Schattenblick → INFOPOOL → TIERE → REPORT


INTERVIEW/043: Veganes Straßenfest - schwierige Verwandtschaft ...    Larissa van Heuvel im Gespräch (SB)



Larissa van Heuvel leitet das Streetteam von PETA ZWEI in Hamburg. Die Gruppe war auf dem 6. Veganen Straßenfest [1] auf dem Spielbudenplatz in St. Pauli mit einem Infostand präsent. Dort nahm sie gegenüber dem Schattenblick Stellung zu den Motiven und Zielen dieser Jugendorganisation.


Im Gespräch - Foto: © 2019 by Schattenblick

Larissa van Heuvel
Foto: © 2019 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Larissa, was hat dich dazu veranlaßt, bei PETA ZWEI aktiv zu werden?

Larissa van Heuvel (LvH): Ich hatte schon sehr früh mit Tierrechten zu tun. Nicht, weil mich jemand darüber informiert hätte, sondern weil ich mit drei Jahren das erste Mal auf einem Bauernhof war, und dort griffen mich Gänse an. Meine Schlußfolgerung war: Die wissen, daß ich zu Weihnachten eine Gans gegessen hatte, und jetzt wollen sie Rache. Damit hatten sie recht, und so wollte ich kein Fleisch mehr essen. Das konnte ich in diesem Alter natürlich nicht erreichen. Erst als ich elf war, habe ich es geschafft, bei meiner Mutter durchzusetzen, daß ich vegetarisch werden kann. Damit war ich dann auch zufrieden. Vegetarisch: Ich esse keine toten Tiere, für Milch muß ja auch keiner sterben, und für Eier auch nicht, sind ja praktisch Abfall.

Als dann der Trend gegen Pelzmode aufkam, fing ich an, mich dagegen zu engagieren. Die dabei aktiven Tierrechtler lebten natürlich schon vegan, so daß ich mit dem Thema konfrontiert wurde. Letztlich war es ein Video von einer Kuh, was mich dazu brachte, über den Konsum von vegetarischen Tierprodukten nachzudenken. Genaugenommen waren es die Augen dieses Kalbes, das von seiner Mutter getrennt wurde. Und seit dem Zeitpunkt, das war im November vor vier Jahren, nahm ich mir vor, ab morgen esse ich nur noch vegan. Das testete ich einen Monat, und es gab einfach kein Zurück. Ich dachte, das wäre megaschwierig, aber es war viel schwieriger gewesen, von regulär zu vegetarisch zu wechseln. Nach einem Monat war es ganz normal. Zuvor hat man immer dieselben vegetarischen Produkte gekauft, und dann waren es eben vegane Nahrungsmittel, das machte praktisch keinen Unterschied.

Ich fand es sehr wichtig, auch anderen Leuten deutlich zu machen, wie sehr die Tiere leiden. Ich fing an, an Aktionen teilzunehmen, und bin dann auch relativ schnell immer in der Leitung gelandet. Erst bei Animals United, die haben sich in Hamburg ein bißchen auseinanderdividiert, und dann bin ich zu PETA gegangen. Es gab zwei Leiter zu dem Zeitpunkt, die haben beide studiert und waren zeitlich überfordert, daher habe ich dann die Organisation des Streetteams übernommen.

SB: Warum wurde mit PETA ZWEI eine eigenständige Gruppierung innerhalb von PETA erforderlich?

LvH: Das ist zuerst in den USA entstanden. Da gibt es PETA als Dachorganisation, die ganz verschiedene Dinge tut. So verfügt PETA über ehrenamtliche Tierärzte, die Recherchen anstellen, es werden Gerichtsprozesse geführt und Kampagnen gestartet. Dazu kam PETA2 als Jugendorganisation, die auf die Straße geht, Aktionen macht und mit Jugendlichen eine andere Zielgruppe anspricht. Sie besitzt auch eine andere Corporate Identity und verwendet keine Schockbilder. Das wurde dann auch in Deutschland eingeführt, wobei hier ZWEI in Buchstaben ausgeschrieben wird, damit man es von der amerikanischen Gruppe unterscheiden kann.

SB: PETA hat in der traditionellen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung meist einen schlechten Ruf, weil zum Beispiel mit Nacktmodels gearbeitet wird, was den Vorwurf des Sexismus begründet. Wie siehst du das?

LvH: Das betrifft PETA ZWEI zum Glück nicht, aber es ist letztlich der gleiche Laden. Wir sind nicht selber PETA, wir sind freie Aktivisten, die das Material von PETA bekommen. Natürlich wird PETA am häufigsten angegriffen, weil es die älteste und die größte Tierrechtsorganisation ist, aber ja, es gibt Sexismus bei PETA, gerade in den USA, aber auch bei einigen deutschen Kampagnen.

Das ist einer von drei Standardvorwürfen, die PETA gemacht werden. Dabei gibt es einige Sachen, die ich schlüssig finde. Die Kampagne "Lieber nackt als Pelz" ist sicher sinnvoll, und wir machen auch gerne die Fleischschalen-Aktion, wo ein Mensch in hautfarbener Unterwäsche in einer gigantische Fleischschale liegt, die mit Klarsichtfolie bedeckt ist und über ein Preisschild verfügt. Das finde ich auch deshalb nicht sexistisch, weil es um eine Leiche geht. Wer eine Leiche sexy findet, hat ein anderes Problem. Diejenigen Sachen, die man als sexistisch verstehen könnte, meiden wir und sagen auch den Leuten, daß wir davon nichts halten.

Der zweite große Vorwurf ist Antisemitismus. Das basiert darauf, daß es vor ein oder zwei Jahrzehnten eine Kampagne gab, die Massentierhaltung mit dem Holocaust verglich. Das ist aber ewig her, und sie haben es eingestellt, obwohl der Vergleich ursprünglich von Überlebenden des Holocaust kam. Ich finde, die dürfen den Vergleich legitimerweise anstellen. Aber ich verstehe auch, daß sich Leute angegriffen fühlen, und deshalb machen wir ihn ja auch nicht, das ist wie gesagt Jahrzehnte her.

Vorwurf Nummer drei wäre, PETA tötet Tiere. Das basiert auf einer Webseite, die der Fleischindustrie gehört. Wenn man "Tiere suchen ein Zuhause PETA" eingibt, bekommt man ein 15minütiges Video, wo dazu Stellung genommen wird, daß das natürlich Blödsinn ist.

SB: Wie positioniert ihr euch zu sozialen Fragen wie zum Beispiel den Problemen flüchtender Menschen oder ökologischer Probleme, die häufig auch mit Tierausbeutung zu tun haben?

LvH: Wir haben Infomaterial dazu, was die Tierprodukte der Umwelt antun: Methan-Ausstoß der Tiere, die Futtermittel, Brandrodung für Weidefläche oder Soja, das als Tierfutter angebaut wird. Den größten Teil der Sojaernte verzehren ja keine Veganer, wie viele denken, sondern er landet letztlich in Tiermägen. Zu den sozialen Fragen gehört der Hunger in der Welt, auch darauf gehen wir ein. Wir sind auch in Hamburg mehrmals mit Schildern von PETA auf den Fridays for Future-Demos gewesen. Es gibt inzwischen die Organisation Vegans for Future, die sich in dieser Bewegung engagiert.

SB: Larissa, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnote:


[1] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0015.html


2. August 2019


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang