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PRESSE/833: Katharina Rähmi - Pionierin auf dem Gebiet der Thangka-Malerei (Tibet und Buddhismus)


Tibet und Buddhismus Nr. 93, 2/2010
Vierteljahresheft des Tibetischen Zentrums e.V. Hamburg

Katharina Rähmi
Pionierin auf dem Gebiet der Thangka-Malerei

Von Marika Muster


Katharina Rähmi aus Zürich malt Thangkas, tibetische Rollbilder mit religiösem Inhalt. Für viele Werke gibt es keine Vorlagen, sie leistet Pionierarbeit. Marika Muster stellt die Künstlerin vor.


Im Künstleratelier von Katharina Rähmi mitten in Zürich liegen Bücher, Farben, Pinsel, an den Wänden hängen zwei große Leinwände. Eine Katze ist da und ein Sitzkissen für Besucher. Die 52-jährige Künstlerin arbeitet an zwei verschiedenen Thangkas von sage und schreibe drei mal drei Meter. Thangkas sind tibetische Rollbilder mit religiösem Inhalt, die als Grundlage für die Meditation dienen. Die Schweizerin malt in kräftigen Farben eine Reihe von buddhistischen Gottheiten, angeordnet auf geometrischen Flächen. Die Arbeit an so einem Bild mit tiefer spiritueller Bedeutung kann drei Monate oder sogar mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Denn jedes Detail steckt voller Symbolik. Als junge Frau absolviert Katharina Rähmi in Basel eine Kunstausbildung. Später ist sie zwanzig Jahre lang als Dozentin in der Textilabteilung der Schule für Gestaltung in Zürich tätig. In eigener Regie studiert sie die Monochromie. Sie stellt Gewebe her aus Metalldraht und Leinen. Die Bilder wirken, je nach Nähe oder Distanz, unterschiedlich. Wenn die Struktur das Licht reflektiert, entsteht auf der zweidimensionalen Oberfläche ein dreidimensionaler Raum." Ich denke beim Malen immer räumlich", erläutert Katharina Rähmi. Die Dreidimensionalität spielt auch bei Thangkas und Mandalas eine wesentliche Rolle. Zwar werden buddhistische Bilder in einer Ebene gemalt oder mit Sand gestreut, in der Meditation aber visualisiert man sie in drei Dimensionen.

Katharina Rähmi hat sich auf das Malen von Mandalas spezialisiert. Ein Mandala ist der reine Aufenthaltsort eines Buddhas. Der Grundriss ihres Palasts hat vorgegebene Maße, die Größe variiert je nach Tantra. Auch die Darstellung der Gottheiten innerhalb des Palastes unterscheidet sich in den Traditionen.

Woher nimmt sie das Wissend? "Wenn ich mit den Lamas über die Bedeutung der Gottheiten und der Mandalas diskutiere, leite ich die präzisen Darstellungen aus ihren Kommentaren und Auslegungen ab", sagt sie. Man spürt, wie fasziniert sie von der tibetischen Kultur und dem Buddhismus ist. Sie sagt von sich selbst, sie sei eine "Forscherin" auf dem Gebiet der religiösen Malerei. Den Betrachtern empfiehlt sie, Thangkas erst einmal nur auf sich wirken zu lassen. "Es ist schön, wenn man sich Zeit dafür nimmt", sagt sie, "aber noch besser ist es natürlich, passende Literatur dazu zu lesen."


Zuhause in der Kunst

Schon als Kind fand sie Zugang zur Kunst. "Mir war früh klar, dass ich eine Kunstausbildung machen wollte", erklärt die Malerin selbstbewusst. Auch mit Buddhismus kommt sie schon früh in Berührung. Als sie 15 Jahre alt ist, schenkt ihr ihre Mutter, die streng katholisch und sehr spirituell ist, ein Buch über die Flucht des Dalai Lama. Katharina findet es "irgendwie spannend". Auch das Christentum hat eine Bedeutung für sie. Sie geht gerne in Kirchen, sieht sich aber lieber einen lächelnden Buddha an.

In der Kunst der 80er Jahre gibt es viel Bewegung. Wie viele ihrer Künstlerfreunde will auch sie etwas Neues erfahren und beschließt, nach Asien zu fahren. Ihre erste Reise führt sie 1994 nach Tibet und Nepal. Dort sammelt sie Materialien in Klöstern und Tempeln. Sie beobachtet und fotografiert Landschaften. Noch heute schwärmt sie von Tibet. "Man kommt in diesen Hochebenen in ein Kloster oder einen Tempel und sieht diese wunderbaren Figuren. Man taucht ein in die göttlichen Erscheinungen."

Schließlich verbringt sie Monate in Dharamsala, um sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen. Hier beginnt sie mit der Thangka-Malerei. Dann sucht sie Andy Weber auf, der in England lebt. Er ist zu dieser Zeit der einzige Thangka-Lehrer in Europa. Von da an fährt Katharina zehn Jahre lang jedes Jahr zu ihm.

Zur gleichen Zeit wird sie Schülerin von Lodrö Rinpoche, ihrem ersten buddhistischen Lehrer. Sie nimmt bei ihm eine tantrische Einweihung und geht eine Woche in Klausur. Dort beginnt sie mit Skizzen für das Tröma-Nagmo-Thangka, eine zornvolle Gottheit von schwarzer Farbe. Da es keine Vorlagen gibt, durchstöbert sie alle Bibliotheken und lässt sich von Andy Weber bei der Ikonografie, bei den Konstruktionslinien und den richtigen Proportionen helfen. Für inhaltliche Fragen wendet sie sich an Lodrö Rinpoche. Es soll noch lange dauern, bis das erste Bild und schließlich ein ganzes Praxisbuch zur Gottheit fertig werden.

Wovon lebt die Malerin? "Ich habe das Glück, einen Kunstmäzen zu haben, der meine Arbeit finanziert. Ich bekomme zum Teil auch Aufenthaltsstipendien." Dadurch muss sie nicht allzu sehr in der Öffentlichkeit stehen. Sie fürchtet, dass zu viel "Samsarisches" sie von der Dharma-Praxis abhalten könnte. So verkauft sie ihre Bilder nicht, erstellt aber Drucke für Praktizierende. Die großen Originale gehen an die Orte, wo Lodrö Rinpoche Einweihungen gibt. Fast beiläufig erzählt sie, dass ihr Medizin-Buddha-Mandala im Audienzraum aufgehängt wurde, als S.H. der Dalai Lama in der Schweiz und in Hamburg war.


Groß, detailgetreu, präzise

Früher hat Katharina eher kleine Bilder gemalt, die man in der Hand halten und drehen und wenden kann. Inzwischen malt sie nur noch große Bilder, damit die Einzelheiten wie Kopfhaltung, Mudras, Kleidung und Schmuck der Gottheiten besser zur Geltung kommen. "Bei 60 auf 60 Zentimeter hast du den Überblick, da das Bild genau im Augenwinkel liegt. Bei einem Mandala, das größer ist als der menschliche Körper, kommt eine weitere Dimension hinzu. Die Wirkung der Farben und der Ausdruck der Gottheiten, verbunden mit den kostbaren Inhalten, erzeugen eine andere Sinnesempfindung," erklärt Katharina Rähmi. "Diese unterstützt die meditative Praxis, um in den spirituellen dreidimensionalen Raum eintreten zu können."

Thangkas sind wie hochkomplexe wissenschaftliche Zeichnungen. Da Katharina auf sich gestellt ist, reist sie viel, befragt Lamas und Thangkamaler, recherchiert und meditiert. Jeder Meister hat seine eigenen Ideen und Vorstellungen von den Dingen. Durch diese unterschiedlichen Interpretationen entstehen neue Darstellungen. Die Thangkas entwickeln sich ebenso weiter wie die buddhistischen Lehren und wie auch wir selbst uns entwickeln. Ein Thangka ist fertig, wenn es durch den Lama gesegnet ist.

Jhado Rinpoche hatte erklärt, dass das Dharma-Rad und die Gazellen meist golden gemalt, bzw. aus Sand in Ockerfarben gemischt gestreut werden. Katharina malte sie aber nicht golden, sondern in den Fellfarben der Gazellen. Auf die Frage, ob das in Ordnung sei, antwortete Jhado Rinpoche: "Ja, natürlich! Das kann ein Künstler frei interpretieren."

In Katharinas Wohnung stehen riesige Mandalas und Thangkas, teils fertig gemalt, teils im Entstehen begriffen. Alle sind mit wasserlöslichen Pigmentfarben nach der traditionellen Maltechnik auf selbstgrundierte Baumwolle oder Leinen gemalt. Zurzeit arbeit sie an den Mandalas von Prajnaparamita und Tara. Sie malt diese Mandalas aus Intuition und einem starken inneren Bedürfnis heraus. "Wenn du zeichnest, ist das gleichzeitig Meditation, du arbeitest so konzentriert, reflektierend und klar", sagt die Künstlerin.

Sie warnt davor, das Malen buddhistischer Symbole auf die leichte Schulter zu nehmen. "Die Mandalas haben eine tiefe Bedeutung. Das muss man studieren und erforschen. Ich kenne Künstler, die einfach so diese Sachen malen, ihre Bilder sind wirklich sehr schön, aber sie stimmen eben nicht in der Symbolik." Das ist ähnlich wie in der Kalligrafie, wo jeder Pinselstrich genau festgelegt ist und alles eine Bedeutung hat.

Trotz aller Tiefgründigkeit und Präzision geht es bei der Arbeit sehr lebendig zu. Sie bekocht gerne ihre Künstlerfreunde. Der tibetische Maler Chungdak hilft und unterstützt sie beim Malen. Immer mit dabei ist Katze Yutruk (tibetisch für "kleiner Luchs"), die Lodrö Rinpoche ihr 2006 geschenkt hat. Ob es wohl ein Zufall ist, dass Yutruk sich während einer nächtlichen Foto-Session genau dort vor einem Bild niedersetzte, wo eigentlich die Buddha-Figur hingehört?

E-Mail: katharina@raehmi.com


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Quelle:
Tibet und Buddhismus Nr. 93, 2/2010, S. 38-40
Herausgeber:
Tibetisches Zentrum e.V.
Hermann-Balk-Straße 106, 22147 Hamburg
Tel.: 040/644 35 85, Fax: 040/644 35 15
E-mail: tz@tibet.de
Internet: www.tibet.de

Tibet und Buddhismus erscheint viermal im Jahr.
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. April 2010