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KOMMENTAR/021: Diamond League - letztes Blendwerk der Leichtathletik? (SB)



Die olympische Kernsportart Leichtathletik scheint sich dem Phönix-Prinzip verschrieben zu haben. Als gelte es, aus der Asche sterbenden TV- und Zuschauerinteresses einen Feuervogel aufsteigen zu lassen, der die Aufmerksamkeit des Massenpublikums ein letztes Mal in den Bannstrahl des leuchtenden Spektakels nimmt, haben sich die Marketing-Strategen entschlossen, auf die "Golden League" eine "Diamond League" folgen zu lassen. Wie der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, Anfang der Woche bekanntgab, wird die Golden League mit sechs Sportfesten in Europa ab 2010 zur Diamond League mit 15 Meetings in Europa, den USA, Asien und dem Mittleren Osten ausgeweitet. Mit dem neuen Premium-Format sollen der Meetingserie weltweit zu neuem Glanz verholfen sowie der Leichtathletik außerhalb der traditionellen Märkte in Europa und den USA neue Geldgeber erschlossen werden. Das bisherige Meeting-System, das sich in Golden League, Super Grand Prix, Grand Prix I und II sowie weiteren Unterkategorien einteilte, so daß selbst Experten manchmal den Durchblick verloren, soll zudem erheblich vereinfacht werden.

Mit der Strukturreform reagieren die Chefvermarkter auf das rapide sinkende Interesse an der Leichtathletik, die im globalen Konkurrenzkampf mit anderen Sportarten auf der Strecke zu bleiben droht. "Selbst bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sinken die TV-Quoten im exorbitanten Maße", berichtete der Deutschlandfunk (11.1.09). Die Golden League werde kaum noch übertragen. Selbst wenn ein Meeting zur besten Sendezeit ins Fernsehen gelangte, würden die Quoten einbrechen. Kernsportarten wie die Leichtathletik hätten bei den letzten Sommerspielen in Europa und den USA Einschaltquotenverluste von 30 Prozent und mehr in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49jährigen hinnehmen müssen, lauten weitere Hiobsbotschaften.

Die Leichtathletik "siecht vor sich hin. Ja, sie scheint sich in einem Prozess der Selbstauflösung zu befinden, ohne dass die Beteiligten, die dafür die Verantwortung übernommen haben, dies für sich in dieser Weise erkennen", hatte der ehemalige IAAF-Vizepräsident Prof. Helmut Digel im Vorfeld der IAAF-Reformen kritisiert, obwohl er als langjähriger Vorsitzender der Marketing- und TV-Kommission des Internationalen Verbandes selbst zu den Verantwortungsträgern gehört. Doch angesichts der verheerenden Bilanz, daß in mehr als 90 Prozent aller Veranstaltungen, die weltweit stattfinden, "keine zahlenden Zuschauer anzutreffen" seien, wie Digel attestierte, scheint es nur logisch, den Funktionärs-Kollegen im Weltverband den Schwarzen Peter zuzuschieben. Die Sitzungen seien durch wenig strukturierte Diskussionen geprägt, sportpolitisches Palaver stehe im Mittelpunkt, tadelte der Soziologieprofessor.

Ging es für den Athleten in der Golden League bislang darum, alle sechs Sportfeste zu gewinnen, um für den goldenen Griff in den Millionen-Jackpot (möglichst allein) berechtigt zu sein, so winkt im neuen "IAAF Diamond Race" jedem Punktbesten einer Disziplin am Ende der Saison ein vier Karat schwerer Edelstein im Wert von rund 80.000 Dollar. Das Alles-oder-Nichts-Prinzip wurde somit abgeschafft. Pro Meeting werden 416.000 US-Dollar (rund 336.000 Euro) Preisgeld ausgeschüttet.

Von den 47 olympischen Disziplinen der Leichtathletik wurden allerdings von vornherein 15 von der Programmliste gestrichen, da sie als wenig fernseh- und zuschauerattraktiv gelten. Davon betroffen sind die Langlaufstrecken 10.000 m und Marathon, die 100- und 400-m-Staffelläufe, alle Geher-Wettbewerbe sowie der Sieben- bzw. Zehnkampf. Auch das Hammerwerfen wurde aussortiert, angeblich wegen der in vielen Stadien nicht vorhandenen Infrastruktur. Von den 32 Disziplinen, die auf die einzelnen Stationen verteilt werden, stehen bei Frauen und Männern 100 m, 200 m, 400 m, 800 m, 1.500 m, 5.000 m, die Hürdensprints über 100 bzw. 110 m, 400 m Hürden, 3.000 m Hindernis, Hochsprung, Weitsprung, Dreisprung, Stabhochsprung, Kugelstoßen, Speerwurf und Diskuswurf fest.

Dieses Vermarktungsedikt des Monopolverbandes haben die ausgegrenzten Athleten ebenso hinzunehmen wie den sie weiter ins Abseits befördernden Umstand, daß der Star-Rummel angekurbelt und der Blick des Publikums verstärkt auf erfolgs- und rekordträchtige Topduelle gelenkt werden soll. "Die größten Stars werden für die neue Liga zentral verpflichtet um abzusichern, daß die Besten am Start sind", hieß es in einer IAAF-Erklärung. Attraktive Zweikämpfe zwischen den weltbesten Sprintern wie Dreifach-Olympiasieger Usain Bolt und seinem Weltrekord-Vorgänger Asafa Powell (beide Jamaika) werde es zukünftig drei- bis viermal pro Jahr geben und nicht mehr nur bei Weltmeisterschaften oder Olympia, kündigte IAAF-Präsident Lamine Diack an.

Kurzum, der rasante Niedergang der kommerziellen Leichtathletik soll mit eben jenem Phönix aufgehalten werden, der seit jeher den Blick der Menschen auf seinen Feuerstrahl zieht, statt auf seinen Ascheberg. Einmal abgesehen davon, daß der Konkurrenzkampf der Sportarten um Einschaltquoten, Zuschauer und Sponsoren schon aus systemischen Gründen sehr viel mehr Verlierer als Gewinner produziert, zeigt gerade das Beispiel der Golden League, zu wessen Lasten die forcierte Vermarktung der lukrativsten und profitabelsten Projekte der Leichtathletik geht.

Als 1998 die hochkarätigste Meetingsserie als zentrales und umsatzstärkstes "Event" der Leichtathletik-Saison installiert wurde, übte Diacks Vorgänger, Primo Nebiolo, noch die unumschränkte Alleinherrschaft im Weltverband aus. Der italienische "Sonnenkönig" stand für jene Generation einflußreicher Funktionäre im kommerziellen Sportbetrieb, die maßgeblich dessen Transformation zu einem lukrativen Produkt der weltumspannenden Unterhaltungsindustrie vorantrieben, von ihrer Schlüsselstellung mit persönlicher Bereicherung profitierten und den Wandel zugleich als Heilslehre zur Rettung des Sports zu verkaufen wußten.

Mit der Einführung der Golden League wurden zugleich die innovativsten Ideen vorangegangener Modelle abgeschöpft und die für unbrauchbar erachteten Mitläufer abgewertet. Im Gefolge dieser Entwicklung starben viele kleinere Sportfeste ab, was der Leichtathletik in ihrer breiten Basis erheblich schadete, zumal dadurch auch lokale und regionale Ereignisse, die keineswegs immer nur auf die Präsentation internationaler Topstars fixiert waren, mit ihrer zuschaueranziehenden wie -bindenden Wirkung verschwanden.

Den Teilnehmern der Golden League indes, denen mit einem die Konkurrenz zuspitzendem Belohnungssystem aus Jackpot, Superprämien und ähnlichen Gratifikationen die Karotte vor die Nase gehalten wird, reduziert sich letztlich auf einen elitären Kreis der attraktivsten Protagonisten, die allein um einen Platz an den Fleischtöpfen kämpfen. Was als Zugewinn sportlicher Attraktivität und Erschließung neuer Quellen der Finanzierung gepriesen wurde, erwies sich letztlich als gnadenloser Raubzug unter den Ressourcen von Menschen und Mitteln innerhalb der Leichtathletik und somit als Mechanismus rapider Entwertung. Zumal gerade der Glanz des Neuen, mag es noch so verführerisch karfunkeln, naturgemäß von flüchtigster Substanz und geringster sozialer Haltbarkeit ist.

9. März 2009