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KOMMENTAR/255: Hilfsmittelfreier Wettkampf im Sportzirkus bald obsolet? (SB)


Reinhard Merkel: "Auch der ungedopte Hochleistungssport kommt an die Grenzen seiner Existenzberechtigung"


Wer selbst einmal wettkampforientierten Hochleistungssport betrieben hat, zumeist in jungen Jahren, der weiß, wie schwer es ist, sich zu einer kritischen Position gegenüber dem eigenen Tun und Lassen durchzuringen, die weder auf eine Selbstbezichtigung oder gar -verleugnung hinausläuft noch mit neuen Verfügungsgewalten gehorchenden Einsichten um soziale und gesellschaftliche Anerkennung buhlt. Als Kritiker des Körper und Geist extrem vereinnahmenden Spitzensports, der aufgrund seiner gesundheitlichen Belastungen und Verschleißfolgen nur über eine relativ kurze Karrierefrist betrieben werden kann, läuft man nicht nur Gefahr, als Nestbeschmutzer, Weichei oder Miesmacher verspottet zu werden, sondern auch das soziale Kapital zu verspielen, das man sich als bewunderter, in der Schulterklopfergemeinschaft bestens integrierter "Sportcrack" erworben hat. Wer grundsätzlich in Frage stellt, wofür ihn sein soziales Umfeld, die Familie, Freunde, Kollegen, Fans, Lehrer oder Medienvertreter einst wertschätzten, und sei es in Form verblassenden Ruhms, macht schnell mit der Kehrseite eines Sports Bekanntschaft, der die Sieger nur so lange feiert, wie sie mit ganzem Einsatz den Zählwerken ihrer sozialen und materiellen Inwertsetzung zuarbeiten. Es spricht Bände, daß erfolgreiche Karrieren von Topathleten in der Regel nicht deshalb enden, weil sie die Bedingungen und Zwänge ihrer körperlichen Repetitionsleistungen - so respektabel sie im Einzelnen oder im Kollektiv auch sein mögen - überwunden hätten, sondern weil sie an ihnen auf Dauer kaputt gegangen sind.

Die im Sinne der Aufklärung kontraproduktive Kriminalisierung des Dopings bzw. -besitzes und die personalisierte Anti-Doping-Hatz in den Medien haben inzwischen dazu geführt, daß es Athletinnen und Athleten noch unmöglicher gemacht wurde, über die Widersprüche des staatlich und privatwirtschaftlich ausgebeuteten Spitzensports offen und ehrlich - man könnte auch sagen "weniger heuchlerisch" - zu sprechen, müssen aktuell Betroffene doch befürchten, nicht nur ihr soziales und berufliches Reputationskapital zu verlieren, sondern obendrein auch noch juristisch verfolgt zu werden. Appelle von bekannten Anti-Doping-KämpferInnen an ehemalige Kaderathletinnen und -athleten, erst kürzlich wieder von Claudia Lepping ("Macht euch doch bitte endlich ehrlich!" [1]), sind integraler Bestandteil der durch die moralisierende Verwendung des Dopingbegriffs bereits vollzogenen Verschleierung der Verhältnisse und rütteln keinen Deut an den Maximen und Prinzipien der sportlichen wie gesellschaftlichen Leistungsorientierung - gerne auch als "naturgegeben" verabsolutiert.

Daß Kinder oder Jugendliche gar nicht in der Lage sind, die Konsequenzen ihrer sportlichen Schwerstarbeit abzuschätzen, wo ihnen doch die Erwachsenenwelt das eigene Scheitern in essentiellen Fragen mit hohem sozialen Verdrängungsaufwand ständig schönerklärt, liegt auf der Hand. Im Wettrennen gegen die Uhr, im Zählen von Punkten, Toren, Höhen, Weiten oder Medaillen, wird nicht nur der kompetitive Vergleich objektiviert, sondern degradiert auch der Mensch zum maschinenhaften Objekt, der seine Bewegungen mit sklavischer Ergebenheit den sportartspezifischen Anforderungsschienen, Meßapparaturen und Kontrolldiktaten anzupassen versucht. Was im sozialen Vergleich als erstrebenswerter Lohn, glorreicher Sieg oder rauschhafter Erfolg erscheint und gewaltige Fesselwirkungen bei den Aktiven erzeugt, fußt gewöhnlich auf einer harten Körperarbeit, die sich - ganz im mechanisch-materialistischen Sinne - am weichen, biegsamen, von den verschiedenen Professionen noch unbehauenen Sportlermaterial wesentlich effizienter vollzieht als am vielfältig überdehnten, durchnarbten und weitgehend austherapierten Körper des "Altstars".

Prof. Dr. jur. Reinhard Merkel, Ordinarius für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg, hat in einem hörenswerten Sportgespräch des Deutschlandfunks [2] dem Hochleistungssport in den nächsten Jahrzehnten "ernsthafte Existenzkrisen" vorausgesagt. Nicht etwa nur wegen des medialen Dauerbrenners "Doping", sondern weil die Grundprinzipien des Sports immer stärker in Kollision zueinander geraten. "Der erste Imperativ heißt, sei sauber und dope nicht, und der zweite heißt, gewinne eine Goldmedaille", so Merkel.

Wo nach alter Väter Sitte dem olympischen Steigerungsimperativ "citius, altius, fortius" gehuldigt wird, PolitikerInnen die Förderberechtigung von Kadersportlern knallhart an Medaillengewinnen ausrichten und Wissenschaft und Medizin in technologisch entwickelten Staaten den bis in kleinste physiologische Einzelteile zerlegten Maschinenathleten auch ohne pharmakologisches Doping zu immer höheren Leistungen treiben, können Konsensbegriffe wie "Gesundheit", "Fairplay", "Freude an Leistung", "Integrität des Sports", "Exzellenz", "Vorbildfunktion" etc. kaum noch darüber hinwegtäuschen, auf welch tönernen Füßen der moderne Hochleistungssport und seine "fundamentalen Prinzipien", wie sie etwa in der Olympischen Charta formuliert sind, stehen.

"In Rio hat man die Frage der Existenz der Spiele gestellt wegen der Dopingskandale. Aber ich sage knapp und deutlich: Auch der ungedopte Hochleistungssport kommt an die Grenzen seiner Existenzberechtigung. Und er muß darüber nachdenken, ob er nicht andere Orientierungsprinzipien findet, formulieren und vermitteln kann. Jedenfalls muß die Diskussion darüber beginnen. Auch der, salopp formuliert, saubere, ungedopte Hochleistungssport ist in sehr vielen Disziplinen extrem schädlich, wird also in seiner Hochglanzvorderseite bezahlt mit hohen Leidenskosten der Athleten, die dann in der Öffentlichkeit gerne ausgeblendet werden."

Als ehemaliger Leistungsschwimmer und Olympiateilnehmer 1968 in Mexiko weiß Reinhard Merkel, wovon er spricht. Zwar hätten zu seiner Amateursportzeit finanzielle Kalküle noch keine Rolle gespielt. Aber das habe an der Intensität der Motivation überhaupt nichts geändert. "Es gab das Ziel, Olympiasieger zu werden." Das habe nicht nur ausgereicht, relativ weit nach oben in der Weltspitze zu kommen, wie Merkel freigiebig erzählt, sondern auch, um "die finsteren Rückseiten, die der Hochleistungssport hat und die man erlebt als Sportler im täglichen Training, in Kauf zu nehmen".

Der ehemalige Jugend-Nationalmannschaftsschwimmer macht rückschauend keinen Hehl daraus, daß er das Training gehaßt und gefürchtet habe. Gleichwohl habe er keine Möglichkeit gehabt, ernsthaft darüber nachzudenken, aus der ganzen Geschichte auszusteigen. "Die Sogwirkung, die in mir programmiert war als Motivation ab dem Alter von spätestens 12 Jahren, hat mich nicht losgelassen. So etwas wie eine autonome Entscheidungsfähigkeit über das, was man da eigentlich tut, gibt es nicht." Hinzu käme, daß man eine ungeheure Investition an jugendlicher Biographie, an Energie, Lebenszeit, Leiden und Verzicht, nicht einfach ohne Ertrag wegwerfe. Gerade Hochleistungssportler, die im kindlichen Alter beginnen, würden in diese Falle geraten.

Reinhard Merkel, Mitglied im Deutschen Ethikrat, schwimmt mit seinen Aussagen zweifellos gegen den Strom der Legenden, Mythen und Heldengesänge, die nicht nur der Mediensport aus geschäftlichen Gründen in Hülle und Fülle produziert, sondern auch viele ehemalige Kadersportlerinnen und -sportler, die es sich aufgrund ihrer sozialen und beruflichen Involvierungen gar nicht leisten können, auf den Mehrwert ihrer Devotionen zu verzichten. Davor sind auch Sportphilosophen oder -ethiker nicht gefeit, obwohl sie noch am ehesten die Möglichkeit hätten, den vielzitierten "Geist des Sports" aus der Rhetorik seiner mannigfachen Heilsversprechen zu befreien, wollten sie ernsthaft aus dem institutionellen Filz der leistungsorientierten Sportwissenschaften heraustreten und sich gesellschaftskritisch in Position bringen. Damit ist allerdings nicht zu rechnen, denn die Sportorganisationen und -verbände haben ambitionierte Experten - auch der vermeintlich "unabhängigen" Art - längst in sogenannten "Ethikkommissionen" vereinnahmt, ohne daß sich grundlegend etwas an den Verhältnissen im durchökonomisierten Spitzensport und seinen inhärenten Menschenbildern geändert hätte. Zweifellos haben auch philosophische Alibikritiken sowie ethische Feigenblätter ihre Funktion im großen Sportzirkus, und so muß hinter die Kritik von Reinhard Merkel, die Sportphilosophie in Deutschland sei im internationalen Vergleich unterentwickelt und die obersten Gremien des deutschen Sports würden auf die Kompetenz von Ethikern verzichten, ein großes Fragezeichen gesetzt werden. Zumal auch in Ländern, in denen die Sportphilosophie weniger stiefmütterlich in Erscheinung tritt, sportliche Leistungsregime von geradezu massenhypnotischer Strahlkraft vorherrschen, gegen die alle philosophischen Hinterfragungen entweder wirkungslos verpuffen oder als systemstabilisierendes Integrationsmittel sogar hochwillkommen sind. Von einem kulturellen Befreiungsschlag in leistungssportaffinen Gesellschaften ist jedenfalls weit und breit nichts zu sehen.

Natürlich wäre es zu begrüßen, wenn "eine Elite weltweit hochtrainierter Philosophen", so Merkel vielleicht etwas zu schwärmerisch, dem Euphemismus vom "intelligenten Training ohne Leistungsmanipulation" auf den Zahn fühlten oder den scharfrichterlichen Naturwissenschaftlern und Kriminalisten, die im medialen Diskurs die Deutungshoheit in Devianzfragen haben, Paroli böten. Erinnert sei allerdings daran, daß es zum Beispiel im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes "Translating Doping - Doping übersetzen" (2009-2012) Geisteswissenschaftler waren, die dazu beitrugen, der globalen Sportindustrie "Schlüssel zu einer juristisch begründbaren Kontrollkultur" zu liefern, mit denen sich die elementaren Freiheitseinschränkungen von Athleten (siehe WADA-Code) rechtfertigen ließen. [3] So erklärte beispielsweise der Sportphilosoph Prof. Elk Franke (Humboldt-Uni), der sich später auch für das von zahlreichen Anwälten und Richtern abgelehnte Anti-Doping-Gesetz einsetzte, "wenn wir dopingfreien Sport aus Gründen der Ethik und des Fair Play wollen, dann ist der Sport ein verteidigungswürdiges Gut. Das wiederum gibt uns das moralische Recht, dieses Gut auch mit Einschränkungen von Persönlichkeitsrechten zu verteidigen. Damit wäre prinzipiell der Weg geebnet, dass man jedem Athleten quasi bei seinem Eintritt in die Sonderwelt des Sports abverlangen darf, dass er sich den außergewöhnlichen Regeln dieser Sonderwelt unterwirft, weil sie sonst nicht zu erhalten wäre". [4]

Solange der Erhalt dieser Sonderweltlichkeit die Entrechtung und Unterwerfung von Athleten unter z.T. körper- und schamgrenzenverletzende Kontrolldiktate voraussetzt, damit der oft ebenso körperverletzende wie -verheizende Leistungswettbewerb unter nationalen Talenteschmieden und Industriestandorten seine Berechtigung nicht verliert, kann die "Faszination des Sports", auf die Betriebsphilosophen im breiten Einvernehmen mit Eventverkäufern und Sportkonsumenten gerne abheben, nur von akademisch hoch entwickelter Betriebsblindheit zeugen.

Die Sorge vieler Sportenthusiasten, daß die Forderung in der Gesellschaft immer lauter werden könnte, die Olympischen Spiele einfach abzuschaffen, teilt nicht nur Reinhard Merkel. So kritisierte beispielsweise der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber: "Wenn sich nicht grundlegend etwas ändert, wird der internationale Sport nicht mehr die Rolle spielen können, die er in der zurückliegenden Zeit hatte." Während der Philosoph und Jurist Reinhard Merkel allerdings auf die antagonistischen Grundprinzipien des Sports sowie auf die zu Phrasen geronnenen Begriffe verweist, mit denen sich der Hochleistungssport zu legitimieren pflegt, drischt der wirtschaftsnahe Altbischof eben jenes Werte- und Fairness-Stroh, mit dem sich Politiker und Funktionäre trotz aller Anfechtungen bislang immer noch über den Berg retten können. Obwohl die von Bundesinnenministerium und DOSB ausgehandelte Spitzensportreform von geradezu hanebüchener Machart ist, auch was die pseudowissenschaftliche Bestimmung von "Medaillenpotentialen" aufgrund rechnerischer Vorhersagen betrifft (siehe Potenzial-Analysesystem PotAS) [5], kann Wolfgang Huber die Kritik am staatlich sanktionierten Medaillenzwang für Athleten nur bedingt nachvollziehen: "Wenn der Sport erwartet, dass die Politik den Spitzensport fördert und Geld für den Spitzensport einsetzt, dann muss man natürlich auch in Kauf nehmen, dass die Politik davon etwas haben will." Und da die Politik die Aufgabe habe, die Interessen Deutschlands zu fördern, fördere sie die Interessen Deutschlands "auch eben darin, dass sie sehen will, dass Deutschland im Medaillenspiegel weiter vorne steht". [6]

Huber verharmlost die Medaillenforderungen der Politik als "Maßstab", ob die Geldflüsse an den Sport auch richtig eingesetzt worden seien, und spricht von einer "Wechselwirkung", der man sich, wenn man sich darauf einlasse, auch gar nicht ganz entziehen könne. Solange evangelische Theologen, die ebenfalls "mehr ethische Verantwortung" im Sport verlangen, politische Lobby-, nationale Geltungs- und kommerzielle Profitinteressen lediglich reflektieren, statt sie im Kern zu bestreiten, muß sich der werteorientierte Hochleistungssport, der sich mit Fachleuten umgibt, die die "Integrität", "Compliance" oder "Good Governance" checken und die Probleme vor allem in der Regelbefolgungspraxis sehen, keine Sorgen um seinen Fortbestand machen. Das Wort von Prof. Reinhard Merkel, die Grundmaximen des Leistungssports müßten in 50 Jahren definitiv andere sein als "citius, altius, fortius", werden die Verbandsfunktionäre zwar zur Kenntnis nehmen, doch hören werden sie es vermutlich nicht.

Fußnoten:

[1] http://www.deutschlandfunk.de/doping-in-westdeutschland-macht-euch-doch-bitte-endlich.1346.de.html?dram:article_id=383471. 09.04.2017.

[2] http://www.deutschlandfunk.de/leistungssport-die-grundmaximen-des-leistungssports-muessen.892.de.html?dram:article_id=381659. 19.03.2017.

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/sport/meinung/spmek108.html

[4] http://www.noz.de/deutschland-welt/sport/artikel/333066/ein-konigsweg-gegen-doping-berliner-forscherteam-pladiert-fur-flachendeckende-blut-tests#gallery&0&0&333066. 03.02.2011.

[5] http://www.schattenblick.de/infopool/sport/meinung/spmek253.html.

[6] http://www.deutschlandfunk.de/wolfgang-huber-im-dlf-sportgespraech-ohne-kurswechsel.892.de.html?dram:article_id=383949. 16.04.2017.

23. April 2017


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