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KOMMENTAR/251: Ein Mittel der Politik ... (SB)


Kämpfen für "Freiheit und Medaillen": Bundeswehr vereinnahmt Spitzensport für Arbeitgeber-Kampagne


An der deutschen Heimatfront hatten sich die Sportmedien während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro auf Rußland- und Doping-Beschimpfungen eingeschossen. Kaum waren die Sommerspiele Geschichte, da wurde nachgeladen und ein neuer Intimfeind gesucht. Gut, daß es Jelena Issinbajewa gibt. Die "Königin der Leichtathletik", wegen ihrer vielen Goldmedaillen und Weltrekorde im Stabhochsprung von Presse, Funk und Fernsehen lange Zeit auf den Händen getragen, war bei der angeblich "freien Welt" in Ungnade gefallen, weil sie vehement gegen ihren Olympiaausschluß protestiert hatte. Die zweimalige Olympiasiegerin hatte das Urteil des internationalen Sporttribunals CAS, das am 21. Juli den Olympiaausschluß von 68 russischen Leichtathleten durch den Leichtathletik-Weltverband IAAF für rechtmäßig erklärt hatte, als "Beerdigung der Leichtathletik" und "rein politische Entscheidung" gebrandmarkt. Nachdem die "Putin-Freundin" (DLF), die ihre glanzvolle Karriere inzwischen beendet hat, dann auch noch in Rio von den OlympiasportlerInnen in die Athletenkommission des IOC gewählt worden war, avancierte sie in den Augen der hiesigen Kampfpresse endgültig zu einer russischen Topagentin unter Putins Gnaden.

Zusammen mit sieben anderen russischen SportlerInnen hat Jelena Issinbajewa kürzlich einen Luftwaffenstützpunkt ihres Landes in Syrien besucht. Die 34jährige, die im Mai 2015 vom russischen Verteidigungsministerium zur Leichtathletiktrainerin berufen und in den Rang eines Majors versetzt worden war, soll im russischen Staatsfernsehen erklärt haben: "Wir sind gekommen, um unsere Helden, unsere Verteidiger zu sehen. Wir hatten das Verlangen, unsere Truppen zu unterstützen, ihnen zu sagen, dass wir sie lieben und ihnen nah sind." [1]

Um die Anstößigkeit ihrer Propagandadienste ins rechte Licht zu rücken, erklärte der Deutschlandfunk: "Vom Stützpunkt Hmeimim aus startet die russische Luftwaffe ihre Angriffe in Syrien, von denen die russische Regierung sagt, sie richteten sich ausschließlich gegen Terroristen. Doch russische Bomben treffen auch gemäßigte Assad-Gegner und Zivilisten." Issinbajewa soll in einem Interview laut Übersetzung des DLF nach einem Training gesagt haben: "Unsere Kämpfer, Offiziere, Generäle reden mit uns, als wären wir ihresgleichen, zugleich sind sie so selbstsicher und stark, das sind echte Männer. Hier muss man überhaupt keine Angst haben. Hier ist alles von einem solchen Patriotismus durchzogen, ich platze fast vor Stolz." [2] Auch die konservative FAZ nahm den Ball auf und berichtete, wie angetan Issinbajewa vom Geräusch startender Flugzeuge gewesen sei. "Jeder Start eines Jets war wie ein Wiegenlied für uns, auf das wir warteten, um einschlafen zu können", so Issinbajewa laut Übersetzung von faz.net. [3]

Wie so viele Athleten in ihrem Land gehört auch Jelena Issinbajewa dem eng mit dem russischen Verteidigungsministerium verbundenen Armeeklub ZSKA Moskau (Zentralny Sportiwny Klub Armii) an, der seit 2009 zur verschärften Auflage hat, daß seine SportsoldatInnen auch Dienst in den russischen Streitkräften tun müssen. Zweifellos hat sich die von Staat und Medien hofierte Vorzeigesportlerin für russische Truppenbetreuungsdienste einspannen lassen. Diese zielen bekanntlich darauf ab, insbesondere die kämpfenden Soldaten zu unterhalten, abzulenken oder aufzumuntern.

Doch welchen Eindruck wollen die Medien hierzulande vermitteln, wenn sie Issinbajewas Schwadronieren über "Patriotismus, Stolz, Mut und Heldentaten" bekritteln? Etwa, daß es in Deutschland oder anderen westlichen Ländern keine Vereinnahmung des Spitzen- oder Kriegsversehrtensports durch das Militär gibt? Oder daß westliche Bomben, Raketen oder Drohnen keine Zivilisten umbringen?

Tatsächlich wird das Wiegenlied vom gesunden Patriotismus im olivgrünen Tarnanzug insbesondere in Deutschland aus vollem Halse gesungen, ohne daß dies von der breiten Öffentlichkeit überhaupt als Politikum wahrgenommen wird. So wurde die Kritik der "Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen" (DFG-VK) an der Zusammenarbeit von Bundeswehr und Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) im hiesigen Blätterwald regelrecht totgeschwiegen. Die etwa 3.600 Mitglieder zählende DFG-VK hatte anläßlich der Olympischen Spiele darauf hingewiesen, daß die Bundeswehr durch Großplakate auf der Straße, bei Werbespots im Fernsehen und Anzeigen in Tageszeitungen sowie dem Internet mit Sprüchen wie "Wir kämpfen für die Freiheit. Und für Medaillen" und "Wir machen Karrieren. Und Olympia-Sieger" für sich als Arbeitgeber geworben hat. Auf einem gemeinsamen Logo von Bundeswehr und DOSB wird die Kooperation sogar mit dem PR-Siegel "Offizieller Ausbilder von Vorbildern" unterstrichen. [4]

Die "Arbeitgeberkampagne Olympia 2016" war nach Auskunft der Düsseldorfer Werbeagentur "Castenow", welche für die Markenbildung der Bundeswehr verantwortlich zeichnet, nur "der Auftakt für den langfristigen Einsatz der Sportförderung in der Arbeitgeberkommunikation". Die Kampagne soll "die Werte des Spitzensports im Rahmen der Gesamtstrategie 'qualifizierender und sinnstiftender Persönlichkeitsförderer' auf den Arbeitgeber Bundeswehr übertragen", teilt die Werbeagentur auf ihrer Website mit. [5] "Die Bundeswehr bildet Menschen zu Vorbildern aus, indem sie es ihnen ermöglicht, ihr Bestes zu geben - insofern sind nicht nur die Medaillengewinner Vorbilder, sondern alle 260.000 Angehörigen der Bundeswehr, egal, ob in Uniform oder Zivil", erklärte Regierungsdirektor Dirk Feldhaus, Kampagnenkoordinator bei der Bundeswehr. [6]

Die Bundeswehr, auf deren Agenda keineswegs mehr nur Landesverteidigung steht, sondern auch die Absicherung der für die deutsche Exportwirtschaft so wichtigen globalen Transport- und Handelsrouten sowie der ebenfalls unerläßlichen Rohstoff- und Energieversorgung, hat massive Nachwuchs- und gesellschaftliche Akzeptanzprobleme. Deshalb werden ihre Werbefeldzüge immer ausgreifender. Selbst Minderjährige gehören zur Zielgruppe der Streitkräfte. Im vergangenen Jahr hat die Bundeswehr über 1.500 17jährige rekrutiert.

Die Werbefigur des Sportsoldaten, der sich "leidenschaftlich", "kameradschaftlich" und "mit professioneller Einstellung" für den sportlichen (militärischen) Erfolg des Teams (Truppe) aufopfert, ist gesellschaftlich besonders anschlußfähig, weil der Sport auch in Krisen- oder Kriegszeiten als soziales Schmier- und Ablenkungsmittel wunderbar funktioniert. Wenn die SportsoldatInnen dann auch noch Edelmetall erringen, um so besser. Von den 423 deutschen Teilnehmern in Rio, die unter dem patriotischen Motto "Wir für Deutschland" an den Start gingen, waren 127 Sportsoldatinnen und -soldaten, die zugleich unter dem Militärslogan "Wir.dienen.Deutschland." im Einsatz waren. 19 der insgesamt 42 Medaillen holten BW-Athleten nach Hause. Der statistische Anteil von "45 Prozent aller deutschen Medaillen", den sich die Bundeswehr stolz auf die eigene Fahne heftet, ist allerdings zweifelhaft. Denn in die eigene Medaillenbilanz wurden großzügig alle Mannschaftssportarten eingerechnet, selbst wenn wie im Frauenfußball nur eine Sportsoldatin dem Team angehörte.

Sportskanonen gibt es auch in Deutschland einige, die sich mehr oder weniger freiwillig in den Dienst militärischer Öffentlichkeitsarbeit stellen. So hatte der Diskusweltmeister Robert Harting 2011 in einem Fernsehinterview seine WM-Medaille einem befreundeten Soldaten gewidmet, der in Afghanistan gefallen war. Der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière bedankte sich mit einem persönlichen Brief bei dem Stabsunteroffizier. "Das sind Aktionen, die hundertmal wirksamer sind, als wenn ich eine Rede halte und für die Soldaten im Einsatz werbe. Ich hoffe, andere nehmen sich daran ein Beispiel", erklärte der CDU-Politiker später. Befehlen möchte er das nicht. "Denn das muss vom Herzen kommen." [7]

Schon vor den Spielen in Rio de Janeiro hatte die Bundeswehr eine Arbeitgeber-Kampagne ("Mach, was wirklich zählt.") ins Rollen gebracht und dazu die Sportsoldaten in den Mittelpunkt gestellt. Als Botschafter der Kampagne war neben dem Kunstturner Marcel Nguyen und der Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause auch der dreimalige Weltmeister Robert Harting dabei. Der 31jährige Sportsoldat, der sich in Rio mit Schmerzmitteln einsatzfähig spritzen ließ, erklärte in einem Interview bei "bundeswehrkarriere.de": "Wir sind als Profisportler öffentliche Personen und zeigen auch, dass wir gute Soldaten sind." Als Spitzensportler und Sportsoldaten "sind wir schon eine Art ideelle Einheit, um keine falschen Werte zu repräsentieren. Ich gebe alles, um ein gutes Vorbild in der Gesellschaft abzugeben." [8]

Brav gesprochen. An der Heimatfront ist der einstige "Problembär" Robert Harting inzwischen vom Saulus zum Paulus gereift, nachdem er sich zum glühenden Anti-Doping-Kämpfer und Chefkritiker von IOC-Präsident Thomas Bach - als "Putin-Freund" oder "Putins Pudel" (Bild-Zeitung) weithin verspottet - aufgeschwungen hat. In den deutschen Leitmedien wird weder Hartings Rolle als Befürworter der robusten Sportlerkriminalisierung noch als Botschafter der Bundeswehr-Arbeitsplatzkampagne in Frage gestellt. Die rigides Schwarz-Weiß-Denken befördernde Skandalisierung von Doping und die zur Jobattraktion verklärte Mobilmachung gegen Rußland liegen voll auf der Linie der inneren und äußeren Feindbildproduktion, weshalb Hartings Dienste noch gebraucht werden.

Die Kritik am staatlichen Spitzensportförderer Bundeswehr greift freilich zu kurz, wenn sie sich an der mangelnden Effizienz oder Medaillenträchtigkeit von Sportsoldaten festmacht. Mit diesem Argument wird der Bundeswehr geradezu eine Steilvorlage für sportliche Effizienzsteigerung in Flecktarn geliefert, zumal selbst Thomas de Maizière fordert, die Medaillenerträge der deutschen OlympiasportlerInnen müßten um 30 Prozent gesteigert werden. Schließlich sei auch die Bundeswehr nicht dafür da, so betonte der Minister einmal, "gehobene Freizeitsportler" zu finanzieren. Wer die "unterdurchschnittliche Leistung" von Sportsoldaten anprangert, verherrlicht genaugenommen das Leistungsregime im Spitzensport. Das sollte sich die DFG-VK noch einmal gründlich überlegen.

Ebenso kurz greift die Kritik, die Risiken des Soldatenberufs würden durch die neue Arbeitgeberkampagne der Bundeswehr verschleiert. Das ist zwar zutreffend, doch die Bundeswehr könnte mit leichter Hand nachbessern und wie im Spitzensport, wo vorzeitiger Körperverschleiß, Langzeitschäden oder Invalidität als ganz "normale" Risiken in Kauf genommen werden, die Gefahren für Leib und Leben zur Normalität eines höchst anspruchsvollen Soldatenberufs erklären, der mit "Sozialprestige", "Nervenkitzel" und "Tapferkeitsmedaillen" sowie mit "Gefahrenzulagen" und "Hinterbliebenenrenten" gut vergolten wird. Selbst blutige Schockbilder könnten in die "Mach-was-wirklich-zählt"-Kampagne eingeflochten werden. Und wer als kriegsversehrter Soldat noch humpeln, kriechen oder hüpfen kann, dem werden später bei den Paralympics Möglichkeiten "gesellschaftlicher Teilhabe" geboten. Dort können "Kriegsbeschädigte", wie es früher in Aufwertung ihrer Dienste hieß, mit persönlichen Bestleistungen zeigen, daß auch sie "Vorbilder" sind. Schon sind alle zufrieden ...

Wenn Jelena Issinbajewa leichtfertig über "Patriotismus, Stolz, Mut und Heldentaten" schwätzt, ohne je der Zerstörungsgewalt des Militärapparates ausgeliefert gewesen zu sein, dann plappert sie nur die Legitimationsformeln nach, wie sie den Funktionseliten in aller Welt so oder ähnlich über die Lippen kommen. Kein geringerer als der frühere DOSB-Präsident und heutige IOC-Chef Dr. Thomas Bach hatte den Werbe- und Medienfritzen schon vor sechs Jahren die Blaupause für die Vorbild-Kampagne der Bundeswehr geliefert. In der Broschüre des Bundesverteidigungsministeriums "Konstant in der Erfolgsspur. Die Spitzensportförderung der Bundeswehr" erklärte der ehemalige Olympiafechter: "Weit über die gewonnenen Titel und Medaillen hinaus geben die Erfolge der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ein attraktives Gesicht. Sie tragen das Bild einer demokratischen, sympathischen und der Verständigung verpflichteten Bundeswehr in alle Welt. Innerhalb der Bundeswehr dienen die Soldatinnen und Soldaten als hervorragende Vorbilder für Erfolge durch Leistung, Disziplin und Organisationsfähigkeit. Damit fördern sie einen gesunden Patriotismus ohne Nationalismus."

Statt sich an den Implikationen dieser Sätze kritisch abzuarbeiten, zumal in Anbetracht der aktuellen Debatten um den Einsatz der Bundeswehr im Innern sowie des immer stärker keimenden Patriotismus und Militarismus in der Gesellschaft, werfen viele Medienvertreter Issinbajewa und Bach ihre vermeintliche Freundschaft zum russischen Präsidenten vor. So kann man den Kalten Krieg in der Sportunterhaltung auch fortführen ...

Fußnoten:

[1] http://www.zeit.de/news/2016-08/29/leichtathletik-russische-athleten-um-issinbajewa-besuchen-militaerflughafen-in-syrien-29112806. 29.08.2016.

[2] http://www.deutschlandfunk.de/russland-ioc-mitglied-issinbajewa-auf-truppenbesuch-in.890.de.html?dram:article_id=364452. 30.08.2016.

[3] http://www.faz.net/aktuell/sport/stabhochspringerin-issinbajewa-trainiert-mit-russischer-luftwaffe-14411339.html. 29.08.2016.

[4] http://www.schattenblick.de/infopool/sport/brenn/sbsp0027.html
Pressemitteilung der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) vom 23.08.2016.

[5] http://www.castenow.de/category/news

[6] http://www.presseportal.de/pm/116137/3389675. 28.07.2016.

[7] https://www.bmvg.de/portal/a/bmvg/!ut/p/c4/NYuxDsIwDET_yE4WKGyturAiUClb2kaRURNXxikLH08ycCe94Z4On1ia3E7BKXFyKz5wnOk8fWCKe4AXZykrREr0Vi-UIw71s3iYOXmtVJ-UCoM4ZYGNRddqskgxQAuOxvadseYf-22GW3s_NKdjf-muuMXY_gADZZz1/. 03.08.2012.

[8] https://www.bundeswehrkarriere.de/bundeswehr-sport/interviews/robert-harting

[9] https://www.bundeswehr.de/resource/resource/MzEzNTM4MmUzMzMyMmUzMTM1MzMyZTM2MzEzMDMwMzAzMDMwMzAzMDY3NmE2ODMzNzk2NDZjNzgyMDIwMjAyMDIw/Konstant%20in%20der%20Erfolgsspur_September%202010_barrierefrei.pdf. September 2010.

8. September 2016


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