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BERICHT/130: Albanien - Papstbesuch wirft Schlaglicht auf friedliche Koexistenz unterschiedlicher Religionen (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
IPS-Tagesdienst vom 25. September 2014

Albanien: Papstbesuch wirft Schlaglicht auf friedliche Koexistenz unterschiedlicher Religionen

von Vjollca Hajdari



Tirana, 25. September (IPS) - "Hier fühlt sich der Papst wohl und sicher", kommentierte der Sprecher des Heiligen Stuhls, Federico Lombardi, den kürzlichen eintägigen Albanien-Besuch von Papst Franziskus. Nach seiner Ankunft am 21. September auf dem Mutter-Teresa-Flughafen von Tirana zelebrierte er auf dem zentralen Platz der Hauptstadt, der ebenfalls den Namen der albanischstämmigen Friedensnobelpreisträgerin trägt, die Messe.

Ungeachtet der vorgesehenen Sicherheitsbestimmungen und der Gefahr eines Attentates ließ Franziskus während seines Besuchs das offene Papamobil mehrmals anhalten, um die jubelnde Menschenmenge zu begrüßen, die Kinder und Jugendlichen zu segnen sowie den Älteren die Hand zu reichen. Zu seinem Empfang hatten sich nach Angaben des Vatikansprechers etwa 300.000 Menschen in Tirana versammelt. Viele waren aus dem Ausland sowie aus anderen Gebieten angereist, in denen Albaner leben.

Nicht nur Christen, auch Muslime, Orthodoxe und Atheisten fanden sich in Tirana ein, um dem Papst ihre Aufwartung zu machen. Kein Problem in einem Land, das den gegenseitigen Respekt seit Jahrhunderten praktiziert. Bereits vor der Zeit des Nationalhelden Gjergj Kastriotis Skenderbeg (1405-1468) waren Muslime und Christen gut miteinander ausgekommen und heirateten sogar untereinander. Das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Glaubensgruppen hat Albanien zu einem Modell religiöser Toleranz gemacht.

Muslime stellen mit etwa 65 Prozent die Mehrheit des etwa 2,8 Millionen Einwohner zählenden Landes. 20 Prozent von ihnen sind Bektaschis, Angehörige des liberalen Sufi-Ordens, der eine heterodoxe muslimische Glaubensrichtung vertritt, die ursprüngliche Elemente der christlichen und muslimischen Religion beinhaltet. Der Anteil der Christen beträgt 35 Prozent, wobei Katholiken 15 Prozent und Orthodoxe 20 Prozent ausmachen.


"Vorbild für andere Länder"

Gerade das friedliche Zusammenleben der Religionen hatte Papst Franziskus zu seinem Besuch in Albanien veranlasst, das er als "Vorbild für andere Länder" anpries. Das kostbare Gut der Toleranz sei in einer Zeit, in der das echte religiöse Empfinden von extremistischen Gruppierungen verfälscht und die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen verzerrt und instrumentalisiert würden, besonders wichtig, so Franziskus. "Albanien stellt unter Beweis, dass das friedliche und fruchtbare Zusammenleben von Menschen und Gemeinschaften, die unterschiedlichen Religionen angehören, konkret und machbar ist".

"Vergesst nicht die Geschichte und eure Vergangenheit!", erinnerte der Pontifex die albanische Bevölkerung mit Blick auf die wechselhafte albanische Geschichte. Als Illyrer, die Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung Albanien besiedelten, waren die Albaner Heiden. Wie Griechen, Germanen und Römer hatten sie ein polytheistisches Weltbild. Ab dem ersten Jahrhundert unserer Zeit wurden sie Christen, aus denen einige Päpste hervorgegangen sind. Der bekannteste von ihnen war Papst Clement XI. 'Albani' (1700-1721).

Ab 1389 fasste der Islam im Zuge der 500-jährigen osmanischen Besatzung in Albanien Fuß. Unter den Kommunisten (1967-1990) war die Ausübung jeglicher Religion verboten.

1967 erklärte Enver Hoxha, der damalige Machthaber, Albanien zum ersten "atheistischen Staat Europas". Er missbrauchte die Verse des Schriftstellers Pashko Vasa 'Schaut nicht auf Moscheen und Kirchentum! Die Religion des Albaners ist das Albanertum', für seinen Leitsatz 'Albanien statt Gott'. Kirchen und Moscheen wurden zerstört oder für weltliche Zwecke genutzt. Sowohl muslimische als auch christliche Geistliche ließ der Kommunistenführer verhaften oder hinrichten. Auch der albanischen Humanistin Gonxhe Bojaxhiu - Mutter Teresa - verwehrte die kommunistische Regierung die Einreise nach Albanien.


"Dort wo die Jugend ist, da ist die Zukunft"

Doch inzwischen hat sich Albanien von der 50-jährigen Isolation zur Zeit des Kommunismus erholt und, wie es Papst Franziskus ausdrückte, "den Frieden - insbesondere unter den Religionen - gefunden". Um der Jugend Mut und Hoffnung zu geben, erklärte der Pontifex: "Albanien hat ein sehr junges Volk. Dort wo die Jugend ist, da ist die Zukunft."

Angesichts der jüngsten Entwicklungen, der vielen Terroranschläge weltweit und der Gewalt in Syrien und dem Irak verurteilte Papst Franziskus das Töten im Namen Gottes. Niemand, so der Oberhaupt der Katholischen Kirche, "sollte meinen, er dürfe Gräuel- und Gewalttaten unter dem Deckmantel des Glaubens planen und ausführen". Diese Verbrechen mit dem Namen Gottes in Verbindung zu bringen, sei ein Sakrileg. "Niemand sollte den Namen Gottes zum Vorwand für Taten nehmen, die nicht mit der Würde des Menschen und den Grundrechten vereinbar sind", so Franziskus in Albanien, dem ersten Reiseziel des Papstes in Europa außerhalb Italiens. (Ende/IPS/kb/2014)

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veröffentlicht im Schattenblick zum 27. September 2014