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SCHACH-SPHINX/01831: Lettisches Gambit auf Abwegen (SB)


Von den Gambiteröffnungen, die im späten Mittelalter in den Lehrbüchern auftauchten, hat im Grunde genommen nur das Damengambit den Sprung ins 20. Jahrhundert geschafft. Das Königsgambit prägte das gesamte 19. Jahrhundert, blieb dann jedoch in seinen Fußstapfen stecken. Es war weitgehend ausgereizt, die Angriffschancen hielten sich mit der Verteidigungsfähigkeit der schwarzen Stellung bestenfalls die Waage und so verschwand es fast nahezu aus den Partien der Großmeister. Eine andere alte Bauernopfer-Eröffnung, das Lettische Gambit, war gar nicht erst in den Genuß zeitweiser Anerkennung gekommen. Erwähnung findet es sowohl im Göttinger Manuskript von 1490 als auch in den Schriften von Lucena aus dem Jahre 1497. Der führende italienische Meister des 17. Jahrhunderts, Gioacchino Greco, verwendete es in vielen Partien, so daß man seinerzeit von "Grecos- Gegengambit" sprach. Doch erst im 20. Jahrhundert feierte es eine kurze Blütezeit, als es im Fernschach-Wettkampf von 1934 bis 1936 zwischen Riga und Stockholm in fünf Partien drei Siege und zwei Remisen für die lettischen Meister einfahren konnte. Das Lettische Gambit, so wurde es zu Ehren des lettischen Meisters Karl Behting genannt, der sich zum Ende des 19. Jahrhunderts um eine Rehabilitation bemüht hatte, ist nach wie vor eine der umstrittensten Gambiteröffnungen der Gegenwart. Es erlaubt vielmehr Weiß in den meisten Varianten gefährliche Angriffe auf den schwarzen König und auch positionell scheinen die Nachteile zu überwiegen. Im heutigen Rätsel der Sphinx wandte es der Amerikaner Holliman gegen seinen polnischen Kontrahenten Braczko in einer Fernpartie an. Es kam, wie es kommen mußte, Weiß erhielt einen stürmischen Angriff, trieb den schwarzen König quer übers Feld auf den Damenflügel und als der Nachziehende dann noch statt 1...b7-b6(!) den fehlerhaften Zug 1...b7- b5?? spielte, hatte das Lettische Gambit an Ansehen wieder ein wenig verloren, Wanderer.



SCHACH-SPHINX/01831: Lettisches Gambit auf Abwegen (SB)

Braczko - Holliman
Fernpartie 1992

Auflösung des letzten Sphinx-Rätsels:
Die Kombination 1...Sf6-e4? 2.Sc3xe4 f5xe4 3.Df3xe4 Lg7-d4+? war vielleicht einen Gedanken wert, nie jedoch zwei und schon gar nicht eine Ausführung, denn mit 4.Td1xd4! c5xd4 5.Tc1-c7+ Dd8xc7 - notwendig, da 5...Kh7-h8 6.De4xg6 gänzlich ohne Chancen gewesen wäre - 6.d6xc7 Ta8-c8 7.De4-e7+ Kh7-h8 8.Lb5-a6 Tc8-e8 9.De7-d7 war sie leicht zu widerlegen.


Erstveröffentlichung am 29. Juni 1998

16. Mai 2009