Schattenblick →INFOPOOL →SOZIALWISSENSCHAFTEN → SOZIOLOGIE

JUGEND/069: Banden, Cliquen, Peers - im Windschatten der Individualisierung (DJI Impulse)


DJI Impulse
Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 1/2012 - Nr. 97

Banden, Cliquen, Peers
Gleichaltrigengruppen Jugendlicher im Windschatten der Individualisierung

Von Christian Lüders



Die Phänomenologie des Jugendalters hält ein bemerkenswertes Repertoire an Begriffen für das bereit, was man alltagssprachlich Freundeskreise oder Gruppen Jugendlicher nennt: Cliquen, Gang, Bande, Mob, Ingroup, Kreis, Runde, Schar, Sippe, Meute, Korona, Szene, neuerdings Netzwerk und andere. Mit diesen Begriffen werden unterschiedliche Bedeutungen und Kontexte verbunden. Gemeinsam ist diesen Konstellationen, dass es sich um meist relativ stabile Beziehungen zwischen den jugendlichen Mitgliedern handelt, dass die Gruppen üblicherweise eine überschaubare Größe haben und dass sie häufig selbstorganisiert und nur selten durch formelle Hierarchien geprägt sind. Zwar gibt es eine große Offenheit in Bezug auf Themen und Inhalte, doch zugleich lässt sich immer wieder beobachten, dass zwischen den Mitgliedern eine große Milieunähe besteht. In der Fachdiskussion werden diese Gruppierungen gerne als Gleichaltrigengruppen oder als Peers bezeichnet.


Eine Gegenwelt zum Leben der Erwachsenen

Peers aus der Perspektive von Generationenverhältnissen zu betrachten, führt unvermeidlich zu Erklärungsbedarf. Zwar ist das Generationengefüge konstitutiv für das Aufwachsen und nahezu überall haben es Kinder und Jugendliche in vielfältiger Form mit den älteren Generationen und ab einem gewissen Alter mitunter auch mit der jüngeren Generation zu tun. Bei genauer Hinsicht zeigt sich aber, dass Gleichaltrigengruppen so etwas wie Gegenwelten zu diesen Generationenbeziehungen darstellen. Die Einbettung in die vielfältigen privaten, öffentlichen und institutionalisierten Generationenbeziehungen mitsamt ihren heterogenen Anforderungen wird gleichsam zeitweise suspendiert. Betont und gelebt werden der Gegenwartsbezug und die Beziehung zu den vertrauten Gleichaltrigen.

Während noch Shmuel Eisenstadt (1923-2010), einer der Klassiker einer Theorie der Gleichaltrigengruppen im Jugendalter, Peers vor allem als eine funktional notwendige Ergänzung zur Familie begriff, werden sie heute weitgehend als eigenständige Sozialisationsorte neben Elternhaus, Schule und Ausbildung betrachtet. Aus einer eher optimistischen Perspektive unterstellt man ihnen vor allem in jüngerer Zeit vielfältige Lernpotenziale, sodass zunehmend die Frage in den Mittelpunkt rückt, wie man den entsprechenden Kompetenzerwerb sichtbar machen, gegebenenfalls auch aufwerten kann. Aus eher skeptischer Perspektive werden dagegen die problematischen Auswirkungen bis hin zu den kriminogenen Faktoren betont. Gleichaltrigengruppen Jugendlicher werden als weitgehend eigenlogische, fast schon insulare Sozialisationsorte betrachtet.

Weniger instrumentell und weniger sorgenvoll werden Gleichaltrigengruppen aus der Sicht der Erwachsenen meist als alterstypische Durchgangsphase und als einflussreiche Orte der Erprobung von Identitäten betrachtet. Aus der Sicht der Jugendlichen werden sie vorrangig als Gegenwelt zur Familie, Schule und Ausbildung, als Erlebnisorte einerseits und als Gelegenheiten zum Abhängen unter Gleichgesinnten und der Suche nach Geborgenheit andererseits wertgeschätzt (zum Beispiel Wetzstein u.a. 2005; als neuere Übersicht Harring u.a. 2010).

Doch auch wenn man Gleichaltrigengruppen Jugendlicher zunächst als ein Stück weit entkoppelt von dem Generationengefüge versteht, so sind diese immer noch Moment der Lebenswelt Jugendlicher, die durch den gesellschaftlichen Wandel auf allen Ebenen geprägt ist. Auf einer sehr konkreten Ebene wird dies beispielsweise an dem hohen Stellenwert erkennbar, den seit einiger Zeit virtuelle Freundschaftsnetze für Kinder und Jugendliche einnehmen. Folgt man jüngeren Forschungsergebnissen, so zeigt sich, dass diese im Wesentlichen auf den vorhandenen sozialen Beziehungen basieren, sie personell punktuell erweitern, vor allem aber der Kommunikation eine andere Form und Dynamik verleihen (zum Beispiel Schorb u.a. 2010; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011).


Der Zwang zur ständigen Arbeit an sich selbst

Wechselt man auf eine etwas abstraktere Ebene und rückt allgemeinere gesellschaftliche Veränderungen in das Zentrum der Aufmerksamkeit, dann zeigt sich schnell, dass man unter dieser Perspektive derzeit wenig über die Bedeutung von Peers weiß. Zeigen lässt sich dies exemplarisch, wenn man auf eine Diskussion zurückgreift, die seit einigen Jahren im Anschluss an die Arbeiten von Michel Foucault einen Wandel der Subjektivierungsform diagnostiziert. Formelhaft verdichtet werden diese Entwicklungen in der Figur des »unternehmerischen Selbst« (Bröckling 2007). Charakteristisch für diese Form der Subjektwerdung ist, dass alle Gesellschaftsmitglieder und dabei insbesondere Jugendliche, für die die Entwicklung einer eigenständigen Identität eine zentrale alterstypische Entwicklungsaufgabe darstellt, gefordert sind, immer mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich beständig weiterzuentwickeln. In nahezu allen Teilbereichen des Lebens wird ein anhaltendes Bemühen um Selbstverbesserung gefordert. Stillstand wäre in diesem Sinne von Übel.

Damit die erzielten Fortschritte gesellschaftlich auch wahrgenommen und anerkannt werden, müssen sie und ihre Effekte anderen gegenüber sichtbar gemacht werden. Körperliche Fitness, geistige Beweglichkeit, individuelle Balance, Souveränität in allen Lebenslagen und Coolness im Umgang mit Unsicherheit, situative und reaktionsschnelle Präsenz und Ähnliches sind zu weithin verbindlichen Leitnormen geworden - und man muss sich nur die Zeit nehmen und Jugendliche beobachten, um zu erfahren, mit welchen Anstrengungen diese Anforderungen im Alltag verbunden sind und welche interaktiven Dynamiken der Anerkennung und Ausgrenzung auf diese Weise in Gang gesetzt werden. Da eine finale Zielerreichung in Bezug auf diese Normen nicht denkbar ist, ergibt sich daraus ein nie versiegender Bedarf an Trainings-, Lern- und Bildungsprozessen, vielfältigen Selbstentwicklungs- und Inszenierungsstrategien.

Angemerkt sei schließlich noch, dass - was in der Figur des »unternehmerischen Selbst« schon anklingt - damit nicht nur gemeint ist, dass die Subjekte aufgefordert sind, sich selbst gegenüber unternehmerisch zu handeln, und das heißt vor allem im Sinne der Selbstoptimierung rational mit den eigenen Ressourcen umzugehen, sondern auch, dass dies keineswegs in einem zweckfreien Kontext geschieht. Stattdessen werden immer mehr gesellschaftliche Bereiche des Alltags vor allem im Jugendalter (zum Beispiel Ehrenamt, Freizeit, Gesundheit) dahingehend hinterfragt, was sie zur Erlangung von Beschäftigungsfähigkeit beitragen. Seine Entsprechung finden derartige, heute allerorten erfahrbare Anforderungen in einem Wandel der staatlichen Sozialpolitik. Mit dem Begriff des aktivierenden Sozialstaates werden dabei die vielfältigen staatlichen Bemühungen, Selbstverantwortung und Selbstsorge zu fördern, zusammengefasst (Lessenich 2008).


Unterschiedliche Funktionen der Gleichaltrigengruppe

Ohne diese Diskussion hier im Detail nachzeichnen zu können (vergleiche hierzu auch Heitmeyer/Mansel/Olk 2011), provozieren diese Thesen in dem hier anstehenden Zusammenhang doch die Frage, was diese Entwicklungen im Hinblick auf den Stellenwert von Gleichaltrigenbeziehungen im Jugendalter bedeuten. Merkwürdigerweise ist dieser Frage noch kein Projekt im Detail nachgegangen, sodass hier nur die Möglichkeit bleibt, sich das Thema theoretisch zu erschließen.

In einer ersten Annäherung sind zunächst drei Antworten denkbar. In der ersten Variante fungieren Peers gleichsam als Trainingscamps für das »unternehmerische Selbst«. In diesem Sinne wären sie primär als Orte des Einübens und des Sichtbarmachens individueller Differenzen, Optimierungsfortschritte und Inszenierungen, des Erprobens von Identitäten und Rollen, des Auslotens und - wenn es gut geht - des Erlebens von Selbstwirksamkeit und des Erwerbs marktrelevanter Kompetenzen zu begreifen. Diese Variante würde sich weitgehend im Rahmen der bisherigen funktional-sozialisatorischen Tradition bewegen.

Die zweite Variante würde Peers vorrangig als Orte des Abhängens und der Erholung, der Gemeinschaftserfahrung im Hier und Jetzt sowie der Zugehörigkeit begreifen. Aus diesem Blickwinkel böten Peerbeziehungen und die dabei bevorzugten Orte vor allem zeitlich befristete Zufluchtsorte.

Vorstellbar ist schließlich eine dritte Variante, die Peers als Gegenwelten zu den vielfältigen gesellschaftlichen Anforderungen und Zumutungen sieht. Sie erscheinen insofern als Gegenwelten, als dort die gesellschaftlichen Erwartungen nicht nur ein Stück weit und zeitweise suspendiert werden, sondern die Angehörigen bewusst versuchen, gegenläufige Prozesse zu inszenieren: Statt ständiger Individualisierung und Selbstoptimierung also Unterwerfung, Einbettung und Deindividualisierung, möglicherweise einhergehend mit individueller (Selbst-)Destruktion und den damit einhergehenden spezifischen Konflikteskalationen und -dynamiken.

Es gibt keinen Grund, sich auf eine Variante festzulegen. Stattdessen spricht viel dafür, dass alle drei Varianten und vielfältige Mischformen nebeneinander existieren, gelegentlich auch ineinander überführt werden. Aufmerksamkeit verdienen jedoch mehr als bisher Prozesse der Deindividualisierung.

In seiner Studie zum »unternehmerischen Selbst« zieht Ulrich Bröckling am Schluss ein vergleichsweise düsteres Fazit. Nachdem er festgestellt hat, dass das unternehmerische Selbst im Sinne von Alain Ehrenberg vor allem ein »erschöpftes Selbst« sei (Bröckling 2007, S. 289), bleibt ihm als Ausweg nur die »flüchtige Vergegenwärtigung des Abwesenden« (a.a.O, S. 297). Fern jeglicher Neigung, mal wieder Jugendliche und ihre Gleichaltrigengruppen als gesellschaftliche Avantgarde ausrufen zu wollen, bleibt dennoch die Frage, ob manches, was einem mitunter so rätselhaft an Peers Jugendlicher erscheint, nicht auch als bewusster Versuch der Deindividualisierung zu dechiffrieren wäre. Immerhin haben im Sommer 2011 kluge Beobachter der Krawalle (»riots«) in den englischen Städten wiederholt darauf hingewiesen, dass dabei auch die Leugnung individueller Verantwortung und das bewusste Fallenlassen in die Dynamik der Situation eine zentrale Rolle spielten - was dazu führte, dass der Begriff der »deindividuation« zunehmend Beachtung in der englischsprachigen Fachdiskussion findet.

Vertraut ist diese Perspektive - zumindest zu Teilen - aus der schon älteren Sozialpsychologie der Masse, die man eigentlich in modernen, hochgradig individualisierten Gesellschaften schon länger als überholt betrachtete. Könnte es sein, dass der Modernisierungsdruck und die allgegenwärtige Aufforderung, in Bezug auf sich selbst unternehmerisch tätig sein zu sollen, einigen Aspekten daraus insbesondere im Kontext von Gleichaltrigengruppen Jugendlicher neue Aktualität verleiht?


DER AUTOR
Dr. Christian Lüders leitet die Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Adressaten, Institutionen und Verfahren der Kinder- und Jugendhilfe, Evaluation, Theorien pädagogischen Wissens sowie Wissenschaftsforschung.
Kontakt: lueders@dji.de


LITERATUR

BRÖCKLING, ULRICH (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main

EISENSTADT, SHUMEL N. (1966): Von Generation zu Generation. Altersgruppen und Sozialstruktur. München

EHRENBERG, ALAIN (2004): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt am Main/New York

HARRING, MARIUS / BÖHM-KASPAR, OLIVER / ROHLFS, CARSTEN / PALENTIN, CHRISTIAN (HRSG.; 2010): Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen. Wiesbaden

HEITMEYER, WILHELM / MANSEL, JÜRGEN / OLK, THOMAS (HRSG.; 2011): Individualisierung von Jugend. Zwischen kreativer Innovation, Gerechtigkeitssuche und gesellschaftlichen Reaktionen. Weinheim/Basel

LESSENICH, STEPHAN (2008): Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld

MEDIENPÄDAGOGISCHER FORSCHUNGSVERBUND SÜDWEST (2011): JIM-Studie 2011. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart Im Internet verfügbar unter:
http://www.mpfs.de/?id=225
(Zugriff am 27.12.2011)

SCHORB, BERND / KIESSLING, MATTHIAS / WÜRFEL, MAREN / KEILHAUER, JAN (UNTER MITARBEIT VON MICHAEL BAUMANN) (2010): MeMo_SON10. Medienkonvergenz Monitoring. Soziale Online-Netzwerke-Report 2010. Leipzig 2010. Im Internet verfügbar unter
http://www.uni-leipzig.de/~umfmed/MeMo_SON10.pdf
(Zugriff am 27.12.2011)

WETZSTEIN, THOMAS / ERBELDINGER, PATRICIA ISABELLA / HILGERS, JUDITH / ECKERT, ROLAND / MAYER, SUSANNE (2005): Jugendliche Cliquen: Zur Bedeutung der Cliquen und ihrer Herkunfts- und Freizeitwelten. Wiesbaden


DJI Impulse 1/2012 - Das komplette Heft finden Sie im Internet unter:
www.dji.de/impulse

*

Quelle:
DJI Impulse - Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 1/2012 - Nr. 97, S. 16-18
Herausgeber: Deutsches Jugendinstitut e.V.
Nockherstraße 2, 81541 München
Telefon: 089/623 06-0, Fax: 089/623 06-265
E-Mail: info@dji.de
Internet: www.dji.de
 
DJI Impulse erscheint viermal im Jahr.
Die Hefte können kostenlos unter www.dji.de/impulsebestellung.htm
abonniert oder unter vontz@dji.de schriftlich angefordert werden.


veröffentlicht im Schattenblick zum 31. Mai 2012