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KOMMENTAR/169: Erfolgreiche US-Anti-Doping-Agentur USADA - kein Grund zur Freude (SB)




Wer da fällt, über den läuft alle Welt, sagt der Volksmund. Endlich können die Scharfrichter des Leistungs- und Spitzensports vom Leder ziehen und ihrer Empörung über Lance Armstrong, diesen dreisten Betrüger, Topdealer und Oberschurken des Radsports, aus vollem Halse Luft machen. Der Sportchef der FAZ, mit den Gepflogenheiten des Hoch- und Niederschreibens seines Gewerbes wohl bestens vertraut, machte ein "Dreiphasenmodell" [1] aus, wie es im vergangenen Vierteljahrhundert in schöner Regelmäßigkeit zur Anwendung kam: Der "plötzlichen Schockstarre" aufgrund der Machenschaften des siebenfachen Tour de France-Siegers, gegen den die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA wegen jahrelangen Dopingmißbrauchs ein 1000seitiges Belastungsdossier mit einschneidenden Konsequenzen zusammengetragen hat, sei inzwischen die zweite Phase gefolgt: "Saubermänner des Sports entladen ihre Wut." Darin enthalten die Verteufelung Armstrongs und die (Selbst-)Stilisierung seiner einstigen Weggefährten, Mitverdiener, Wasserträger und Werbepartner zu Opfern sowie die Isolierung Armstrongs zum personifizierten Bösen. Nach Meinung des FAZ-Schreibers diene "die forcierte Reduzierung eines Systemproblems auf schwarze Schafe in einer angeblich woll-weißen Herde" einer "grandiosen Ablenkungsshow, national wie international".

Man höre und staune - die konservative FAZ, selbst bis über beide Ohren in die publizistische Verwertung des geschäftstüchtigen Hochleistungssports verstrickt, übt Systemkritik und legt den Finger in die klaffende Wunde bürgerlicher Schuldumlastungsrituale, mit denen sich die passiven wie aktiven Handlungsbeteiligten von ihrer Mitverantwortung freizuschlagen versuchen.

Von wegen! Mit "Systemproblem" ist weder das verabsolutierte Dopingkonstrukt noch der quasireligiöse Antidopingkampf noch das Ermächtigungsmantra vom "sauberen Sport" gemeint. Tatsächlich werden bürgerliche Moralkampagnen nur auf eine neue Stufe qualifizierter Widerspruchsregulation gehoben, vom FAZ-Kommentator folgendermaßen beschrieben: Jetzt würden all die Mitspieler versuchen, Armstrong in den Orkus zu versenken, ohne ihre Verantwortung einzugestehen. An diesem Modell habe sich in Jahrzehnten trotz des Einsatzes engagierter Anti-Doping-Kämpfer nichts geändert. Das sei auch logisch, "solange der Sport sich selbst auf Sparflamme kontrolliert. Denn eine knallharte, ernsthaft auf 'Null Toleranz' ausgerichtete Anti-Doping-Politik von Verbänden und Staaten würde das Geschäftsmodell gefährden".

Daß Doping und Geschäft irgendwie zusammenhängen, räumt man im Unterhaltungsgewerbe des Sports durchaus ein. Auch daß sporthoheitliches Anti-Doping und Geschäft zusammenhängen. Daß aber eine "knallharte" staatliche Doping-Verfolgung das Geschäftsmodell des Sports gefährden würde, darf getrost bezweifelt werden. Im Gegenteil, sollten Verbände und Staaten im Sinne einer kompromißlosen Null-Toleranz-Politik jemals an einem Strang ziehen und auf heißer Flamme ihr Antidoping-Süppchen kochen, wäre eine globale Kontrollgesellschaft verwirklicht, die unter repressivsten Verhältnissen die profitable Verwertung des Sports betriebe. Bezeichnenderweise schweigt sich der FAZ-Kommentator über die Folgen von Phase vier aus, die in Anbetracht der Entwicklung des Antidopingkampfes nur in eine rigorose Verkriminalisierung des Sports münden kann. Sportsoziologen und -kriminologen sind auf den wissenschaftlichen Hinterbühnen längst damit befaßt, Dopingdelinquenz und -devianz auf einen Optimierungslevel zu bringen, auf dem das niemals grundlegend in Frage gestellte Dopingstigma zum unumstößlichen Bezichtigungssystem von weltadministrativen Ausmaßen getrimmt wird.

Daß Sportjournalisten, die sich im Sandkasten des Antidopingkampfes bestens eingerichtet haben und die Kriminalisierung von Sportwidrigkeiten begrüßen, Lobeshymnen auf die US-Antidopingbehörde USADA singen, die anders als die deutsche NADA oder die internationale WADA vorbildliche Arbeit geleistet und durch ihre anpackende Art "Sportgeschichte" geschrieben habe, läßt Schlimmstes befürchten. Zumal die innergesellschaftlichen Verhältnisse der USA, die zwischen Doping und Drogen kaum einen Unterschied machen, komplett ausgeblendet werden. Als in den 1970er Jahren der Antidrogenkrieg ("war on drugs") eingeführt wurde und in den 80ern auf Hochtouren lief, richtete er sich vor allem gegen die farbige und hispanische Bevölkerung. Gesetzesverschärfungen führten zu härteren und längeren Strafen, Bagatelldelikte wurden genutzt, um unerwünschte Bevölkerungsteile, die als gefährlich, abweichend oder heruntergekommen stigmatisiert wurden, wegzusperren. Inzwischen haben sich die USA zum Land mit der größten Gefängnisbevölkerung der Welt entwickelt. Offiziell sitzen rund 2,4 Millionen Gefangene in US-Knästen ein, wobei die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen dürften, denn die Insassen von Militärgefängnissen, Boot-Camps und anderen Erziehungs-Einrichtungen sind nicht darin enthalten. Längst hat sich ein gefängnisindustrieller Komplex etabliert, der ein milliardenschweres Geschäft mit der Ausbeutung von Gefangenen betreibt, die wegen geringfügigster (Drogen-)Vergehen hohe Haftstrafen absitzen müssen.

Wenn nun zahlreiche Journalisten im Gleichklang mit prominenten Funktionsträger des Hochleistungssports, die den "Krieg gegen Doping" gewinnen wollen, den Law-and-Order-Vertretern der USADA und anderen US-Behörden zujubeln und nach härteren staatlichen Maßnahmen auch hierzulande verlangen, dann sollen offensichtlich amerikanische Verhältnisse auch in Europa Einzug halten. Die in Deutschland angedachte Verstrafrechtlichung von Dopingdelikten, die dazu führen würde, daß schon der "Besitz von Arzneimitteln oder Wirkstoffen zu Dopingzwecken ab dem ersten Milligramm" (siehe bayerischer Entwurf zum Anti-Doping-Gesetz [2]) mit Freiheitsstrafen geahndet und in grundgesetzlich geschützte Kernbereiche privater Lebensgestaltung eingedrungen werden kann, dürfte ganz nach dem Geschmack der Anti-Doping-Journaille sein, die aus Heuchelei, Moralpanik und Verdächtigung nicht weniger Honig saugt als die zahllosen "Mitspieler" in Sport und Politik, die sich nun am sportiven Leichnam von Lance Armstrong laben. Nicht die "forcierte Reduzierung eines Systemproblems auf schwarze Schafe in einer angeblich woll-weißen Herde" kommt einer "grandiosen Ablenkungsshow" gleich, sondern die forcierte Reduzierung der Leistungssportproblematik auf den Schuld, Kontrolle und Strafe perpetuierenden Dopingbegriff.

Fußnoten:

[1] "Wütende Saubermänner". Von Anno Hecker. 14.10.2012.
http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/armstrong-kommentar-wuetende-saubermaenner-11924826.html

[2] Siehe auch: http://www.schattenblick.de/infopool/sport/meinung/spmek162.html

25. Oktober 2012