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FRAGEN/005: Sprachliche Bildung als Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern (DJI Impulse)


DJI Impulse
Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 4/2011 - Nr. 96

»Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe«

Fachwissen und feinfühlige Zuwendung: Die DJI-Wissenschaftlerin Andrea Sens über sprachliche Bildung als Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern


DJI IMPULSE: Was sollten pädagogische Fachkräfte über die sprachliche Bildung wissen?

ANDREA SENS: Beim Spracherwerb geht es nicht nur um Aussprache und Grammatik, sondern auch um die Prozesse der sozialkommunikativen und sprachlich-geistigen Entwicklung. Nur wer darüber einen breiten Wissensstand hat, kann sinnvolle sprachliche Bildungsarbeit leisten. Entscheidend ist beispielsweise nicht nur die Anzahl der Wörter, die ein Kind sprechen kann, sondern welche Bedeutung es mit den Wörtern verbindet. Um sich ihre Bedeutung Schritt für Schritt erschließen zu können, brauchen Kinder viele sinnliche Erfahrungen mit der Welt. Erzieherinnen und Erzieher sollten zudem die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder einschätzen können. Dafür müssen sie Strategien des Spracherwerbs kennen. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt »Ich habe alles aufgeesst«, dann ist dies ein Hinweis dafür, dass das Kind begonnen hat, sich beiläufig mit Regeln der Wortbildung zu beschäftigen. Denn sobald Kinder eine sprachliche Regel entdecken, wenden sie diese erst einmal gnadenlos an. Das ist kein Fehler, sondern ein großer Fortschritt.

DJI IMPULSE: Es wäre also falsch, das Kind zu korrigieren?

SENS: Junge Kinder explizit zu korrigieren, bietet ihnen keine Hilfestellung im Spracherwerb. Denn Kinder sind sich nicht bewusst, dass sie Sprache erlernen. Sie lernen sie beiläufig im Rahmen bedeutungsvoller sozialer Interaktionen. Sie lernen sie, um mit Sprache etwas zu erreichen. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Eltern diesen Prozess intuitiv unterstützen, wenn sie sich ihrem Kind liebevoll und interessiert zuwenden. Mütter reagieren genau richtig, wenn sie beiläufig ein korrektives Feedback geben. Um beim Beispiel zu bleiben also sagen: »Prima, dass du alles aufgegessen hast.«

DJI IMPULSE: Was bedeutet das für den Alltag im Kindergarten?

SENS: Fachkräfte benötigen eine feinfühlige Dialoghaltung und sollten sich für die Dialogmöglichkeiten im Kindergarten-Alltag sensibilisieren. Im Gegensatz zum familiären Alltag finden sprachliche Bildungsprozesse häufig im Rahmen der Kindergruppe statt. Deswegen muss der Kita-Alltag systematisch nach Sprach-Lern-Situationen durchleuchtet werden. Dadurch kann sich auch zeigen, dass es manchmal die zwei Minuten am Wickeltisch sind, die eine sehr intensive Situation des Sprachlernens ermöglichen.

DJI IMPULSE: Können Sie ein Beispiel für eine feinfühlige Dialoghaltung geben?

SENS: Erwachsene sollten der Aufmerksamkeit des Kindes folgen und auf das eingehen, was die Kinder interessiert. Das Interesse, das Kinder haben, ist der Stoff der Sprachentwicklung. Wenn sie gemeinsam ein Bilderbuch betrachten, bedeutet das: Das Kind führt - und nicht etwa der Vorlesende, indem er jeden Gegenstand nacheinander benennt in der Hoffnung, dass das Kind die Wörter nachspricht. Auch dem Kind dabei zuzuhören, ist entscheidend. Der zuhörende Andere ist ein ganz wichtiger Motor für die sprachliche Entwicklung. Sprache wird nicht erworben durch irgendeinen Stimulus, der dem Kind eingetrichtert wird, sondern im intensiven Dialog. Kinder brauchen die Zeit und die Lust, selber sprachlich aktiv zu werden.

DJI IMPULSE: Fachkräfte betreuen eine ganze Gruppe Kinder. Können sie da überhaupt jedem einzelnen Kind gerecht werden?

SENS: Der Kita-Alltag bietet durch seine unterschiedlichen Dialogkonstellationen und Themen ein großes Bildungspotenzial. Neben der Kommunikation zwischen Kind und Erzieherinnen beziehungsweise Erziehern gibt es auch viele Dialogmöglichkeiten mit anderen Kindern. Das Spiel miteinander bietet ein Übungspotenzial und ist entscheidend für die sozial-kommunikative und sprachlich-kognitive Entwicklung. Dazu kommen Gruppengespräche, wie etwa im Stuhlkreis das Wort zu ergreifen, aber auch Aktivitäten in Kleingruppen, die in Kindern ganz unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten wecken können.
Entscheidend ist, dass Erzieherinnen und Erzieher ihr Dialogverhalten reflektieren. Im Alltag müssen sie regelmäßig Rückschau halten: Habe ich auch alle angesprochen und gut eingebunden? Das ist gerade im Hinblick auf zurückhaltende Kinder wichtig. Im Rahmen einer Fortbildung ist die Videoanalyse eine gute Möglichkeit, sich des eigenen Verhaltens bewusst zu werden.

DJI IMPULSE: Nun haben Fachkräfte nicht nur mehrere Kinder zu betreuen, sondern diese haben auch ganz unterschiedliche Entwicklungsbedürfnisse.

SENS: Frühe Bildung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die ein hohes Maß an Professionalität erfordert. Wenn man den Begriff der Inklusion ernst nimmt, bedeutet das, dass Erzieherinnen und Erzieher mit einer Vielfalt an Persönlichkeiten und einer großen Bandbreite an Fähigkeiten zu tun haben. Das Ziel muss es sein, jedes Kind individuell anzusprechen, auch wenn es einem bestimmten vorgegebenen Raster nicht entspricht. Es geht darum, die Vielfalt der kindlichen Kommunikationsmöglichkeiten zu entdecken, als gleichwertig anzuerkennen und im Rahmen der sprachlichen Bildung aufzugreifen. Das gilt beispielsweise im Hinblick auf mehrsprachige Kinder.
Den Fachkräften den notwendigen Kompetenzerwerb zu ermöglichen, impliziert ein Konzept für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von frühpädagogischen Fachkräften, das neben Wissensvermittlung und Handlungsanleitung auch die Reflexion des pädagogischen Verhaltens in den Blick nimmt. Hier haben wir in Deutschland im internationalen Vergleich großen Nachholbedarf.

Interview: Nicola Holzapfel


IM INTERNET
www.dji.de/sprache-quali
Informationen über das DJI-Projekt


ZUR PERSON
Andrea Sens ist wissenschaftliche Referentin in dem Projekt Qualifizierungsoffensive nach dem DJI-Konzept »Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei«. In einer begleitenden Studie untersucht sie, inwieweit pädagogische Fachkräfte im Rahmen der Weiterbildungsmaßnahmen des Projekts ihre Kompetenzen im Bereich der sprachlichen Bildung weiterentwickeln.

DJI Impulse 4/2011 - Das komplette Heft finden Sie im Internet unter:
www.dji.de/impulse


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Quelle:
DJI Impulse - Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 4/2011 - Nr. 96, S. 8-9
Herausgeber: Deutsches Jugendinstitut e.V.
Nockherstraße 2, 81541 München
Telefon: 089/623 06-0, Fax: 089/623 06-265
E-Mail: info@dji.de
Internet: www.dji.de

DJI Impulse erscheint viermal im Jahr.
Die Hefte können kostenlos unter www.dji.de/impulsebestellung.htm
abonniert oder unter vontz@dji.de schriftlich angefordert werden.


veröffentlicht im Schattenblick zum 10. Januar 2012