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VEGETARIERBUND/353: Guido Barth trifft Wam Kat (natürlich vegetarisch)


natürlich vegetarisch 01/10 - Winter 2010
Das VEBU Magazin

"Ich bin nie bewusst Vegetarier geworden. Ich habe einfach nie Fleisch gegessen."

Guido Barth trifft Wam Kat


WAM KAT (53) ist Niederländer und Lebenskünstler. Er stammt aus einer Künstlerfamilie und war viele Jahre als professioneller Musiker unterwegs. Wam Kat hat den Bosnienkrieg hautnah erlebt, als er dort für Schulungen in gewaltfreier Kommunikation verantwortlich war. Er hat das Kommunikationsnetzwerk "Zamir" und die Organisation "Suncokret" (Sonnenblume) aufgebaut, die mit einigen hundert Freiwilligen in bis zu 30 Flüchtlingslagern gewaltfreie Kommunikation unterrichtet und sich auch um soziale Probleme, um Nahrung und medizinische Versorgung gekümmert hat. Vor einem Vierteljahrhundert hat er das Kochkollektiv "Rampenplan" gegründet. "Rampenplan", was soviel bedeutet wie "Notstandsplan", existiert auch heute noch und bekocht Menschen bei Großdemonstrationen wie in Heiligendamm oder bei Protesten gegen Atomkraftwerke. Das können locker auch mal über 5.000 Menschen sein. "Bezahlen muss dafür niemand, jeder, der etwas isst, spendet soviel, wie er kann und für angemessen hält." Das Essen ist je nach Bedarf vegetarisch oder vegan. In Berlin kocht Wam Kat zudem gemeinsam mit einem weiteren Kochkollektiv, der "Fahrenden Gerüchteküche" und er engagiert sich für "gewaltfreie Kommunikation" in Schulen. Es war gar nicht so einfach herauszufinden, dass Wam Kat promoviert hat. Wie sich im Gespräch herausstellte, sogar gleich zweimal. Seit nunmehr 13 Jahren lebt er südlich von Berlin, in Fläming. Dort ist der Autor eines wunderbaren Kochbuches mit vielen Geschichten aus seinem spannenden Leben politisch aktiv.

FRAGE: Wam, hast du ein Lebensmotto?

WAM KAT: Ich hab ein ganz schönes Motto: Ich gehe davon aus, dass nichts funktioniert. So werde ich tausend Mal am Tag überrascht, weil eben doch hin und wieder etwas funktioniert.

FRAGE: Du warst während des Krieges im Balkan, rührt die Erkenntnis daher?

WAM KAT: Das Motto hatte ich schon vorher, aber in extremen Situationen hilft das besonders.

FRAGE: Bist du auch heute noch häufiger im Balkan?

WAM KAT: Ja, mindestens zwei- oder dreimal pro Jahr.


Vegetarischer Schauplatz Balkan

FRAGE: Was machst du dort?

WAM KAT: Ich begleite einige Projekte und kreiere neue Ideen. Ich besuche auch ältere Projekte, die heute völlig selbstständig laufen. Wir haben damals total verrückte Dinge getan. So haben wir in der von Fleisch geprägten serbischen Kultur in einem kleinen Dorf ein vegetarisches Restaurant aufgemacht. Die Menschen dort erklärten uns für völlig verrückt: vegetarisch und Balkan, das gehöre nicht zusammen, haben sie gesagt.

FRAGE: Gibt es das Restaurant noch?

WAM KAT: Das gibt es noch und es ist auch immer noch vegetarisch, sogar immer mehr vegan. Es ist eigentlich für die Leute, die da essen, eine Art Symbol geworden. Es war ja Krieg und es gab kaum etwas zu essen. Uns ging es darum, vegetarisches Essen so zu präsentieren, dass die Leute, nachdem sie dort gegessen hatten, nicht mehr das Gefühl hatten, sie hätten nichts gegessen. Gegessen zu haben, ohne das Fleisch dabei war, war gleichbedeutend damit, nicht gegessen zu haben. Gemüse war kein Essen, Gemüse war etwas, das man zu Fleisch isst. Hunger kam zu einem großen Teil aus dem Nichtessen von Fleisch.

FRAGE: Wie habt ihr das angestellt?

WAM KAT: Wenn man einen Teig aus Reis oder aus Buchweizen macht und das mit Steakkräutern schön backt, dann merkt niemand am Geschmack, dass das kein Fleisch ist. Sie haben dann beim Essen dieses gleiche Aha-Erlebnis, das sie haben, wenn sie Fleisch essen. Die sagen: "Ah, wenn ich Fleisch esse, dann habe ich dieses richtige Gefühl, dass ich was im Magen habe." Dann haben sie Buchweizen gegessen und hatten dieses Gefühl auch; obwohl sie mit Buchweizen etwas gegessen haben, dass für jeden, der es mal pur gegessen hat, ein Schreckensbild darstellt.

FRAGE: Warum bist du überhaupt in den Balkan gegangen?

WAM KAT: Ich wurde nach dem zweiten Weltkrieg geboren und wollte sehen, was Krieg genau ist.

FRAGE: Und?

WAM KAT: Ich weiß jetzt, dass Krieg jederzeit passieren kann und dass es von daher nichts Besonderes ist. Ich habe ja nicht mit der Waffe gekämpft. Ich habe unter anderem das Kommunikationsnetzwerk "Zamir" aufgebaut. So ein Computernetzwerk gab es damals ja vielerorts überhaupt noch nicht, das war 1993. Das war nachher für viele Menschen die einzige Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren.


In der Fleischfabrik

FRAGE: Du warst unter anderem Biogärtner, Sozialarbeiter, Leiter eines Jugendzentrums, Zeitungsmacher - und du hast auch mal Wurst gemacht.

WAM KAT: In einer Fleischfabrik, ja, zwei Jahre lang. Ich war am Fließband tätig, einige Monate war ich auch richtig Schlachter.

FRAGE: Wie viel Überwindung hat dich das Töten gekostet?

WAM KAT: Die ersten zwei Tage waren sehr schlimm, danach ging es. Ich fände es übrigens gut, wenn jeder Fleischesser einmal selber schlachten würde und sehen würde, was das bedeutet.

FRAGE: Es mag ja pervers erscheinen, aber wie war das bei dir in dieser Zeit mit dem Appetit auf Fleisch?

WAM KAT: Wenn das Fleisch nachher aus dem Rauchofen kam, war die Versuchung schon manchmal da. Trotzdem habe ich immer gedacht, ich weiß nicht, wie mein Körper darauf reagieren würde. Denn das ist ja etwas, das er bis heute absolut nicht kennt.


Die Küche ist das Zentrum

FRAGE: Du bist Soziologe und Psychologe. Was hat bei deiner Tätigkeit in den Kochkollektiven mit diesen Bereichen zu tun? Hat sie überhaupt etwas damit zu tun?

WAM KAT: Ja, natürlich. Das beste psychologische Behandlungszimmer ist die Küche. Das ist der einzige Ort, zu dem alle kommen und an dem keiner darüber nachdenkt, es einfach auch nicht erwartet, dass da ein Psychologe hinter dem Topf steht. Du bist Personal, du bist Koch und dem kannst du alles erzählen, wie du deiner Mutter alles erzählen kannst. Die, die in der Küche sind, kriegen informell alles mit, alle Probleme, die im Umlauf sind. Früher oder später landen alle Probleme in der Küche. Wenn da dann noch ein Mensch sitzt, der das auch verarbeiten kann, damit etwas machen kann, das ist dann noch mal ein i-Tüpfelchen, das man draufsetzen kann. Wenn man irgendwo ein Camp hat - die Küche ist der Platz, wo alle sozialen und kulturellen und andere Probleme zusammenkommen. Egal, was es ist und wie viele Leute es sind.

FRAGE: Wie kann ich mir das vorstellen?

WAM KAT: Guck dir unsere Küche an: Wenn wir für 5.000 Leute kochen, sitzen wir vielleicht mit 16 Leuten in der Küche und ganz viele, die helfen kommen, die schnibbeln kräftig und tauschen sich darüber aus, wo sie herkommen und so weiter. Die Küche, das ist der einzige Platz an dem wirklich geredet wird. In all die Diskussionsgruppen, da gibt es meist nur einem, der oder die sagt, wo es lang geht, nur in der Küche haben die Menschen tatsächlich Kontakt miteinander. Wir selber, also die 16 Leute, die fest in der Küche sind, arbeiten fast ohne Worte miteinander. Das geht, weil wir meistens schon länger zusammen arbeiten und es keinen Chef gibt, der sagt, wo es langgeht.

FRAGE: Jeder weiß, was er zu tun hat?

WAM KAT: Absolut. Es gibt nur die Absprache, dass im Notfall jeder einen Topf hat. Das ist mein Topf und da darf keiner mitreden. Im Endeffekt bin nur ich allein dafür verantwortlich, was da raus kommt. Wenn wir das nämlich nicht absprechen, kriegen wir Ärger. Wir werden da nicht mit acht Menschen diskutieren: Ist das Essen jetzt fertig oder ist es noch nicht fertig? Jeder muss für seine eigenen 300 Liter gerade stehen und wir können es uns nicht leisten zu streiten. Wenn da in der Küche einer steht und anfängt zu schreien, das geht nicht, der muss da weg. Dann wird er auf fünf Kilometer Abkühlung geschickt. Das können wir in unserer Küche nicht haben.


Der rote Holländer

FRAGE: "Rampenplan" gibt es noch, aber du bist in Berlin auch an einem anderen Projekt beteiligt: an der "Fahrenden Gerüchteküche", ebenfalls ein Kochkollektiv, das vegan und vegetarisch kocht. Du selbst lebst seit vielen Jahren in Fläming. Was gefällt dir am Leben auf dem Lande?

WAM KAT: Die Nähe zu Berlin, außerdem ist da Platz und Ruhe. Du brauchst nicht ständig deinen Kindern hinterherrennen. Wenn bei mir zuhause mal mehr als drei Autos vorbeifahren, denke ich über eine Ampel nach. Fläming kommt von Flamen, heute liegt das in Belgien, aber das gehörte ja auch mal zu den Niederlanden. Ich bin also so etwas wie ein Botschafter: der Holländer, mit viel Humor und Witz.

FRAGE: Du bist dort auch Politiker?

WAM KAT: Ich bin Mitglied bei der "Linken" und sitze auch im Stadtrat. Im Unterschied zu den meisten bin ich aber einer aus dem Westen und ganz ohne SED-Vergangenheit. Die hatten nur Staatskapitalismus, ich will aber wieder dahin, wo es bei uns in den Siebzigern an der Basis angefangen hat.

FRAGE: Wie stellst du dir das vor?

WAM KAT: Als Kollektiv in zehn Jahren autark - das wäre für uns ein riesiger Schritt nach vorne. Wir wollen selbst unser Essen produzieren und kontrollieren. Es ist unser Eigentum. In diesem Sinne nicht nur Vegetarismus, sondern überhaupt der bewusste Umgang mit Nahrung. Wobei vegetarisch oder vegan eigentlich die ersten Stufen sind, in denen man überhaupt erst anfängt richtig über Nahrung nachzudenken.

FRAGE: Welche Rolle spielt dabei die Küche?

WAM KAT: Rampenplan oder auch die "Fahrende Gerüchteküche" sind Kollektive. Es ändert sich in vielen Dingen etwas, aber die Eigentumsrechte, die ändern sich nicht. Wir machen mit unserer Küche, was wir auch leben wollen - es funktioniert. Wir sind damit auch Botschafter unserer Region. Ob das mit Fleisch ginge - ich glaube es nicht.


Buchtipp:

"24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung"
von Wam Kat
17 x 22 cm 256 Seiten gebunden
mit vielen ganzseitigen Farbfotos
(25,- Euro (D) / 25,70 Euro (A) / SFr 44,00 (CH)
ISBN 978-3-936086-36-2


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Quelle:
natürlich vegetarisch 01/10 - Winter 2010, S. 8-10
61. Jahrgang
Vegetarierbund Deutschland e.V. (VEBU)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. Januar 2010