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BERICHT/044: Down to Earth - Nordsee-Rätsel (SB)


Professor Dr. Jürgen Newig über das wahrscheinliche Vorkommen kleiner Seebären und großer Tsunamis an der Nordseeküste

IGC 2012 - Weltkongreß der Geographie vom 26. bis 30. August 2012 an der Universität Köln


Sonnenuntergang am Strand von Årgab, Hvide Sande Sogn, Ringk¢bing-Skjern Kommune, Jütland, Dänemark - Foto: 2012 by Michael Gäbler via Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Am 5. Juni 1858 bei ruhiger See und schönem Wetter rollten an dieser Stelle 6 Meter hohe Wellen auf den Strand
Foto: 2012 by Michael Gäbler via Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Monsterwellen an der Nordseeküste? Fischerboote, die von Wellen auf eine Düne gesetzt wurden? Wer das hört, glaubt zunächst, in die phantastische Gedankenwelt eines Science Fiction Autors geraten zu sein. Und richtig, in dem eingängigen und angesichts des Klimageschehens hochaktuellen SF-Thriller von Frank Schätzing, "Der Schwarm" [1], in dem sich Menschen in aller Welt zunehmend Angriffen aus dem Meer ausgesetzt sehen und Wissenschaftler aufgrund dieser unerklärlichen Anomalien zu dem Schluß kommen, daß der Mensch über den Planeten, den er vermeintlich zu beherrschen glaubt, weniger weiß als über den Weltraum, wird ein solches Phänomen bereits für die Nordseeküste entworfen. Dieser Nordeuropa verwüstende Tsunami wird allerdings durch einen unterseeischen Erdrutsch vor der norwegischen Küste ausgelöst. Verantwortlich ist in diesem Fall die massenhafte Vermehrung von mutierten Tiefseewürmern, die abbauende Bakterien in Methanhydratknollen einbringen. Das Freisetzen des Methans aus dem Methanhydrat destabilisiert den Kontinentalabhang des norwegischen Schelfes und beeinflußt aufgrund des Treibhauseffekts des Methans das Weltklima. Die Menschheit ist vom Aussterben bedroht ...

Inzwischen schließen einige Klimaforscher nicht mehr aus, daß quasi im umgekehrten Sinne die zunehmende Erwärmung der Weltmeere durch den Klimawandel die Methanhydratvorkommen abtauen und eine ähnliche Bewegung von Erdmassen in Gang setzen könnte [2]. Auch andere Gründe für ungewöhnliche Flutphänomene werden nicht mehr völlig ausgeschlossen. Wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in einer Pressemitteilung bestätigt, beteiligte sich Deutschland Ende November dieses Jahres an der Tsunami-Übung NEAM-Wave 12, die erste Tsunami-Übung in Europa, die auch nationale Notfallpläne einschließen sollte [3]. In der gleichen Meldung wird aber auch beschwichtigend darauf hingewiesen, daß die Wahrscheinlichkeit für einen Tsunami an der Nordseeküste allgemein nach wie vor gering eingeschätzt wird.

Diese verharmlosende Bewertung hält Professor Dr. Jürgen Newig für eine gefährliche Unterschätzung des Problems. Er sprach auf dem Weltkongreß der Geographie 2012 in einer Sonder-Session zum Thema "HAZARD AND RISK - Earthquake and Tsunami" [Katatrophen und Risiken - Erdbeben und Tsunamis], auf der im Hinblick auf mögliche Notfallpläne und Maßnahmen zu Minderungen denkbarer Auswirkungen und Folgen von Tsunamis (Mitigation) auch historische Ereignisse zur Sprache gebracht wurden, über ein Ereignis an der Nordseeküste von 1858, das seiner Ansicht nach unbedingt als "Tsunami" klassifiziert werden müsse und sich jederzeit wiederholen könne.

Foto: © 2012 by Schattenblick

Prof. Dr. Jürgen Newig
Ein Ereignis wie das von 1858, das man als "Tsunami" klassifizieren muß, kann sich jederzeit wiederholen.
Foto: © 2012 by Schattenblick

Der geborene Sylter war durch historische Aufzeichnungen des Inselchronisten C.P. Hansen auf die Beschreibung eines Kapitäns aus Westerland sowie ähnlich lautende Schilderungen eines Zollkreuzerbesatzungsmitgliedes aus List gestoßen, die ihn stutzig werden ließen. In beiden Fällen war von beinahe spiegelglattem Wasser die Rede, in dem drei große Wellen im Abstand von einigen Stunden "mit schrecklichem Gebrüll" aufgetaucht sein sollten - Anzeichen für einen Tsunami. Wenn "Nordlichter", die dort zuhause sind, ein Wellenereignis als etwas "Besonderes" für die Nachwelt dokumentieren, sollte wohl offensichtlich mehr dahinter stecken, als die Beschreibung eines bemerkenswert starken Wellengangs. Dies setzte den Geographieprofessor der Christian-Albrechts-Universität in Kiel auf die Spur, gemeinsam mit seinem Essener Kollegen Dieter Kelletat, einem Tsunami-Experten, weitere historische Quellen und Dokumente aus Dänemark, Deutschland, Nordfrankreich, Südengland und den Niederlanden nach Hinweisen über eine außergewöhnliche Flutwelle am 5. Juni 1858 zu durchforsten und mit detektivischem Spürsinn auszuwerten.

Sehr hohe Nordseewelle - Foto: © 2008 by Detlev Rickmers mit freundlicher Genehmigung des Copyright Holders

Hohe Wellen machen noch keinen Tsunami.
Historische Aufnahme des Helgoländer Photographen Franz Schensky (* 1871 bis 1957), einem Pionier auf dem Gebiet der Schwarz-Weiß-Photographie, aus dem historischen Archiv der Familie Rickmers auf Helgoland
Foto: © 2008 by Detlev Rickmers mit freundlicher Genehmigung des Copyright Holders

Anschließend veröffentlichten die Wissenschaftler im September 2011 ihre Ergebnisse in der Zeitschrift "Journal of Coastal Research" unter dem Titel "The North Sea Tsunami of June, 5, 1858" [4]. Darin weisen die beiden u.a. nach, daß es sich bei dem "1858 Tsunami" nicht um ein lokal begrenztes Ereignis geringfügigen Ausmaßes gehandelt haben kann, sondern daß es einen Küstenstreifen von insgesamt über 1000 Kilometern von Süden (Le Havre) nach Norden (bis zur Limfjord-Region in Dänemark) betraf.

Satellitenaufnahme der Nordsee - Foto: 2006 by NASA, Satellitenaufnahme (Public Domain)

Der 1858 Nordsee-Tsunami war kein lokal begrenztes Ereignis. Er erstreckte sich von Le Havre bis zur Limfjord-Region in Dänemark.
Foto: 2006 by NASA, Satellitenaufnahme (Public Domain)

Bei sommerlich schönem Wetter in der deutschen Bucht und auf dem Kontinent wurden an verschiedenen Stellen zumeist drei bedeutend hohe Wellen mit sogenannten "Run-ups", d.h. auf den Strand auflaufend vermerkt, deren höchste Welle an der südlichen Westküste von Dänemark (Jütland) rund 6 m hoch auflief. Diese Charakteristiken konnten die beiden Wissenschaftler aus den historischen Augenzeugenberichten herauslesen. In Südwest-England und der Region des Ärmelkanals registrierte man ein Gewitter zwischen 6:30 Uhr und 8:30 Uhr, in dessen Gefolge sich auch die Welle auftürmte.

Rainer Lehfeldt sowie Ingrid Bork und andere, die sich mit der Möglichkeit von Tsunamis in der Nordsee befassen, halten solche Ausmaße für dieses Küstengebiet für unmöglich. Sie sagten 2007 unabhängig voneinander aufgrund ihrer Simulationsergebnisse bestenfalls maximal erreichbare Run-ups von 1,20 bis 1,50 Meter voraus [5]. Im Gegensatz zu ihren dänischen Kollegen gehen sie noch nicht einmal davon aus, daß solche Tsunamis zu einer Gefährdung für Menschen oder Deiche bzw. andere Küstenschutzanlagen werden könnten.

Bei Simulationen wird allerdings bekanntlich nur mit Daten gerechnet, die Forscher zuvor eingegeben haben. Das historische Ereignis von 1858 wurde hier aber gewiß nicht als Rechengrundlage berücksichtigt, da es nicht nachträglich vermessen werden kann. Hier könnten die Ergebnisse von Jürgen Newig und Dieter Kelletat möglicherweise einige Lücken schließen, die sie mit beeindruckender Akribie gewissermaßen deduktiv aus den historischen Aussagen ableiten konnten.

So seien auf Sylt die Wellen, die in Dünentäler gelaufen sind, in Aufzeichnungen als "hofhoch" bezeichnet worden. Höfe seien damals laut Newig zirka sechs Meter hoch gewesen. Doch nicht nur in Sylt, auch in einer dänischen Zeitung wird das Ereignis in einer Ausgabe vom 11. Juni 1858 als in der menschlichen Überlieferung niemals zuvor Dagewesenes erwähnt:

It was in calm weather, when with irresistable speed a few frightfully roaring waves rolled over the dry beach at low tide and further to the coast as high as they never have been since living memory even in a storm surge.
(aus dem mündlichen Vortrag von Prof. Jürgen Newig, auf dem IGC am 29. August 2012)
Sylt in den 1880er Jahren, Schleswig-Holstein, Deutschland - Foto: 1880er by Carl Curman (historische Aufnahme, vom Swedish National Heritage board, via flickr freigestellt)

Die See war ruhig wie hier, als plötzlich eine sechs Meter hohe Welle mit schrecklichem Gebrüll auf den Sylter Strand rollte...
Foto: um 1880 by Carl Curman (historische Aufnahme, vom Swedish National Heritage board, via flickr freigestellt)

Besonderen Wert maß der Referent der Fallstudie Årgab zu. Seinen Recherchen nach muß am Holmsland Klit, der Landzunge des Ringkoebing Fjords in der Nähe von Hvide Sande in Dänemark, der Tsunami seinen höchsten Stand erreicht haben. Årgab ist ein kleines Fischerdorf dort in der Nähe. Von diesem Standort und von Blavands Huk, einer etwas weiter südlich gelegenen Landspitze in der Nähe der bekannteren Stadt Esbjerg, erhielten die Forscher aus historischen Aufzeichnungen ergiebige Hinweise für ihre Arbeit: Danach betrug der normale Tidenhub in Årgab etwa einen Meter. Am 5. Juni 1858 habe man darüber hinaus kaum Wellengang und ruhige See gemeldet, so daß jedes größere Wellenereignis vor diesem Hintergrund zur Kenntnis genommen werden konnte.

Fischerkutter an einem Steg, im Hintergrund Dünen - Foto: 2006 by Wolfram Dittner (wdittner) via amio (CC BY-ND 3.0)

Fischerboote im Hafen Hvide Sande, Dänemark
Jürgen Newig zufolge hatte der Tsunami von 1858 hier den höchsten Stand.
Foto: 2006 by Wolfram Dittner (wdittner) via Panoramio (CC BY-ND 3.0)

Fischer gaben dort zu Protokoll, daß sie ihre Boote nachmittags auf dem Strand festgemacht hatten. Um etwa vier Uhr, als sie gerade durch die Dünen nach Hause gehen wollten, hörten sie ein starkes Geräusch von der See her. Als sie zurückliefen, mochten sie ihren Augen nicht trauen. Die Flut war über die Dünen geschlagen. Das Fischerboot eines Augenzeugen, das er gerade am Strand vertäut hatte, war, wie auch das seines Nachbarn, auf die Dünen heraufgetragen worden. Laut Aussagen der Fischer war das Wasser um 20 Fuß gestiegen, also 6 Meter.

In zwei Küstenabschnitten wurden jeweils drei große Wellen gesichtet, die von West/Nordwest kamen, vor der Küste brachen und laut Augenzeugen in Nord-Südrichtung so breit gewesen sein sollen, daß man ihre äußere Begrenzung nicht mit bloßem Auge sehen konnte. Daraus könne man laut Prof. Newig schließen, daß ihre Ausdehnung mehrere Kilometer betragen haben muß.

Hütten und Häuser in den Dünen versteckt - Foto: 2012 by Gustav195 via Geolocation (CC BY 3.0)

Årgab
Das Wasser war laut Aussagen der Fischer um 20 Fuß, also 6 Meter, gestiegen. Das reicht, um ein Fischerboot auf die Düne zu setzen.
Foto: 2012 by Gustav195 via Geolocation (CC BY 3.0)

An dem Tag waren aber noch weitere Boote draußen. Eines soll sich etwa drei Meilen vor der Küste befunden haben. Dort verspürte man von der Welle nichts. Das zweite Boot war nur eine Viertelmeile von der Küste entfernt. Dieses Boot trieb auf der Welle und war so hoch, daß die Besatzung anschließend zu Protokoll gab, sie habe die Kornfelder hinter den Dünen gesehen. Das hatte zuvor noch keiner dieser Männer erlebt.

Darüber hinaus gab das Sylter Archiv noch weitere indirekte Beweise her. Dort ist beispielsweise vermerkt, daß eine Fischerfrau Hilfe suchte, um das Boot ihres Ehemanns von den Dünen herunterzubringen. Der Fischer selbst gab an, daß die zweite und dritte Woge des Wellenbündels sein Boot noch weiter auf die Düne gehoben hätten als die erste. Auf Wangerooge seien von den Wellen getroffene Kinder "halbtot" vom Strand geborgen worden, auf Helgoland hätten Fische putzende Frauen durch Flucht gerade noch ihr Leben retten können.

Für Jürgen Newig sei aufgrund des gesammelten Materials eindeutig belegt, daß es sich bei dem Ereignis um einen Tsunami gehandelt haben muß und nicht um eine Sturmflut, die gewöhnlicherweise von mindestens 2.000 Wellenbergen begleitet würde. Hier war das Wetter gut, die See ruhig. Das kurze Ereignis von nur ein paar Wellen zeuge ebenso für einen Tsunami wie die langen, isolierten Wellenzüge, die darüber hinaus mit großer Wucht den Meeresboden umgepflügt hätten und eine gewaltige Menge Sediment auf das Land schleuderten, an einigen Stellen sogar lebende Fische.

Zwar sehe er und Dieter Kelletat mit ihrer Studie die Existenz eines Tsunamis am 5. Juni 1858 als erwiesen an, an den möglichen Ursachen würden sie allerdings noch forschen.

Sturmflutwelle trifft Häuserfront auf Helgoland - Foto: © 2008 by Detlev Rickmers mit freundlicher Genehmigung des Copyright Holders

Sturmfluten wie diese auf Helgoland werden von zahllosen Wellenbergen begleitet.
Historische Aufnahme des Helgoländer Photographen Franz Schensky (* 1871 bis 1957), einem Pionier auf dem Gebiet der Schwarz-Weiß-Photographie, aus dem historischen Archiv der Familie Rickmers auf Helgoland
Foto: © 2008 by Detlev Rickmers mit freundlicher Genehmigung des Copyright Holders

Einen Meteoriten könne man jedenfalls als Ursache ausschließen. Auch gäbe es zu diesem Zeitpunkt keine Hinweise für ein größeres Erdbeben wie 2004 im Indischen Ozean, so daß man auch seismische Ursachen ausschließen könne. Darüber hinaus wurde eine Hangrutschung z.B. an den Kanaren als Möglichkeit diskutiert.

Als eine weitere Ursache kommen meteorologische Bedingungen, z.B. Luftdruckschwankungen, insbesondere Luftdruckabfall in einem Tief und damit verbundener ansteigender Meeresspiegel in Frage, wie sie nach einem im "British Geological Survey" dokumentierten, meteorologischen Mini-Tsunami am 27. Juni 2011 [6] an der englischen Südküste und der französischen Atlantikküste bis nach Spanien hin auftraten. Als dieses Ereignis stattfand, war der Artikel von Newig und Kelletat bereits im Druck.

Der betroffene Küstenstreifen hat in etwa die Ausdehnung wie das von Jürgen Newig und Dieter Kelletat untersuchte Szenario von 1858, allerdings sind die Wellenzüge 2011 nur wenige Dezimeter hoch gewesen. Das ist zwar noch weit entfernt von den Wellenhöhen, wie sie 1858 beobachtet wurden, denkbar wäre jedoch, daß in diesem Fall plötzliche Winde und Windrichtungsdrehungen, wie sie besonders bei Gewitterstürmen stattfinden, zu einer Aufschaukelung beigetragen haben könnten.

Prof. Newig schlug daher vor, daß die künftige Tsunami-Forschung sich stärker auf die Untersuchung des Luftkissens zwischen Meer und Küste konzentrieren solle. Er gehe davon aus, daß es auch in Zukunft Tsunamis verschiedener Ursache in der Nordsee geben wird, wie sie auch in Norwegen im Laufe der Jahrtausende nachgewiesen wurden. Auf eine Frage des Schattenblicks, ob meteorologische Tsunamis in der Wissenschaft inzwischen stärker wahrgenommen würden, erklärte der Referent, daß sowohl in Hamburg, am Deutschen Seewetteramt wie auch am Meteorologischen Institut inzwischen einigen Möglichkeiten nachgegangen würde, welche Kräfte meteorologische Energie entfalten können und ob diese dazu in der Lage seien, ein solches Ereignis hervorzurufen. Er wolle jedoch den Ergebnissen nicht vorgreifen, weil diese Forschung erst begonnen habe.

In zahlreichen Interviews, die der Forscher seither gegeben hat, warnt er davor, daß eine solche Welle jederzeit erneut auf die Nordseeküste treffen könnte, auch wenn das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) anderes erklärt. Laut BSH-eigenen Modellversuchen sei die Nordsee an den fraglichen Stellen so flach, daß durch den Reibungsverlust am Meeresboden von einer Welle nicht viel übrig bleiben könne.

Jürgen Newig hält diese Modellvorstellung für nicht ausreichend, denn auch der verheerende Tsunami 2004 im Indischen Ozean, der überhaupt erst zu den heutigen Forschungsanstrengungen geführt hat, um etwas ähnliches in Zukunft zu verhindern, fand wie der von 1858 vor einer flachen Küste statt ...

Prof. Dr. Jürgen Newig - Foto: © 2012 by Schattenblick

'Dieser ganze Komplex des Tsunamis von 1858 ist der deutschen Forschung bisher völlig entgangen.'
Foto: © 2012 by Schattenblick


Interview mit Professor Jürgen Newig im Anschluß an seinen Vortrag

Schattenblick (SB): Kann Ihrer Ansicht nach die Rekonstruktion von lange zurückliegenden Ereignissen aus historischen Aufzeichnungen unter den heutigen, veränderten Bedingungen noch relevant sein?

Prof. Dr. Jürgen Newig (JN): Das ist grundsätzlich eine Frage der Risikoabschätzung. In Deutschland ist man darin, meines Erachtens, etwas zu leichtfertig. Die Gefahr wird nicht erkannt, weil man sich auf eine Modellierung verläßt, aus der sich 1,20 Meter bis maximal 1,50 Meter hohe Wellen ergeben, die natürlich keinen Handlungsbedarf erfordern. Die Dänen kommen in ihrer Risikostudie für ganz Jütland, das auch Nordfriesland einschließt, zu einem anderen Ergebnis. Sie gehen davon aus, daß einmal in hundert Jahren ein Ereignis stattfindet, bei dem Wellen von 4 bis 5 Metern Höhe erreicht werden können und einmal in tausend Jahren ein katastrophales Ereignis, ganz gleich welchen Ursprungs. Dort gehen sie in ihrer Risikoeinschätzung bereits viel weiter und sprechen auch ganz klar aus, daß an einem schönen Sommertag eine Gefahr für die Menschen am Strand besteht, während wir hierzulande von einer ähnlich pragmatischen Einschätzung noch weit entfernt sind.

SB: Sie sprachen gerade davon, daß Luftdruckschwankungen, also ein Zusammenwirken von Hochs und Tiefs, kleine Tsunamis auslösen können. Würden Sie uns diesen Einfluß des Wetters noch etwas genauer erläutern?

JN: Bisher ist dieser Zusammenhang nur bei kleineren Ereignissen, die man an der Küste mit Seebären bezeichnet, beobachtet worden. Die kommen sowohl an der Nordsee als auch an der Ostsee vor. Auf Sylt, wo ich mich besonders gut auskenne und auch die Presseberichte verfolge, sind zum Beispiel in den letzten 50 Jahren mindestens drei solcher Ereignisse registriert worden, während derer beispielsweise mitten in der Nacht Strandkörbe an die Dünen gespült und ein größerer Sachverlust beklagt wurde. Gott sei Dank ist bisher am Tage nichts Entscheidendes passiert. Es gab allerdings durchaus schon Badeunfälle, die man noch einmal aufrollen und genauer untersuchen sollte, bei denen nicht ausgeschlossen ist, daß dabei möglicherweise eine solche Seebär-Situation eine Rolle gespielt haben könnte. Das hat oft juristische Konsequenzen, beispielsweise in einem Prozeß, in dem die Aufsichtspflicht eines Rettungsschwimmers und seiner Begleitkräfte eine Rolle spielt. Wenn sich zum fraglichen Zeitpunkt nachweislich ein Tsunami, Mini-Tsunami bzw. Seebär ereignet hat, ist natürlich die Schuldfrage anders zu bewerten, als wenn etwas unter normalen Umständen stattgefunden hat.

SB: Könnten Sie sich vorstellen, daß es im Zuge des Klimawandels neben einer Verstärkung der Extremwetterereignisse häufiger zu solchen Seebär-Situationen kommen könnte und wären dann auch kräftigere Seebären oder möglicherweise sogar Tsunamis an der deutschen Nordseeküste nicht mehr auszuschließen?

JN: Ja, das ist alles durchaus denkbar. Wir überlegen bereits, ob diese meteorologischen Kräfte eventuell tatsächlich ausreichen, um größere Tsunamis mit Wellenaufläufen von mehreren Metern Höhe zu erzeugen. Das soll jetzt in der nächsten Zeit untersucht werden, da stehen wir aber wirklich erst am Anfang. Natürlich ist das eine sehr wichtige Fragestellung, weil wir zahlreiche Augenzeugenberichte besitzen, die auf Gewitter und ihre meteorologischen Erscheinungen, wie Starkregen, elektrostatische Aufladung und Winddrehungen hindeuten. Vor allem aber finden dabei plötzliche, starke Luftdruckschwankungen statt. Aber all das ist bisher überhaupt noch nicht im einzelnen untersucht worden.

SB: Könnte es in diesem Zusammenhang sein, daß auch noch andere Dinge in dem von Ihnen erwähnten Luftkissen vor der Küste oder auch in der Atmosphäre eine Rolle spielen, etwa das Ozonloch? Könnte so etwas dazu beitragen, daß sich die Luftverhältnisse zugunsten dieser Unterschiede und Schwankungen verändern?

JN: Also einen Zusammenhang mit dem Ozonloch herzustellen, ist wirklich sehr weit hergeholt. Es geht praktisch nur um die fortschreitende Erwärmung. Die wird sehr gut dokumentiert und natürlich gibt es dafür eine Reihe von unterschiedlichen Ursachen. Hier mag auch das Ozonloch eine Rolle spielen, aber für die Tsunami-Entwicklung ist das sicherlich von minderer Bedeutung.

SB: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist man trotz der Beobachtungen von 1858 bisher immer nur von maximal 1,5 Meter hohen Wellen ausgegangen, die ein Seebär oder ein Tsunami an der Nordsee erreichen kann ...

JN: Genau. Das ist eine rein theoretische Modellierung, die in der Zeitschrift "Die Küste" [5] vor einigen Jahren nach dem großen Tsunami 2004 in Südostasien veröffentlicht wurde. Nach diesem Ereignis haben die Regierungen erstmals reagiert und entsprechende Anweisungen an die zuständigen Institutionen gegeben, doch mal zu überlegen, ob das nicht auch bei uns passieren könnte. Anders als in Dänemark hat man hierzulande allerdings nur eine einzige Welle modelliert, die von Schottland kommt und sich dann immer stärker abschwächt. Auf diese Weise entstand ein sehr beruhigendes Ergebnis, daß praktisch nicht mehr als eine leichte Sturmflut dabei entstehen könnte und deswegen auch keine besonderen Vorkehrungen zu treffen seien.

SB: Wurden denn die bereits nachweislich dokumentierten, historischen Wellenberge von über sechs Metern nicht in diese Berechnungen oder Simulationen mit einbezogen?

JN: Nein, das ging nicht in die Berechnungen ein. Dieser ganze Komplex des Tsunamis von 1858 ist der deutschen Forschung bisher völlig entgangen.

SB: Herr Prof. Newig, haben Sie herzlichen Dank.

Leuchtturm hinter den Wellen Westjütland - Foto: 2012 by Christian Dirksen via Geolocation (CC BY-ND 3.0)

Daß es im Zuge einer Verstärkung der Extremwetterereignisse auch zu Tsunamis an der deutschen Nordseeküste kommen kann, hält Prof. Newig für durchaus denkbar.
Foto: 2012 by Christian Dirksen via Geolocation (CC BY-ND 3.0)

Anmerkungen:
[1] Schätzings Science Fiction Thriller war 2004 bereits über ein halbes Jahr auf den Bestseller-Listen, als im Dezember tatsächlich der Tsunami im Indischen Ozean an seinen Küsten in Thailand, in Indonesien, auf den Malediven große Verwüstung anrichtete und über 230.000 Tote forderte.

[2] In einem Interview mit dem Schattenblick hielt Prof. Rüdiger Gerdes einen solchen Effekt durch die Klimaerwärmung für denkbar, siehe auch:

http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0034.html

Der Permafrostexperte Dr. Torsten Sachs sah hier im einzelnen noch Forschungsbedarf, da es viele Gründe für derartige submarine Abrutsche geben könne.

http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0037.html

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/fakten/ufam0175.html

[4] Abgesehen von einem Zitat von Richard Edmonds von 1862 aus dem Buch: "The Land's end district: It's Antiquities, National History, National Phenomena and Scenery. J. Russel Smith, London, Chapter X. Extraordinary Agitations of Sea and Earthquake- shocks; Chapter XI. Remarkable Facts Connected with Earthquakes; Chapter XII. Periodicities in Earthquakes and Remarkable States of the Atmosphere; Pages 76-135." ist die Veröffentlichung von Newig und Kelletat die einzige weitere Referenz im offiziellen Eintrag des Tsunami Ereignisses im National Geophysical Data Center (NGDC) und National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA).

[5] siehe auch: Lehfeldt, Rainer; Milbradt, Peter; Plüss, Andreas; Schüttrumpf, Holger; "Propagation of a Tsunami-Wave in the North Sea" - Ausbreitung einer Tsunami-Welle in der Nordsee, Artikel aus der Zeitschrift: Die Küste, Nr.72, 2007, Seite 105-123, ISSN: 0452-7739, Standort in der IRB-Bibliothek: IRB Z 1197

und:

Ingrid Bork, Stephan Dick, Eckhard Kleine und Sylvin H. Müller Navarra, "Tsunami - Untersuchungen für die deutsche Nordseeküste" aus der Zeitschrift: Die Küste, Nr.72, 2007, Seite 65-103, ISSN 0452-7739

http://www.irb.fraunhofer.de/literaturbeschaffung.jsp?id=2008079005451&from=rss

[6] Eine Vorstellung von der Größenordnung des meteorologischen Mini-Tsunamis vom 27. Juni 2011 kann man in einem kleinen Film gewinnen, der auf der folgenden Webseite einzusehen ist:

http://erbeben-earthquake-terremoto.blogspot.de/2011/06/tide-run-yealm- 27-june-2011.html#!/2011/06/tide-run-yealm-27-june-2011.html

Weitere Berichte und Interviews zum Weltkongreß der Geographie 2012 in Köln finden Sie, jeweils versehen mit dem kategorischen Titel "Down to Earth", unter
INFOPOOL → UMWELT → REPORT → BERICHT und
INFOPOOL → UMWELT → REPORT → INTERVIEW.

11. Dezember 2012