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INTERVIEW/097: Klimaschutz, Klimarat, Bilanzen - Emissionen an die Kette, Dr. Felix Creutzig im Gespräch (SB)


Science & Policy: Exploring Climate Solutions

Gemeinsame Veranstaltung des IPCC, der Technischen Universität Berlin und der Stiftung Mercator zur ersten öffentlichen Präsentation der Ergebnisse der AG III zum 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats, am 14. April 2014

Dr. Felix Creutzig über verkehrstechnische Beiträge, um Emissionen zu verringern



Seit Sommer 2010 arbeiten die Autorenteams unter Leitung der Vorsitzenden der Arbeitsgruppen an dem 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats. Fast 10.000 Studien wurden allein von der Arbeitsgruppe III für ihren Beitrag ausgewertet, nahezu 1.200 Entwicklungsszenarien analysiert. Der Befund des dritten Teilberichts mit der in der Woche davor Satz für Satz von den Regierungsdelegationen verabschiedeten Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger wurde am Sonntag, den 13. April 2014 in Berlin vorgestellt und fällt dramatischer aus denn je: Die Folgen des Klimawandels werden gewaltiger und sie werden die Welt früher treffen!

Laut Ottmar Edenhofer [1] sei nun klar belegt, daß viele der derzeit beobachtbaren Klimaänderungen auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und auf die Abholzung zurückgehen. Der Energiesektor müsse praktisch völlig dekarbonisiert werden und das sei gerade im Transportsektor am schwierigsten. Neben dem Agrar- und Forstsektor, mit besonderem Augenmerk auf Länder wie Brasilien oder Indonesien, müßten jedoch auch die Themen "Stadt" und "Infrastruktur" stärker in den Blick genommen werden. [2]

Schaubild während des Vortrags von Prof. Dr. Chris Field (Ko-Vorsitzender der WG II, IPCC) zeigt ein Beispiel für begrünte Hochhausdächer in den Metropolen - Foto: © 2014 by Schattenblick

Die Welt wird wärmer, aber bunter.
Tenor der Abschlußveranstaltung des IPCC,'Science & Policy: Exploring Climate Solutions': Klimaschutz findet bereits statt
Foto: © 2014 by Schattenblick

Im Vergleich zum 4. Sachstandsbericht von 2007 bietet der neue Bericht hierfür ein eigenes Kapitel zur Stadtentwicklung und zum Gebäudebereich an. Danach sind städtische Gebiete heute für mehr als die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich, bis 2050 wird die städtische Bevölkerung weiter wachsen - und mit ihr die Atmosphärenlast. Die offizielle Botschaft der Wissenschaft ist jedoch, keine Panik aufkommen zu lassen: Mit einer konzertierten Aktion und großen Anstrengungen, so das Credo aus Sicht der Wissenschaft, können wir das Zwei-Grad-Ziel immer noch schaffen, und die Erderwärmung auf einem erträglichen Level halten.

Doch welche gesellschaftlichen Veränderungen werden dabei vorausgesetzt, um nur einigen Forderungen der Wissenschaft wie die energetische Sanierung des gesamten Gebäudebestandes, den stärkeren Einsatz regenerativer Energien oder der Einführung von Energieeffizienzstandards im Baurecht politisch nachzukommen. Oder wie lassen sich scheinbar einfache und schlüssige Empfehlungen des Weltklimarats wie der Wechsel zu anderen Verkehrsmitteln und Änderungen in der Stadtentwicklung, die den Anteil von Fahrrad- und Fußgängerverkehr steigen lassen, letztlich auch praktisch durchsetzen?

Einer der Wissenschaftler, die an dem Bericht mitgearbeitet haben, ist Dr. Felix Creutzig. Er ist im Mercator-Institut für Global Commons and Climate Change tätig, an dem er die Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport leitet, ist Leitautor des Fünften IPCC Sachstandsberichtes (Kapitel 8) und war darüber hinaus Leitautor im Global Energy Assessment des IIASA. Sein Beitrag zum IPCC-Bericht betrifft vor allem die Sektoren Transport und Bioenergie, wo er die Kommission leitete, sowie die Treibhausemission von Städten. Im Rahmen des feierlichen Empfangs nach der ersten offiziellen Präsentation des Berichts am 14. April 2014 im Audimax der TU Berlin im Lichthof des Hauptgebäudes der Technischen Universität, wo der Schattenblick ihn traf, war er bereit, noch einige Fragen zu beantworten.

Foto: © 2014 by Schattenblick

'Wie schaffen wir es, daß die Waschmaschine dann angeht, wenn gerade viel Wind weht? - Wenn wir uns um solche Fragen kümmern, sind wir auf dem richtigen Weg'.
Dr. Felix Creutzig
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Wissenschaftler, Politiker, selbst Unternehmer sind mehrheitlich der Ansicht, daß dringend etwas gegen die globale Erwärmung unternommen werden müßte. Warum klappt es dennoch nicht mit dem Klimaschutz?

Felix Creutzig (FC): Für den Klimaschutz müssen viele verschiedene Aspekte zusammenkommen. Wir brauchen die Technologien, wir brauchen die Systemveränderung, daß die Technologien ineinandergreifen können, wir brauchen auch Maßnahmen, die verhindern, daß die falschen Technologien angewendet werden. Und dann brauchen wir Verhaltensänderungen und anders ausgebildete Infrastrukturen. Viele dieser Bestandteile gibt es mittlerweile schon. Man denke an die erneuerbaren Energien und auch an Ansätze zu anderen Verhaltensmustern. Zum Beispiel das Car-Sharing, das in Berlin ja sehr populär ist, wo viel weniger Autos pro Person gebraucht werden und damit insgesamt auch weniger CO2 im Automobilverkehr ausgestoßen wird. Es gibt zwar bereits viele Bestandteile, aber sie reichen derzeit noch nicht aus. Es fehlt das komplette Ineinandergreifen, wofür noch letzte Komponenten ergänzt werden müssen, vor allen Dingen, daß die CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken eingeschränkt werden. Solange das nicht geschieht, helfen andere Maßnahmen auch nicht.

SB: Sie haben bei Ihrer Arbeit für das IPCC das Kapitel 8 zum "Transport" geleitet. Was ist dabei für Sie das wichtigste Ergebnis gewesen?

FC: Wir haben festgestellt, daß gerade im städtischen Transportverkehr viel mehr eingespart werden kann, als man vorher gedacht hat. Im Jahr 2050 können im Vergleich zu heute die CO2-Emissionen im Transportverkehr um 20 bis 50 Prozent reduziert werden durch Maßnahmen wie den Wechsel zu anderen Verkehrsträgern, bessere Stadtplanung, Einschränkung des Autoverkehrs durch zum Beispiel Parkgebühren und auch andere Verhaltensweisen. Es können spezielle Sachen sein, wie zum Beispiel Fahrradschnellstraßen, die dazu beitragen, daß tatsächlich Städte einen signifikanten Teil ihrer CO2-Emission einsparen.

Foto: © 2012 by Schattenblick

Die Städte, schon bereit für neue Infrastruktur?
Leihfahrräder unter der Fußgängerbrücke Hamburg Dammtor
Foto: © 2012 by Schattenblick

SB: Was halten Sie von der Idee, den öffentlichen Nahverkehr vollständig kostenlos anzubieten, wie das ja in einigen wenigen Städten gemacht wurde oder gemacht wird?

FC: Meines Erachtens geht es beim öffentlichen Nahverkehr vor allen Dingen darum, daß die Systemgeschwindigkeit insgesamt hoch genug ist, daß also eine hohe Frequenz an Bussen, Straßenbahnen, U-Bahnen angeboten und es auf diese Weise komfortabel wird, Verkehrsmittel zu benutzen. Umsonst kann gut sein, muß aber nicht, ich persönlich bin kein großer Fan davon. Wichtiger ist meines Erachtens, die Preise für den Autoverkehr zu erhöhen, Parkgebühren vor allen Dingen.

SB: Über welche Frage wurde in Ihrer Arbeitsgruppe "am kontroversesten" diskutiert, was den Transportbereich betrifft?

FC: Es gab nicht so viele Kontroversen. Die Frage zum Beispiel, was es für die Stadtgeschichte bedeutet, darf man auch nicht überbewerten. Wir haben darüber diskutiert, wie wichtig die Entwicklung des städtischen Transports ist, weil nämlich alternativ viel mehr geflogen würde und Fliegen extrem CO2-intensiv ist. Dabei werden sehr viel Stratosphärengase ausgestoßen und die Emissionskurve wächst dann stark an. Das heißt, wir können optimistisch sein, was den Stadtverkehr betrifft, aber nicht über den Flugverkehr. Wir haben sozusagen zwei verschiedene Geschichten.

SB: Sind Sie für eine Besteuerung des Flugbenzins?

FC: Aus einer Klimaschutzperspektive ist das Flugbenzin viel zu billig. Mit einer Steuer könnten auch Einnahmen generiert werden, die wiederum der Allgemeinheit zu Gute kommen können, etwa in Form verbesserter regionaler Mobilität.

SB: Wie findet der Austausch zwischen den Arbeitsgruppen für den IPCC-Bericht statt? Treffen sich die Wissenschaftler aus den verschiedenen Ländern und Institutionen oder vernetzen sie sich?

FC: Wir haben bestimmt alle zusammen über eine Million E-Mails geschrieben. Da gibt es 225 Leitautoren und noch viele andere Beteiligte. Es war insgesamt ein sehr großer Koordinationsaufwand damit verbunden, auch Skype-Gespräche, also Video-Gespräche, und wir haben uns drei- oder viermal getroffen, um uns eine Woche lang zu koordinieren. Dadurch, daß wir uns persönlich kennengelernt haben, wissen wir nun besser, wie die anderen organisiert sind und wie sie mit kritischen Themen umgehen.

SB: Muß in der Gruppe ein Konsens gefunden werden oder können sich kontroverse Positionen durchaus auch bis in den Abschlußbericht durchtragen?

FC: Ja, ganz klar. Bei einigen Themen gibt es keinen Konsens und dann gibt es auch in dem Abschlußbericht die Aussage, daß dieser Themenbereich kontrovers diskutiert und nicht eindeutig gelöst wurde. Das gilt zum Beispiel bei der Bioenergie für die Einschätzung der Emission, die mit bestimmten Bioenergie-Pflanzen einhergeht. Wo, je nachdem, welche Effekte man betrachtet, andere Einschätzungen vorliegen.

SB: Werden auch solche Konflikte wie die mit der Vermaisung der Landschaft diskutiert? Fließen die aktuellen Diskurse zum Beispiel der Umweltverbände mit in den Bericht ein?

FC: Wir sagen das zwar nicht explizit, aber man kann aus den Zahlen, die wir für verschiedene Bioenergie-Pflanzen haben, die Aussage ziehen, in Mais sollte man lieber nicht investieren, eher in andere Pflanzen.

SB: Wie bewerten Sie die Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG)? Dafür gibt es ja einigen Zuspruch aus der Industrie, aber von den Umweltverbänden eher Kritik. Wie sieht der Klimawissenschaftler das?

FC: Ich bin kein Politiker. Ich kann und will keine Einschätzung dazu geben. Meines Erachtens ist es jetzt wichtig, daß konzeptuell weitergedacht wird. Und zwar sind wir bereits auf einer Ebene, wo die Erneuerbaren eigentlich auf einem guten Pfad sind, und der kritische Punkt darin besteht, daß die Treibhausgasemissionen aus Kohlekraftwerken nicht genug besteuert werden, das heißt, der CO2-Preis nicht funktioniert. Das ist das erste, das man im Auge behalten muß. Das hat nichts mit dem Erneuerbare Energien Gesetz zu tun. Und dann geht es darum, systemisch zu integrieren: Wie kriegen wir die fluktuierenden Energieträger wie Wind und Sonne in ein Netz, mit dem wir einen Großteil der Energie aus diesen Energieträgern gewinnen. Es geht um Speicherung, es geht um Netze, es geht um Integration zwischen den verschiedenen Ländern und es geht um die Nachfrage-Seite. Also, wie schaffen wir es, daß die Waschmaschine dann angeht, wenn gerade viel Wind weht? Wenn wir vor allen Dingen diese Fragen angehen, dann sind wir auf einem guten Weg und dann ist das Erneuerbare Energien Gesetz auch nicht so wichtig.

SB: Haben Sie angesichts der bisherigen Resonanz auf die IPCC Berichte die Hoffnung, daß die Politik diesen fünften Sachstandsbericht auf eine Weise berücksichtigt, wie sie eigentlich auch schon von den Wissenschaften angemahnt wurde?

FC: Die Frage ist wohl, wie gesellschaftliche Veränderungen funktionieren. Ob die auch von der Politik ausgehen, würde ich bezweifeln. Ich denke, daß die entscheidenden Veränderungen aus der Gesellschaft selbst hervorgehen und daß die Politik irgendwann reagiert. Da sind wir nicht in einem so schlechten Zustand, es gibt so viele Veränderungen, die gerade von Bürgern angeregt werden und die die Politik aufgreifen wird. Da bin ich zuversichtlich. Es wird an einigen Stellen zum Umschwung kommen, wo sich vieles verändern wird. Ob das ausreicht, den Klimawandel wirklich zu vermeiden, weiß ich nicht, bin aber optimistisch, daß es prinzipiell positive Veränderungen geben wird.

SB: Sie lehren auch im universitären Bereich. Kommen jetzt schon Personen in den Wissenschaftbereich, die von ihrer Herkunft her ursprünglich vielleicht Klimaaktivisten und zum Beispiel in Klima-Camps oder bei Sitzblockaden aktiv waren? Hat das schon Eingang gefunden in die Wissenschaft und kommt es dadurch auch zu einer inhaltlichen Veränderung?

Eine Gruppe von Greenpeace demonstriert im Rahmen der IPCC-Abschlußveranstaltung für den Kohleausstieg. - Foto: © 2014 by Schattenblick

Klimaaktivisten an der Uni
Foto: © 2014 by Schattenblick

FC: Ja, ein eindeutiges Ja. Es gibt Doktoranden und andere, die aus dem Klimaaktivismus kommen. Das führt zu Veränderungen, auch wie die Wissenschaft funktioniert, in der Hinsicht, daß auch andere Fragen angegangen werden. Aber überraschenderweise ist das manchmal nicht so eindeutig. Manchmal kommen die entscheidenden Impulse von den in Anführungsstrichen eher "konservativeren" Wissenschaftlern, die nicht so emotional, aber analytisch auch andere innovative Lösungen sehen. Und andererseits kann auch der Klimaaktivist plötzlich zum Dogmatiker in einer Methode werden, die gar nicht gut funktioniert. Aber es ist offensichtlich gut, wenn verschiedene Arten von Menschen sich mit ihren Ideen vermischen.

SB: Im Januar dieses Jahres wurde das erste Kapitel zum fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats veröffentlicht. Mehr als 9.000 Studien flossen in den 1.535 Seiten starken Bericht ein, der mit rund 600 Diagrammen angereichert ist. Im Bericht für die Entscheidungsträger wird das alles nochmal reduziert. Droht dadurch nicht die ursprüngliche Breite der Forschung verloren zu gehen?

FC: Natürlich stehen im abschließenden Bericht nicht mehr viele Detailinformationen, die Aussagen sind eher abstrakt und auf einem anderem Level, denn es ist sehr wichtig, daß sie verstanden werden. Wichtig ist meines Erachtens aber auch, in den darunterliegenden Bericht zu gucken, weil er viele Fakten und Analysen enthält, die auch für Politiker interessant sein könnten.

SB: Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.


Fußnoten:


[1] Ottmar Edenhofer ist Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe III (WG III, IPCC) "Klimaschutz" zum 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC). Ein SB-Interview mit ihm finden sie auch hier:
INTERVIEW/096: Klimaschutz, Klimarat, Bilanzen - Der Beitrag Politik ... Prof. Ottmar Edenhofer im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0096.html

[2]Quelle: Hochschulzeitung "TU-Intern", 16. April 2014
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/menue/medien/v-menue/hochschulzeitung_tu_intern/news_detail/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=357&tx_ttnews%5BbackCat%5D=53&tx_ttnews%5BbackPid%5D=146768&cHash=17ceba5356


18. April 2014