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SCHACH-SPHINX/01817: Kasparow in der Höhle des Drachen (SB)


Garry Kasparow hätte die Schachwelt in kein größeres Erstaunen versetzen können, als er bei seinem Weltmeisterschaftskampf 1995 in New York gegen seinen Herausforderer Viswanathan Anand in der elften Runde als Nachziehender plötzlich auf den Sizilianischen Drachen zurückgriff. Noch nie zuvor hatte der treue Anhänger der Najdorf- Variante in einer ernsten Turnierpartie auf diese in weiten Schachkreisen doch eher anrüchig geltende Verteidiungsart sein Gelingen gebaut. Für Anand, der mit einem ausgetüftelten Variantenkoffer nach New York gekommen war, eine echte Überraschung. Kasparow ist ein Spieler von konservativem Einschlag. Eröffnungsrisiken sind sein Ding nicht. Er bevorzugt bewährte Methoden, analysiert und bereitet lange Varianten erst ausgiebigst am Studierbrett vor, ehe er sie im Turnier anwendet. Die Drachenvariante wurde indes seit Anfang der 90ziger Jahre nur sporadisch gespielt, weil in deren zum Teil weithin ausgeforschten Hauptabspielen Weiß in der Regel mehr vom Spiel hat. Anand ging denn auch forsch zum Angriff über, stutzte dann allerdings ein zweites Mal, als Kasparow beim 16. Zug eine Fortsetzung wählte, die in dieser Form seit 29 Jahren nicht mehr in der Turnierpraxis vorgekommen war. Beim 20. Zug lehnte er dann ein Remisangebot Kasparows ab. Die Stellung war weitgehend ausgeglichen, doch Anand lag mit 5:6 zurück. Die zehnte Wettkampfpartie hatte der Inder verloren, recht eklatant zudem. Kein Wunder also, daß er auf einen Sieg drängte. Die Kalkulation hatte allerdings einen Schönheitsfehler. Kasparow war infolge mehrerer WM- Duelle sattelfest in den Nerven. Für Anand hingegen war es der erste Titelkampf seiner Karriere. Sein Nervenkostüm war wesentlich anfälliger, und so beging er denn auch im 28. Zug einen groben Stellungsfehler, der allerdings nicht zwangsläufig zur Niederlage führen mußte. Erst mit seinem Zug 30.Sd5-b6?? verdarb er die Stellung im heutigen Rätsel der Sphinx vollends: 30...Tc4xb4+ 31.Kb2-a3 Tc8xc2! und Anand gab auf, da Kasparow nach 32.Td2xc2 Tb4-b3+ 33.Ka3-a2 Tb3- e3+ den Turm zurückgewonnen hätte samt dem Zins zweier Mehrbauern. Nun, Wanderer, wie hätte ein nervenstärkerer Anand die Partie noch ins Remis retten können?



SCHACH-SPHINX/01817: Kasparow in der Höhle des Drachen (SB)

Anand - Kasparow
New York 1995

Auflösung des letzten Sphinx-Rätsels:
Zuletzt versagten dem Amerikaner Harry Nelson Pillsbury schlichtweg die Nerven, so daß er die Remisfolge, greifbar nahe, nicht sah: 1.De6- f5+! Kh7-h8 2.Kb2-b1! Ta3xa2! - 2...Lf6xd4 3.Df5-f8+ Kh8-h7 4.Df8xa3 - 3.Td2xa2 Dc4-b3+ 4.Kb1-c1 Lf6-g5+ - 4...Db3xa2 5.Df5-c8+ Kh8-h7 6.Dc8- c2+ - 5.Ta2-d2 Db3-c3+ 6.Df5-c2 Dc3-a1+ 7.Dc2-b1 Da1-c3+ und Remis durch Dauerschach.


Erstveröffentlichung am 25. Juni 1998

11. Mai 2009