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LATEINAMERIKA/1101: Brasilien - Leben am Xingú-Fluss, die unendliche Geschichte der Invasionen (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 5. Juli 2010

Brasilien: Leben am Xingú-Fluss - Die unendliche Geschichte der Invasionen

Von Mario Osava


Altamira, Brasilien, 5. Juni (IPS) - Bei Tagesanbruch feuerte der Chef auf den Dorfführer und löste damit eine Schießerei aus. "Der Wald erzitterte", und die Ureinwohner flohen, ihre Toten und ein Mädchen zurücklassend, das seine Zähne fest in die Brust eines Angreifers geschlagen hatte. Um beide zu trennen, wurde der Kopf des Kindes abgeschlagen.

Ein halbes Jahrhundert später erinnert sich Benedito dos Santos noch gut an die Schlacht am Ufer des Rio Xingú im ostbrasilianischen Amazonasgebiet. Hier stießen die Kautschukzapfer ('Seringueiros') seit ihrer Ankunft Ende des 19. Jahrhunderts auf erbitterte Ablehnung von Seiten der Urbevölkerung. Den Widerstand einiger Gruppen kämpften die Seringueiros nieder, mit anderen lebten sie zusammen und vermischten sich.

Der 67-jährige, den sie "Bião" nennen, hat mit 14 Frauen 26 Kinder gezeugt, von denen 23 am Leben sind. Er arbeitet im Familienbetrieb als Fährmann. Das Unternehmen besitzt acht Boote und eine Anlegestelle im Zentrum von Altamira, der mit 100.000 Menschen größten Stadt am Ufer des Xingú. An den Fluss kam Bião als Knirps von nicht einmal fünf Jahren. "Ich wurde mit der Milch des Kautschukbaums großgezogen" witzelt er. Mit 14 Jahren wurde er Kautschuksammler.

Benedito 'Bião' dos Santos  Bild: Mario Osava/IPS

Benedito 'Bião' dos Santos � Bild: Mario Osava/IPS

Erst die Kautschuksammler ...

Mit dem Angriff auf das Indigenendorf habe man auf die Morde an Seringueiros durch die Ureinwohner reagiert, rechtfertigt sich Bião. Doch das Gemetzel war wechselseitig. Die Weißen fügten noch einen makabren Ritus hinzu: Sie schlitzen ihren Opfern die Bäuche auf, legten Steine hinein und versenkten sie im Fluss. Mit dieser Maßnahme wollten sie ihrer Bestrafung durch die Behörde zum Schutz der Ureinwohner entgehen.

Nach neun Jahren im Kautschukgeschäft und als Vater von vier Kindern kehrte Bião schließlich ins "gute Leben" von Altamira zurück. Denn abgesehen von den Gefahren, die im Dschungel auf die Seringueiros lauerten, ließ das Kautschukgeschäft nach. Das brasilianische Amazonasgebiet, durch die Latexproduktion Ende des 19. Jahrhunderts reich geworden, verlor Anfang der 1920er Jahre seine weltweite Vormachtstellung an Malaysia, wo mit Kautschukbäumen in Plantagenwirtschaft höhere Erträge erzielt werden konnten.


... dann die Siedler

1970 wurde mit dem Bau der 'Transamazónica' begonnen, einem bis heute unvollendeten Straßenprojekt, das den Nordosten Brasiliens mit dem Amazonasgebiet verbinden sollte. Die Schotterpiste brachte eine Welle von Siedlern, angelockt durch die Aussicht auf Agrarland, nach Amazonien.

Bião hatte selbst ein Jahr lang an der Transamazónica mitgewirkt. In den darauffolgenden Jahren betätigte er sich als Gold- und Edelsteinsucher, arbeitete in verschiedenen Bergwerken, betrieb ein Bordell und ließ sich vorübergehend von der Holzfirma 'Marajoara' anheuern, um am blühenden Geschäft mit Mahagoniholz mitzuverdienen.

Auch um das kostbare Edelholz fanden blutige Auseinandersetzungen statt. Wie Bião berichtet, musste er fliehen, nachdem er sich an Kämpfen gegen verfeindete Holzfäller beteiligt hatte, die 20 Menschen das Leben kosteten. "Mein Kopf war damals fünf Kilo Gold wert", brüstet er sich. Damals ging er nach Altamira zu seinen Söhnen zurück, wo das Leben ein weiteres gefährliches Abenteuer für ihn parat hielt. Doch der Glücksritter kam auch diesmal mit dem Leben davon. Sein Boot sank, er selbst konnte zwölf Stunden später gerettet werden.


Belo Monte - Invasion von Bauarbeitern erwartet

Bião war einst so wild wie der Xingú, der nun durch das Belo-Monte-Wasserkraftwerk gezähmt werden soll. Die Pläne nimmt der 67-Jährige gelassen auf. "Das ist eine Entscheidung der Mächtigen", sagt er, bleibe nur zu hoffen, dass der Staudamm den Menschen Arbeit bringe. Rund 18.700 direkte und 80.000 indirekte Jobs sollen durch das Vorhaben entstehen.

Und erneut wird es eine Invasion geben. Erwartet wird der Zuzug von 100.000 Menschen in die Dörfer am Fluss, in denen bisher keine 150.000 Menschen leben. Auch soll die Transamazónica asphaltiert und die Menschen am Fluss aus ihrer Isolation befreit werden. Wenn der Staudamm kommt, will Sebastião de Castro Silva gehen - tiefer in das Amazonasgebiet, wie er sagt. Denn dann werden 40 Hektar seines 100 Hektar großen Landes geflutet, auf dem er seit seiner Ankunft 1977 Kakao und Getreide anbaut. (Ende/IPS/beh/2010)


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http://www.altamiranet.com.br/portal/index.php?option=com_content&view=article&id=146:lula-defende-construcao-de-belo-monte-no-para&catid=29:ahe-belo-monte&Itemid=44
http://www.ipsnoticias.net/nota.asp?idnews=95763

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Quelle:
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. Juli 2010