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AFRIKA/038: Die Menschen in Norduganda sind bereit, den LRA-Kämpfern zu vergeben (ÖRK)


Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature vom 6. November 2008

Die Menschen in Norduganda sind bereit, den LRA-Kämpfern zu vergeben

Von Fredrick Nzwili


Mit seinen Straßen voller Minibusse und hochbepackter Zweiräder sieht Gulu in Norduganda genauso friedvoll aus wie jede andere afrikanische Kleinstadt. Seine Einwohner müssen jedoch mit den entsetzlichen Verbrechen fertig werden, die hier in 22 Jahren Bürgerkrieg geschahen. Jetzt wollen sie nur noch Frieden.

Rev. Julius Peter Olugu, Priester der anglikanischen Gemeinde von Ongako, hat den Mitgliedern einer internationalen ökumenischen Delegation [1], die den Distrikt Gulu vom 29. bis 31. Oktober im Namen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) besuchte, von dieser jüngsten Vergangenheit erzählt.

"Hier konnte man nicht durch. Es war zu gefährlich, zu Fuß zu gehen. Man riskierte sein Leben", sagte Olugu und zeigte auf eine Stelle auf der Straße, die nach Westen führt. "Wen sie nicht umbrachten, entführten sie. Anderen haben sie Lippen oder Gliedmaßen abgehackt."

In Gulu und anderen Teilen Nordugandas hatte die Rebellenbewegung Lord's Resistance Army (LRA) einen Krieg gegen die Regierung von Präsident Yoweri Museveni geführt, den sie mit dem Ziel einer Herrschaft rechtfertigte, die sich auf die zehn Gebote stützen sollte.

Seit 1986 hatte die LRA Kinder entführt und gezwungen, in ihren Truppen als Kindersoldaten zu dienen. Erwachsene wurden umgebracht, verstümmelt oder entführt, Frauen wurden zudem vergewaltigt. Infolgedessen flüchteten beinahe 2 Millionen Menschen in Lager.


Friedensgespräche wecken Hoffnung

Aida Olwoch gehört zu den Flüchtlingen. Die ÖRK-Delegation traf sie im Lager Koch Ongako bei Gulu.

Olwoch berichtete den internationalen Besuchern und Besucherinnen von dem harten Leben der Binnenvertriebenen, die seit 22 Jahren in den Lagern ausharren. "Wir hatten nichts zu essen. Es gab keine richtigen Schulen für die Kinder. Es gab keine Gesundheitsversorgung."

Seit 2006 ein Friedensprozess eingeleitet wurde, sieht Olwoch aber auch Hoffnung: "Wir können uns heute sechs bis sieben Kilometer im Umkreis der Lager bewegen."

Die Friedensgespräche zwischen der LRA und der Regierung führten 2006 zu einem Waffenstillstand und 2008 zu einer dauerhaften Waffenruhe. Das umfassende Friedensabkommen muss noch von Rebellenführer Kony und Präsident Museveni unterzeichnet werden.

Rev. Godfrey Loum, Jugendarbeiter in der anglikanischen Diözese Norduganda und Mitglied des dortigen Friedensteams religiöser Verantwortlicher ist der Ansicht, dass die Leute im Vergleich zu der Situation vor den Friedensverhandlungen heute eine "sehr große" Bewegungsfreiheit genießen.

Vorher, sagte er, konnten sie sich aus Sicherheitsgründen fast nicht aus dem Lager herauswagen.

Die Kirchen in Norduganda sind sehr darum bemüht, dass sich die Menschen wieder eine Existenz aufbauen. Ganz oben auf ihrer Tagesordnung stehen Armutsbeseitigung, die Wiederaufnahme von Schulunterricht für die Kinder und Beistand für diejenigen, die traumatisiert sind.


Ein besseres Leben für die Kinder

"Unser wichtigster Schwerpunkt ist unser Bildungsprogramm", sagte der anglikanische Bischof von Norduganda, Nelson Onono-Onweng, bei einem Treffen mit der ökumenischen Delegation. "Mir war klar, dass es um die Zukunft in Norduganda nicht gut bestellt war, weil die Kinder nicht zur Schule gehen konnten."

Die Regierung führt im Rahmen ihres "Plans für Frieden, Wiederaufbau und Entwicklung in Norduganda" ein Programm durch, das den Schulbesuch eines jeden Kindes vorsieht. Ziel dieses Plans sind die Wiederaufnahme staatlicher Aktivitäten, der Wiederaufbau und die Stärkung von Gemeinschaften, die Wiederbelebung der Wirtschaft sowie die Förderung von Frieden und Versöhnung. Kirchliche Verantwortliche befürchten jedoch, dass bei der Umsetzung des Plans viele Menschen außen vor bleiben.

Das staatliche Programm für eine allgemeine Grundschulausbildung sieht vor, dass die Eltern die Kosten für Schulbücher, Mahlzeiten und Schuluniformen tragen, während die Regierung das Schulgeld und einen Teil des Unterrichtsmaterials wie Kreide bezahlt. Viele Eltern, so der römisch-katholische Erzbischof von Gulu, John Baptist Odama, können das Geld dafür nicht aufbringen.

"Die meisten Menschen können es sich nicht leisten, ihre Kinder in eine höhere Schule oder gar an die Universität zu schicken", fügte Odama hinzu.

Der Erzbischof ist Vorsitzender der Friedensinitiative religiöser Verantwortlicher im Acholiland, in der römisch-katholische, anglikanische, orthodoxe und traditionelle Verantwortliche vertreten sind.

Ihnen zufolge hat der Krieg nicht nur negative Folgen für das Bildungssystem gehabt, sondern auch das Armutsproblem verschärft, indem er die Leute in Lager sperrte.

"Die ganze Bevölkerung von Acholiland wurde vertrieben und lebte in Lagern, wo die Versorgungslage so schlecht war, dass sie nur von der Hand in den Mund leben konnten", sagte Odama. In normalen Zeiten könnten diese Leute sich und ihre Kinder selbst ernähren, erklärte er, aber im Lager seien sie auf Hilfe angewiesen gewesen, eine "Abhängigkeit, die großen seelischen Schaden angerichtet hat, besonders bei den Eltern".


Versöhnung als Herausforderung

Richter Peter Onega, der Vorsitzende der ugandischen Amnestie-Kommission, erzählte, dass seit der Verabschiedung des Amnestiegesetzes im Jahr 2000 beinahe 23.000 ehemalige Kämpfer in Norduganda ins zivile Leben zurückgekehrt seien. Es gibt jedoch auch Berichte, das Amnestiegesetz habe an der Basis gemischte Reaktionen ausgelöst und das staatliche Hilfspaket für die Zurückkehrenden zu Spannungen geführt.

"Es wird als Belohnung für die verursachten Probleme angesehen", meinte Betty Anyeko vom NGO-Forum in Gulu, in dem sich eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen zusammengeschlossen haben.

Auch wenn die Gemeinschaften infolge der Brutalitäten, die sie während des Krieges erlebt haben, traumatisiert sind, erklären sich viele bereit, der LRA zu vergeben.

Aida Alwoch aus dem Lager in Koch Ongako fasst zusammen, was die meisten denken: "Sie wollen lieber Friedensgespräche statt Krieg. Sie wollen keine Kämpfe mehr, sie wollen wieder in Frieden leben."

Viele Flüchtlinge hoffen, dass sie ihre Häuser wieder aufbauen und nächstes Jahr darin wohnen können, anstatt nach der täglichen Arbeit auf ihren Feldern am Abend wieder in die Lager zurückkehren zu müssen. Aber solange das endgültige Friedensabkommen noch nicht unterzeichnet ist, hegen noch viele von ihnen Bedenken.


Fredrick Nzwili ist freiberuflicher Journalist aus Kenia. Zurzeit arbeitet er von Nairobi aus als Korrespondent für den Ökumenischen Nachrichtendienst (ENI).



Briefe der Liebe im Auftrag Gottes

Die Lebendigen Briefe sind kleine ökumenische Teams, die Orte in der ganzen Welt besuchen, an denen Christen sich gegen Gewalt engagieren. Die Teammitglieder, die in ihren Heimatländern selbst ökumenisch engagiert sind und Friedensarbeit leisten, bringen die Solidarität der Gemeinschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zum Ausdruck, der weltweit 349 Mitgliedskirchen angehören.

Bis 2010 werden jährlich weltweit mehrere Besuche Lebendiger Briefe durchgeführt. Sie stehen im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt [3] und sollen die Internationale ökumenische Friedenskonvokation [4] im Jahre 2011 vorbereiten.

Mitglieder in dem Team, das vom 27. Oktober bis 2. November Uganda besuchte, waren:

Rev. Keith Briant, Nationaler Kirchenrat in Australien
George Hazou, Rat der Kirchen im Mittleren Osten, Jordanien
Mbari Kioni, Gesamtafrikanische Kirchenkonferenz, Kenia
Janejinda Pawadee, Asiatische Christliche Konferenz, Thailand
Timotheus Kamaboakai, Weltbund der Christlichen Vereine Junger Männer, Liberia
Semegnish Asfaw, wissenschaftliche Mitarbeiterin des ÖRK für die Dekade zur Überwindung von Gewalt, und Sydia Nduna, Koordinatorin des ÖRK-Projekts "Migration und soziale Gerechtigkeit", begleiteten die Delegation.

Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider.

Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.


Anmerkungen:
[1] http://www.oikoumene.org/de/nachrichten/news-
management/a/ger/article/1722/ugandische-kirchen-in-sor.html
[2] http://www.oikoumene.org/?id=4652&L=2
[3] http://gewaltueberwinden.org
[4] http://gewaltueberwinden.org/de/iepc


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Quelle:
Feature vom 6. November 2008
Herausgeber: Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
150 rte de Ferney, Postfach 2100, 1211 Genf 2, Schweiz
E-Mail: ka@wcc-coe.org
Internet: www.wcc-coe.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 8. November 2008