Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → KOMMENTAR


HERRSCHAFT/1875: Corona-Pandemie - die Letzten unter den Gleichen ... (SB)



"Vor dem Herrgott sind alle gleich" - dieser Stoßseufzer stand wie ein letzter Trost am Ende manchen Kampfes, in dem sich BäuerInnen oder ArbeiterInnen vergeblich mit den über sie verfügenden Feudalherren oder Bossen angelegt hatten. Es blieb den Priestern überlassen, die Wut gegen Ausbeutung und Unterdrückung unter Verweis auf die Endlichkeit allen Lebens und die angebliche Gleichheit aller menschlichen Geschöpfe im Himmel in bereitwillig akzeptierte Ohnmacht umzumünzen. Bis heute ist die Mutmaßung virulent, es gebe so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit, die spätestens im Jenseits ihr erlösendes, alle Klassengegensätze einebnendes Werk verrichte, nur daß an die Stelle Gottes andere letztinstanzliche Größen wie etwa das Schicksal oder, ganz aktuell, der Coronavirus treten.

"Eine Pandemie kennt keine sozialen Unterschiede", heißt es in der taz beschwichtigend, wiewohl im gleichen Artikel [1] über die großen sozialen Unwuchten im US-amerikanischen Gesundheitswesen berichtet wird. Die Autorin nutzt den Fluchtpunkt einer potentiellen Betroffenheit aller Menschen in den USA dazu, die massive gesellschaftliche Ungerechtigkeit in diesem Fall gegen sich selbst zu kehren. Mit dieser Pandemie könnten die "Schwächen des US-Systems (...) auf alle Bewohner der USA zurückfallen", sprich rächten sich die Versäumnisse der unzureichenden Gesundheitsversorgung erwerbsarmer Menschen und anderer sozial unterprivilegierter Minderheiten auch an denjenigen, die bestens versorgt sind oder sogar von den durch Privatisierung und Marktlogik geschlagenen Lücken im Gesundheitssystem profitieren.

Doch trifft auch und gerade bei einer Pandemie keineswegs zu, daß sie "weder soziale Unterschiede noch Staatsangehörigkeiten" kenne. Auch wenn ihr prinzipiell jeder Mensch zum Opfer fallen kann, gibt es zahlreiche sozial bedingte Faktoren, die die Chance, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren oder die Krankheit COVID-19 zu überleben, vergrößern oder verringern. Wer sich hochwertige Lebensmittel leisten kann oder gar individuelle ernährungsphysiologische Beratung erhält, hat weit bessere Voraussetzungen, eine schwere Verlaufsform der Infektionserkrankung zu überleben als diejenigen, deren Physis durch industriell entwerteten Junkfood geschwächt ist, die durch Mangelernährung bedingte Auszehrung oder Fettleibigkeit erleiden oder die sich aufgrund ihres Lebens unter sozial verelendeten Bedingungen eine chronische Erkrankung zugezogen haben, die zu den die Sterblichkeitsrate von COVID-19 erhöhenden Faktoren gehören.

Sechs von zehn Jugendlichen in den USA leiden an chronischen Erkrankungen wie Diabetes, des Herzkreislaufsystems, der Lunge oder der Nieren, vier von zehn an zwei oder mehreren zu dauerhafter Medikation und Behandlung nötigenden Krankheiten [2]. Die Betroffenen fallen in großer Zahl sozialen Mißständen wie ökonomisch bedingtem Mangel, unzureichenden Bildungsmöglichkeiten, dem Wohnen an kontaminierenden Verkehrswegen oder Fabriken, der nichtvorhandenen Krankenversicherung und vielen anderen in Industriegesellschaften verbreiteten Problemen zum Opfer. Wenn in diesem Zusammenhang von Zivilisationskrankheiten gesprochen wird, dann ist das auch als Verweis auf die destruktiven Wirkungen suggestiv mobilisierten Massenkonsums, auf hohen Output und maximale Kosteneffizienz getrimmter Produktion und allgemeiner Leistungssteigerung setzender Formen der gesellschaftlichen Reproduktion zu verstehen. Der auf Lohnarbeit basierende Kapitalismus hat eine Ratio medizinischer Behandlung hervorgebracht, bei der es weit weniger ums regelrechte Heilen im klassischen Sinne als um die Stabilisierung permanent physisch überforderter, ökologisch geschädigter und psychisch gestresster Menschen durch hochentwickelte Apparate ärztlicher Assistenz und pharmazeutischer Stabilisierung geht [3].

Derart vorgeschädigte Menschen laufen insbesondere im höheren Alter, wo die Chance zunimmt, an einem oder mehreren chronifizierten Leiden zu erkranken, Gefahr, bei einer Infektion mit dem Coronavirus zu sterben. Wohlhabende Menschen hingegen haben die Möglichkeit, sich garantierten Zugang zu medizinischer Versorgung höchster Qualität zu verschaffen, sich in die Isolation eines für längere Quarantäne vorgesehenen Landhauses zurückzuziehen, in Gegenden der Welt zu reisen, wo die Pandemie noch nicht hingereicht hat, die Immunabwehr durch viel Schlaf und wenig Streß zu steigern, und was der käuflich erwerbbaren Wohltaten mehr sind. Überall auf der Welt lassen sich sozial bedingte Unterschiede in der durchschnittlichen Lebenserwartung feststellen, die je nach Vergleichsparameter bis zu 20 Jahren innerhalb eines Landes betragen können, um von den Unterschieden zwischen den hochentwickelten Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas und an Hunger und ökologischer Zerstörung leidenden Bevölkerungen im subsaharischen Afrika nicht zu sprechen.

In der Endlichkeit einer Viruserkrankung eine alle sozialen Widersprüche ausgleichende Lösung zu erkennen ist nicht nur eine fromme Hoffnung zur Besänftigung eigener Ängste. Es ist auch Ausdruck der bourgeoisen Privilegien meist weißer, besserverdienender Menschen, über massive soziale Gewaltverhältnisse mit harmonisierenden Glaubensformeln beschwichtigend hinwegzugehen. Um den Eindruck zu erwecken, hungernde und frierende Flüchtlinge an der griechischen Grenze und gutgenährte Geschäftsleute im Frankfurter Bankenviertel seien am Ende alle gleich, muß nur wirksam genug ignoriert und vergessen werden. Sich die Welt auf diese Weise schönzureden hat für all diejenigen, die den Schmerz erlittener Ohnmacht und Entbehrungen nicht verdrängen können, den Nachteil, daß die Bereitschaft, die nicht alle Menschen auf gleiche Weise unterwerfenden Verhältnisse zu überwinden, nur dort gegeben ist, wo der Druck ihrer Gewalt bereits immensen Schaden angerichtet hat.

Gänzlich unterschlagen wird bei der bereitwilligen Flucht in jenseitige Gefilde, daß die Entstehung lebensbedrohlicher Epidemien in direkter Verbindung zur kapitalistischen Produktionsweise steht. Über den Zusammenhang der Entstehung immer neuer gefährlicher Virenstämme und den expansiven und monokulturellen Prozessen agroindustrieller Nahrungsmittelproduktion, den Lebensbedingungen in den urbanen Agglomerationen der Industriegesellschaften und der Zerstörung verbliebener Naturräume [4] nachzudenken wäre weit zielführender als schicksalergeben auf den großen Schnitter zu warten. Zu beidem dürfte es in der Stille kommender Monate viel Gelegenheit geben.


Fußnoten:

[1] https://taz.de/Drastische-Massnahme-gegen-Europaeer/!5671449/

[2] https://www.cdc.gov/chronicdisease/about/index.htm

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar664.html

[4] https://www.wildcat-www.de/aktuell/a112_socialcontagion.html

13. März 2020


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang