mir als persönlicher Referent von der Universität zugewiesen und war mir ein äußerst angenehmer, zuverlässiger und hilfreicher Begleiter und Übersetzer. Sein Fachgebiet ist Wushu mit den Schwerpunkten Chang Quan (Langfaust), Pigua Quan (Stil des Axtschlages) und Tang Lang Quan (Stil der Gottesanbeterin). Auch er ist, wie Li Yingjie, einer der seltener gewordenen Vertreter alter traditioneller Wushu-Stile, und dafür gebührt ihm Hochachtung. Die Begegnung mit ihm war eine große Freude für mich.

Schließlich ist auch zu fragen, warum das Interesse meiner Gastgeber an einer westlichen Interpretation östlicher Kampfkunst so groß war. Eine der Antworten ist sicher, dass es, wie berichtet, an der Sporthochschule Tianjin Karatedo noch kaum gab. Ich brachte also etwas Neues, das als Bereicherung empfunden wurde. Eine weitere Antwort könnte sich aber auch dahinter verbergen, dass die Studenten angesichts des drohenden Verlusts alter Kampfkunsttraditionen und der damit verknüpften Werte spürten, dass hier einer kommt, der ihnen die Tür dorthin wieder aufschließt. Vielleicht brauchen gerade die, die - der Schwerkraft trotzend sich wie schwebend bewegen und durch die Luft wirbeln können, diesen Rückbezug auf die Wurzeln ihrer Kunst. Und vielleicht hat es ihnen gut getan, unmittelbar zu erfahren, dass diese Wurzeln auch in anderen Teilen der Welt, z.B. in De Guo, lebendige Blüten treiben. "De Guo", das chinesische Wort für Deutschland, bedeutet übrigens wörtlich "Tugend Land".

Wie auch immer - diese Woche war ein unvergessliches Erlebnis und sie bestärkt mich, auf dem Weg, den ich mit dem Üben des Karatedo beschritten habe, wie bisher weiterzugehen.


Literatur
Binhack, A. (1998). Über das Kämpfen. Frankfurt/New York: Campus.
Fauliot, P. (2003). Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen. Geheimnisse und Geschichten über die Kampfkünste. München: Goldmann.
Lind, W. (2001). Lexikon der Kampfkünste. Berlin: Sportverlag.
Pflüger, A. (2003). 27 Shotokan Katas. Leonberg: DOKAN-Verlag.
Schlatt (2007). Enzyklopädie des Shotokan-Karate (3. Aufl.). Lauda-Königshofen: schlatt-books

PD Dr. Peter Kuhn
Universität Bayreuth, Institut für Sportwissenschaft


Anmerkung:
Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form in der Fachzeitschrift des Deutschen Karate Verbands
Karate 22 (2007) Heft 6, S. 6-9 erschienen.


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Quelle:
spektrum 3/07, Seite 20-25
Herausgeber: Der Präsident der Universität Bayreuth
Redaktion: Pressestelle der Universität Bayreuth, 95440 Bayreuth
Tel.: 0921/55-53 23, -53 24, Fax: 0921/55-53 25
E-Mail: pressestelle@uni-bayreuth.de
Internet: www.uni-bayreuth.de

"spektrum" erscheint dreimal jährlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 22. Februar 2008