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INTERVIEW/202: Klima, Flucht und Politik - Ansporn zum Begreifen ...    Dr. Christiane Fröhlich im Gespräch (SB)


Flucht, Migration und Sicherheit - Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Pressefrühstück des Deutschen Klima-Konsortiums am 11. Februar 2016 im Wissenschaftsforum in Berlin


Die EU-Kommission, das Bundesverteidigungsministerium, das Pentagon, die CIA und zahlreiche andere politische, militärische und geheimdienstliche Institutionen haben den Klimawandel als Vervielfältiger bestehender sozialer Spannungen ausgemacht. Der Klimawandel gefährde die nationale Sicherheit, heißt es dies- und jenseits des Atlantiks. Wenn sich das Klima stark verändere, könne das sowohl mit vermehrten Extremwetterereignissen als auch mit einer langfristigen Verschiebung der Klimazonen einhergehen. Dadurch könnten sich Millionen Menschen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen, und Staaten könnten versuchen, sich gewaltsam territoriale Vorteile zu verschaffen, lauten einige der befürchteten Bedrohungen.

Es hat den Anschein, als sei Syrien das Paradebeispiel für solch einen klimatisch bedingten Konflikt, hatte das Land doch zwischen 2006 und 2011 eine "Jahrhundertdürre" erlebt, wie es die Einheimischen sagen. Eben im Jahr 2011 brach der Aufstand gegen die Regierung Baschar al-Assads aus, und zwar ausgerechnet im Süden des Landes, wohin rund 1,5 Millionen Syrier aus dem Norden geflohen waren, nachdem ihr Vieh verendet und ihr Getreide in Folge des Wassermangels verdorrt war.


Porträt - Foto: © 2016 by Schattenblick

Dr. Christiane Fröhlich
Foto: © 2016 by Schattenblick

Dr. Christiane Fröhlich, Vertretungsprofessorin für Internationale Politik und Friedensforschung an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg sowie Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, wollte es genauer wissen, ob ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Dürre und Konfliktausbruch besteht, und ist nach Jordanien gereist, um mit Flüchtlingen aus Syrien zu sprechen. Das Resultat ihrer Befragung: Die Flüchtlinge hatten keinen Anteil am Aufstand, sie waren sogar sehr unpolitisch.

Am 11. Februar stellte die Forscherin ihre Studie im Rahmen des "Klima-Frühstücks" des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) im Wissenschaftsforum in Berlin vor. Moderiert von der DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck hielten sie und der Meteorologe Dr. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des DKK, zunächst zwei Impulsreferate und stellten sich dann den Fragen der Presse. Im Anschluß an die Veranstaltung war Dr. Fröhlich zu einem Interview mit dem Schattenblick bereit.

Schattenblick (SB): Beim Pressegespräch vorhin wurde die Frage aufgeworfen, warum Jordanien die Dürre anscheinend besser bewältigt hat als das Nachbarland Syrien. Wissen Sie, ob Jordanien zu der Zeit - so wie Syrien - bereits eine Million Flüchtlinge aufgenommen hatte?

Christiane Fröhlich (CF): Jordanien ist ein Flüchtlingsland. Es besteht zu über 50 Prozent aus palästinensischen Flüchtlingen und hat durchaus auch vor dem Syrienkrieg Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen. Inzwischen kommen vermutlich 600.000 bis 700.000 syrische Flüchtlinge hinzu, wobei die Datenlage unsicher ist. Die jordanische Regierung nennt gern auch mal höhere Zahlen und die UN dann wieder andere. Somit ist Jordanien ein Einwanderungsland, das ist überhaupt keine Frage. Ich würde jetzt aber nicht so weit gehen zu sagen, die hatten schon eine Million Flüchtlinge zum Beispiel aus dem Irak aufgenommen. Das ist für Syrien besser dokumentiert.

SB: Studien zufolge sind es nicht die Hungernden, die aus Afrika migrieren, sondern Menschen, die sich das finanziell leisten können. Würden Sie zustimmen, daß für die afrikanischen Länder die zu bewältigende Aufgabe größer ist, als wir uns das hier in Europa vielleicht vorstellen, weil dort nicht nur der Mittelstand abwandert, sondern gleichzeitig eine Armutsschicht existiert, die gar nicht flüchten kann?

CF: Sie sprechen vom Brain Drain. Das ist gerade einer der neueren Schwerpunkte der Migrationsforschung, auch speziell der Klimamigrationsforschung. Ich habe das bei meinem Vortrag auf der ersten Folie mit jenen "trap populations", eingeschlossene Bevölkerungsteile, die am verletzbarsten und nicht in der Lage sind zu migrieren, weil sie zu arm sind, beschrieben. Migration ist eine kostspielige Angelegenheit. Wenn man das hochrechnet, dann entsteht in diesen Länder ein besonderer gesellschaftlicher Druck.

Wenn die Situation so ist, daß wir nicht nur Binnenmigration von Armen, die sich internationale Migration nicht leisten können, haben, sondern wenn die Situation dann so schlimm wird, daß sich selbst die Mittelschicht nicht mehr in der Lage sieht zu bleiben und abwandert, dann haben wir in der Tat beides, dann haben wir Brain Drain und gleichzeitig eine wachsende Armutsschicht. Das ist natürlich gerade für sich noch entwickelnde Länder eine ganz große Herausforderung.

SB: In jüngster Zeit ist der Darfur-Konflikt wieder aufgeflammt. Vor einigen Jahren hat der Kulturwissenschaftler Harald Welzer das Buch "Klimakriege" [1] geschrieben und die westsudanesische Provinz Darfur war für ihn ein Paradebeispiel für einen vom Klimawandel ausgelösten Krieg. Diese These wurde in den Jahren nach Erscheinen des Buchs von der Wissenschaft in Frage gestellt. Als was sehen Sie diesen Konflikt an?

CF: Es gibt innerhalb der Klimafolgenforschung zwei Schulen. Das sind einmal diejenigen, die sehr skeptisch sind, und einmal diejenigen, die relativ offensiv sagen, Klimawandel ist ein Sicherheitsrisiko, dem wir uns stellen müssen. Harald Welzer würde ich eher den letzteren zurechnen.

Allerdings bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher, ob es überhaupt zielführend ist, so eine Diskussion zu führen. Denn am Ende haben wir reale Bedingungen, denen sich bestimmte Bevölkerungen ausgesetzt sehen. In Darfur ist die Bevölkerung einer anhaltenden Dürre ausgesetzt, in Syrien war das genauso, und so weiter. Es bringt uns nicht so wahnsinnig voran, die Diskussion immer weiter und weiter zu führen, ob das jetzt sicherheitsrelevant sei oder nicht. Statt dessen müssen wir uns fragen, was wir jetzt in dieser Situation machen. Wie helfen wir den Leuten? Das ist übrigens auch das Ziel von Friedens- und Konfliktforschung.

Über Darfur weiß ich zu wenig, um da ein abschließendes Urteil fällen zu können, aber ganz grundsätzlich müssen wir uns fragen: Was können wir als industrialisierte Welt tun, um die Situation für die Menschen vor Ort, die von einer Dürre betroffen sind, zu verbessern? Dazu gehören aber auch so unbequeme Fragen wie: Möchten wir Afrika weiter als Absatzmarkt für unsere subventionierten Agrarprodukte verwenden und gleichzeitig in Kauf nehmen, daß die lokalen Märkte sukzessive zerstört werden? Möchten wir das so weitermachen wie bisher? Weil das natürlich eine erschwerende Bedingung ist, wenn dann auch noch eine Dürre herrscht. Ich glaube, solche Fragen sollten eher ins Zentrum gerückt werden.

SB: Wie bewerten Sie die anscheinend immer beliebtere Resilienzforschung vor dem Hintergrund, daß es in der früheren Klimawissenschaft noch sehr um Mitigation, das heißt um die Vermeidung des Klimawandels gegangen war. Anschließend kam eine Phase, da wurde Adaptation, also Anpassung an den Klimawandel, betont, und jetzt ist die Resilienz, die angebliche Wehrhaftigkeit der vom Klimawandel besonders betroffenen Menschen, das Thema. Ist das die große Kapitulation vor dem Klimawandel, den man nicht mehr stoppen kann?

CF: Das ist das, was der Harald Welzer häufiger gesagt hat: Es hat in der Geschichte immer wieder Katastrophen gegeben, und wir als Gruppe sind nicht besonders gut darin, präventiv vorzugehen. Es gibt dazu inzwischen psychologische Studien, die sagen, wir seien einfach nicht so richtig verdrahtet, um wirklich präventiv zu arbeiten. Das ist natürlich die ultimative Ausrede, wenn man behauptet, daß wir das einfach gar nicht können. Welzer vertritt den Standpunkt, Not habe es immer wieder gegeben, und er fragt, warum sollten wir jetzt, nur weil wir seit 60 Jahren in Frieden und Wohlstand leben, davon ausgehen, daß das für immer so bleibe? Ich würde sagen, daß das letztlich eine Glaubensfrage ist.

SB: Kann man sagen, daß die grenzüberschreitenden Fluchtbewegungen erst nach dem militärisch erzwungenen Regime-Change in Libyen eingesetzt haben und auch erst nach Beginn der militärischen Offensive syrischer Milizen, unterstützt von ausländischen Kräften, gegen die Regierung Assads - wohingegen es in den vier Jahren der Dürre in Syrien "nur" zu Binnenflüchtlingen kam?

CF: Das stimmt, das würde ich genauso sagen: Während der Dürre gab es eine Binnenmigration und als dann die Gewalt ausbrach - am Anfang war es eine friedliche Revolution, das vergessen wir ja allzu leicht -, fand die Flucht über die Landesgrenzen hinaus statt. Die Frage, wie stark die Flucht aus Libyen mit dem ersten Einsatz der R2P-Norm [2] zusammenhängt, ist jetzt nicht mein Forschungsgebiet, aber man kann sich natürlich die Frage stellen, warum R2P in Libyen angewendet wurde, aber nicht in Syrien. Und warum dann trotzdem sehr frühzeitig gesagt wurde, Assad müsse weg. Welche Rolle hat das für die Eskalation des Konflikts gespielt? All diese Fragen muß man stellen und versuchen, sie zu beantworten.

SB: Deutschland hat in den letzten eineinhalb Jahren rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Inzwischen brennen hier täglich geplante oder bereits betriebene Flüchtlingsunterkünfte. Wenn Sie in die Zukunft schauen auf eine Erde unter dem Einfluß der globalen Erwärmung mit dem Meeresspiegelanstieg - Prognosen unter anderem von James Hansen [3] zufolge vielleicht sogar um mehrere Meter noch in diesem Jahrhundert - haben Sie da die Hoffnung, daß bei der absehbar viel größeren Zahl von Flüchtlingen in Zukunft, diese von anderen Ländern mit Wohlwollen aufgenommen werden?

CF: Ich würde mir das wünschen, aber so wie es momentan aussieht, ist es eher unwahrscheinlich. Die Stimmung war ja schon vor den großen Flüchtlingsströmen in weiten Teilen Europas negativ und jetzt kippt sie auch dort, wo sie am Anfang positiv war. Ich glaube, wir müssen uns damit auseinandersetzen, daß wir relativ lange in einer Art Land der Glückseligen gelebt und gedacht haben, wenn wir nur nicht hinschauen, müssen wir uns auch nicht damit auseinandersetzen, was in anderen Teilen der Welt stattfindet. Jetzt befinden wir uns an dem Punkt, an dem diese Illusion öffentlich zusammenbricht.

Auch die Migrationsbewegung aufgrund der Syrienkrise ist nicht von heute auf morgen passiert. Die Migration über das Mittelmeer hat ihre Wurzeln in den frühen neunziger Jahren und ist seitdem bis heute kontinuierlich angewachsen. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Grenzschützern und Migranten bzw. Schlepperbanden - einen legalen Weg nach Europa gibt es ja nicht - hat immer weiter zugenommen. Dementsprechend haben sich die Routen verändert, das sehen wir auch jetzt wieder. Insofern hätten wir uns schon viel früher damit auseinandersetzen müssen. Das wurde verpaßt, und nun können wir nicht mehr anders.

Ich würde mir wünschen, daß ein gesellschaftlicher Dialog in Deutschland, aber auch in Europa geführt und sich ganz nüchtern damit auseinandergesetzt wird, was heute die Realität ist. Die Flüchtlinge werden nicht weggehen, da können wir noch so viele Zäune bauen. Diese Menschen werden trotzdem fliehen, und dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wir damit umgehen.

SB: Meine Abschlußfrage handelt von einem ganz anderen Thema: Sie haben auch eine Vertretungsprofessur an der Bundeswehrhochschule in Hamburg inne. Worin unterscheidet sich die Arbeit dort von der an der Universität Hamburg?

CF: Das ist eine Vertretungsprofessur, die mit dem Forschungsprojekt, das ich vorher gemacht habe, nichts zu tun hat. Man hat dort andere Studenten, klar, das sind überwiegend Soldaten, die dort unterrichtet werden. Es gibt zwar immer wieder auch zivile Studenten, aber das ist eben einfach ein anderes Publikum. Ansonsten unterscheidet sich die Lehre nicht wesentlich. Die Bedingungen sind oftmals sogar besser, weil es dort kleinere Gruppen gibt und man die Studierenden über die Trimester begleitet. Man hat dort immer wieder mit den gleichen Gruppen zu tun. Aber das ist wirklich nur strukturell.

SB: Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.


Fußnoten:

[1] Harald Welzer: "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008.
Dazu eine Schattenblick-Rezension unter:
http://schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar440.html

[2] R2P steht für "Responsibility to Protect", zu deutsch: Schutzverantwortung.

[3] James Hansen, ehemaliger leitender Klimaforscher der US-Raumfahrtbehörde NASA, hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit 16 Kolleginnen und Kollegen eine Studie herausgegeben, derzufolge der Meeresspiegel bis zum Jahr 2050 um bis zu drei Meter steigen könnte.
James Hansen et. al: Ice melt, sea level rise and superstorms: evidence from paleoclimate data, climate modeling, and modern observations that global warming is highly dangerous. In: Atmospheric Chemistry and Physics Discussions, 15, 20059-20179, 2015.
http://www.atmos-chem-phys-discuss.net/15/20059/2015/acpd-15-20059-2015.pdf


Zum Pressefrühstück des Deutschen Klima-Konsortiums am 11. Februar sind bisher im Schattenblick unter INFOPOOL → UMWELT → REPORT erschienen:

BERICHT/111: Klima, Flucht und Politik - ein Glied in der Kette ... (SB)
INTERVIEW/201: Klima, Flucht und Politik - Dürre, Fluchten und Konflikte ...    Dr. Paul Becker im Gespräch (SB)

18. Februar 2016


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