Schattenblick →INFOPOOL →UNTERHALTUNG → KOCHEN

MÄRCHENKOCH - DESSERT/001: Pfirsich-Orangen-Creme (SB)


KÖNIG NICHT-NICHT


Es war einmal eine Königin, die wünschte sich zusammen mit ihrem Gemahl nichts sehnlicher als ein Kind. Doch die Jahre gingen ins Land und die Königin blieb kinderlos. Der König begann sich zu sorgen, wer nach seinem Tode das Reich erben sollte, und die Königin ward darüber so verzweifelt, daß sie nicht mehr leben wollte. So verließ sie eines Abends das Schloß, um ins Wasser zu gehen.

Nicht weit vom Schloß gab es einen See, der war so schwarz und so tief, daß man niemals wiederfand, was er einmal verschlungen hatte. Dorthin begab sich die Königin, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Als sie am Ufer stand und in die unergründliche Schwärze des Wassers blickte, war ihr auf einmal, als sähe sie in der Tiefe eine Gestalt, die noch finsterer als die Finsternis war. Und weil die Königin mit ihrem Leben abgeschlossen hatte, empfand sie keine Furcht, als aus dem dunklen Wasser eine Stimme zu ihr sprach:

"Du brauchst nicht zu verzweifeln, denn dir kann geholfen werden!"

"Wer sollte mir wohl helfen können? Denn ein Kind zu bekommen, habe ich längst keine Hoffnung mehr", entgegnete die Königin mutlos.

"Wenn du mir versprichst, daß dein erstes Kind mir gehören soll, dann wirst du noch vielen Kindern das Leben schenken", sagte die Stimme aus der schwarzen Tiefe des Sees.

Obgleich sie nicht recht glauben mochte, was die Stimme versprach, schöpfte die Königin neue Hoffnung.

"Kannst du das vollbringen, dann soll mein erstes Kind dir gehören, aber nur, wenn es kein Sohn und Thronfolger ist. Das schwöre ich bei meiner Ehre als Königin."

"So sei es denn", erklärte die unheimliche Stimme und ein eisiger Wind wehte über das Wasser, der die Königin zusammenschauern ließ. Schnell raffte sie ihr Kleid und lief zum Schloß zurück, wo man ihre Abwesenheit noch gar nicht bemerkt hatte.


*


Im Jahr darauf ließ der überglückliche König im Land die Kunde verbreiten, daß die Königin endlich guter Hoffnung war. Die Königin war nicht minder froh, daß sich ihr sehnlichster Wunsch nun bald erfüllen sollte. Längst hatte sie die Begebenheit am dunklen See vergessen. Und an einem sonnigen Frühlingstag schenkte sie einem Töchterlein das Leben. Weil das Kind aber so entzückend wie eine kleine Blume anzuschauen war, wurde es Prinzessin Anemone genannt.

Das Glück des Königspaares war erst vollkommen, als ein Jahr später der Thronerbe das Licht der Welt erblickte. Ihm gehört fortan die ganze Fürsorge der Eltern, wollten sie ihn doch gebührend darauf vorbereiten, später einmal König zu sein.

Prinzessin Anemone dagegen wurde einer Kinderfrau anvertraut und bekam ihre leiblichen Eltern nur noch selten zu Gesicht. Daher erfuhr die Königin auch nicht, daß ihr Töchterlein jede Nacht im Schlaf weinte und rief:

"Mutter, oh Mutter, du gabst ihm dein Wort,
nun kommt König Nicht-Nicht
und holt mich hier fort!"

Die Kinderfrau hatte stets alle Mühe, das verängstigt aus dem Schlaf auffahrende Kind wieder zu beruhigen. Sie brachte ihm dann seine Lieblingsspeise, eine köstlich schaumige Pfirsichcreme, und redete ihm gut zu. Im Stillen aber schrieb sie alles der blühenden Phantasie des Mädchens zu und gab daher der Königin auch nicht Bescheid. So wuchs Prinzessin Anemone heran, auch wenn sie sich des Nachts immer noch unsagbar ängstigte, sobald sich die Dunkelheit herabsenkte und wie ein gestaltloses Wesen ihre Bettstatt umschlich. Doch seit sie kein kleines Kind mehr war, sprach die Prinzessin nicht mehr darüber, aus Angst, sie könnte ausgelacht werden.


*


Es war der Geburtstag des Prinzen und überall im Schloß herrschte reges Treiben, denn am Abend sollte ein großes Laternenfest stattfinden. Überall hatte man bunte Lampions in die Bäume gehängt, die der laue Wind hin- und herschaukelte. Auch Prinzessin Anemone wandelte entzückt unter den vielfarbigen Lichtern einher und merkte gar nicht, daß sie sich immer weiter vom Schloß entfernte.

So kam es, daß sie zum ersten Mal in ihrem Leben in die Nähe jenes Sees geriet, an dem die Königin einst ihren Schwur getan. Und weil der Prinzessin bei den Vorbereitungen für das Fest heiß geworden war, tauchte sie die Arme in das Wasser, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen.

Auf einmal spürte sie, wie etwas Finsteres, namenlos Fremdes und doch unheimlich Vertrautes ihre Hände ergriff. Schreiend vor Entsetzen versuchte die Prinzessin, ihre Hände loszureißen, doch das Unbekannte hielt sie erbarmungslos fest. Die Prinzessin strampelte und tobte, so daß allerlei Volk zusammengelaufen kam, doch keiner traute sich, ihr zu Hilfe zu eilen. Erst als die Finsternis sie endlich wieder freigegeben hatte, trug man sie zum Schloß zurück.

Weil aber das schwarze Wesen aus dem Wasser für gewöhnliche Menschen unsichtbar war, meinte jeder, die Prinzessin hätte den Verstand verloren, als sie so schrecklich tobte und schrie. Und als sie ihrem besorgten Vater, der kurz darauf herbeigeeilt war, angstvoll zuflüsterte, der König Nicht-Nicht habe sie holen wollen, da glaubte auch er, sie wäre irre geworden und eine Schande für das Königshaus.

Da zog man ihr die schönen Kleider aus, steckte sie in alte Lumpen und ließ sie in einen Turm werfen, der so dicke Wände hatte, daß es draußen niemand hörte, wenn sie tobte oder schrie.


*


Da saß nun Prinzessin Anemone allein in dem finsteren Turm und weinte bitterlich. Sie fühlte sich so einsam und verlassen wie nie zuvor.

"Mir ist, als wäre ich lebendig begraben", sagte sie leise vor sich hin. "Vielleicht wäre es besser, ich wäre wirklich tot."

Da ertönte aus einer Ecke des Turms, wo es am finstersten war, eine Stimme zu ihr herüber.

"Prinzessin Anemone, du brauchst nicht zu verzweifeln, denn du bist nicht allein."

Nur einen Tag zuvor hätte die Prinzessin sich zu Tode gefürchtet, doch nun war ihr alles gleichgültig geworden und die Stimme ängstigte sie nicht mehr.

"Wenn du der Tod bist, dann komm nur herbei", erwiderte sie gleichmütig, "du schreckst mich nun nicht mehr, denn ich habe ohnehin alles verloren, was mir lieb und teuer war."

"Ich bin nicht der Tod", entgegnete die Stimme, und weil die Prinzessin ihr zum ersten Mal zuhörte anstatt sich zu fürchten, bemerkte sie, daß sie einen wunderschönen, dunkel-weichen Klang hatte. Auf einmal fühlte sie sich gar nicht mehr so allein.

"Wenn du nicht der Tod bist, wer bist du dann?" fragte sie und blickte angestrengt in das Dunkel hinein, um den zu erkennen, der zu ihr sprach. Doch sie sah nur dichte, undurchdringliche Finsternis.

"Ich bin König Nicht-Nicht, der Gestaltlose, der Namenlose. Denn ich bin all das NICHT, was du kennst oder was du dir vorzustellen vermagst. Daher bin ich auch nicht das Leben oder der Tod."

"Und was willst du von mir?"

"Deine Mutter, die Königin, hat einen Schwur getan und dich mir versprochen. Nun, da du alt genug bist, sollst du meine Gemahlin sein und mit mir herrschen über das sichtbare und das unsichtbare Reich."

"Wie kann ich deine Gemahlin sein, wenn ich dich nicht einmal sehen kann?" wunderte sich die Prinzessin.

"Was du mit deinen Augen sehen kannst, ist für mich nichts wert", entgegnete daraufhin König Nicht-Nicht. "Für mich kommt es nur darauf an, daß du mich stets in deinem Herzen bewahrst und dich nie wieder vor mir fürchtest."

"Wie könnte ich dich noch fürchten", sprach Prinzessin Anemone. "Bist du doch der einzige, der sich von mir nicht abgewandt hat in meiner Not. Wenn du bei mir bist, schreckt es mich nicht einmal mehr, den Rest meines Lebens in diesem finsteren Turm zu verbringen."

"Dann gibt mir deine Hand und schenke mir dein Vertrauen", sagte König Nicht-Nicht ernst. Die Prinzessin streckte ihre Hand aus und schloß die Augen. Als hätte ihre Seele die Nacht berührt, wurde Prinzessin Anemone von einer milden Dunkelheit durchströmt, die alle Einsamkeit, alle Verzweiflung und sogar alle Gedanken mit sich forttrug. Stattdessen war in ihr eine tiefe Liebe zu dem König, den sie noch vor gar nicht langer Zeit gefürchtet hatte wie den Tod.

"Nimm mich mit dir in dein Reich", sagte sie zu ihm. "Mich hält hier nun nichts mehr."

"Dies hier ist mein Reich", erwiderte König Nicht-Nicht und lachte leise, was wie fernes Donnergrollen klang. "Und von nun an ist es auch das deine. Geh nur und schau es dir an!"

"Wie kann ich denn umhergehen, wenn ich doch in diesem Turm eingeschlossen bin", gab Prinzessin Anemone ihm zu bedenken. Und wieder lachte der König nur.

Da erhob sich die Prinzessin und ging zu der schweren Eichentür, die man hinter ihr sorgsam verschlossen hatte. Und als sie die Hand auf den Türgriff legte, war die Tür nicht mehr als Nebel und Licht, so daß sie mühelos hindurchschreiten konnte.

Doch statt wieder ins Schloß zurückzukehren und sich ihre feinen Kleider anzuziehen, behielt Prinzessin Anemone, die jetzt eine Königin war, ihre alten Lumpen an und wohnte weiter in dem finsteren Turm. Denn an all den Dingen, die sie mit den Augen sehen konnte, lag ihr nun nichts mehr, weil ihr Herz ganz von der Liebe zu König Nicht-Nicht erfüllt war. Nur zu den armen Menschen ging sie hin, die so verzweifelt waren, wie sie einst gewesen, und brachte ihnen Pfirsichcreme und andere Leckereien und nahm Not und Elend von ihnen fort.


*


PFIRSICH-ORANGEN-CREME
(für 2-3 Personen)

5 frische Eigelb
5 EL Pfirsichsaft
4 EL Orangensaft
5 EL Zucker
2 Pfirsichhälften (aus der Dose)
2 Eiswaffeln


*


Eigelb, Pfirsichsaft, Orangensaft und Zucker in einer Metallschüssel verrühren.

Die Mischung im heißen Wasserbad mit dem Schneebesen schaumig schlagen.

Die Creme aus dem Wasserbad nehmen und noch ca. 2 Minuten weiterschlagen, so daß sie etwas dicklich wird.

Die Creme in Schälchen füllen und jeweils eine Pfirsichhälfte in die Mitte geben, mit einer Eiswaffel garnieren.


Erstveröffentlichung am 17.03.1998

25. Juli 2007